Osnabrück Lukas Liesenfeld leitet Notaufnahme im Klinikum: Wer ist der Manager im Arztkittel?
Die Notaufnahme im Klinikum Osnabrück hat einen neuen Leiter. Chefarzt Lukas Liesenfeld übernimmt das „Herzstück“ des Krankenhauses in turbulenten Zeiten. Der 37-Jährige bringt nicht nur medizinische Exzellenz mit, sondern auch Know-how im Finanzwesen. Warum er trotzdem lieber Arzt als Manager ist.
Lukas Liesenfeld gehört zu den jungen Erwachsenen, die an der Supermarktkasse lange nach ihrem Ausweis gefragt wurden. Mittlerweile würde das vermutlich nicht mehr passieren, aber sicher kann der neue Leiter der Zentralen Notaufnahme (ZNA) im Klinikum Osnabrück nicht sein. Er habe nur schon lange nichts mehr gekauft, bei dem Kassierer die Volljährigkeit überprüfen müssten, sagt er bei einem Gespräch im ZNA-Büro.
Keine legalen Suchtmittel also für den 37-jährigen Mediziner, der damit vorlebt, was langfristig vor einigen Krankheitsbildern schützen kann, die er bei Notfallpatienten tagtäglich zu sehen bekommt. Als einer der jüngsten Chefärzte in der Osnabrücker Krankenhauslandschaft lenkt der gebürtige Hamburger seit zwei Monaten die Geschicke der Notfallversorgung im größten Krankenhaus der Stadt – und damit „das Herzstück“ des Klinikums. So hat es Aufsichtsrat Fritz Brickwedde bei Liesenfelds offizieller Begrüßung formuliert.
Schon bei studentischen Praktika habe er die Notaufnahme als „den spannendsten Bereich“ empfunden. Dort habe er in kürzester Zeit am meisten gelernt, sagt der 37-jährige Chirurg selbst. Die Notaufnahme sei für ihn „der Inbegriff ärztlicher Tätigkeit“. In keiner anderen medizinischen Abteilung sehe man so viele Patienten in so hoher Frequenz mit so unterschiedlichen Erkrankungen und müsse schnell entscheiden.
„Wir behandeln Patienten mit Erkrankungen sehr geringer Schwere bis hin zu Nichtigkeiten und dann Patienten, die unter einem Herz-Kreislauf-Stillstand kommen.“ Beide Extreme seien auf ihre Art fordernd, bei hoher Auslastung manchmal überfordernd, sagt Liesenfeld.
Die Medizin habe in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Heute könne man schwer kranken Menschen helfen, die vor einigen Jahrzehnten noch keine Chance gehabt hätten. Das führt aber zu ganz neuen Dilemmata in der Notfallversorgung, wie Liesenfeld kritisch beobachtet. „Wir haben heutzutage viel mehr Werkzeuge in der Tasche. Manchmal müssen wir nur gut überlegen, ob es eine gute Idee ist, diese ganzen Werkzeuge aus dem Kasten zu holen.“
In der Notaufnahme folgt der 37-Jährige auf Chefarzt Lars Herda, der das Klinikum in Richtung Münster verließ. Liesenfeld kommt in turbulenten Zeiten nach Osnabrück. Die hiesige Kliniklandschaft steht vor immensen Herausforderungen. Seit Jahren schreiben die Krankenhäuser der Stadt wie in ganz Deutschland rote Zahlen. Zudem zwingt sie die Krankenhausreform zu Veränderungen.
Vor diesem Hintergrund soll das kommunale Klinikum unter dem Dach einer gemeinsamen Holding mit dem innerstädtischen Marienhospital und dem Franziskus-Hospital Harderberg kooperieren, beide in Trägerschaft der katholischen Niels-Stensen-Kliniken. In diesem Geflecht sieht das medizinische Zielbild das Klinikum als „umfassenden Notfallstandort“ vor.
Liesenfeld würde als Chefarzt in einigen Jahren also nicht weniger als die zentrale Versorgung aller schweren und schwersten Verletzungs- und Erkrankungsfälle in der Region verantworten. Diese Herausforderung sei einer der Gründe gewesen, sich für Osnabrück zu entscheiden, betont er. Den Prozess mitzugestalten, „um für die Menschen hier in der Region eine möglichst sehr gute medizinische Versorgung zu gewährleisten, sehe ich als Chance und Privileg“.
Dabei wird Liesenfeld zugutekommen, dass er erwiesenermaßen nicht nur ein exzellenter Mediziner ist, sondern auch über Sachverstand im Finanzwesen von Krankenhäusern verfügt. Neben seiner Facharztausbildung an der Uniklinik Heidelberg, die an sich schon zeitraubend und anspruchsvoll genug wäre, absolvierte er einen Master of Business Administration. „Ich wollte klüger werden, um das System, in dem ich arbeite, besser zu verstehen“, erklärt er dazu.
Trotzdem wäre der Manager mit Medizin-Know-how nie eine Berufsalternative für ihn gewesen, stellt Liesenfeld klar. Dafür stehe er zu gern am Klinikbett, behandele Patienten und gebe sein Wissen ans Team weiter. „Ich bin viel lieber Arzt als Manager. Ein Tag, an dem ich gar keinen Patienten sehe, ist schon eher ein blöder Tag.“
Ein guter Tag ist für Liesenfeld außerdem einer, an dem nach Feierabend noch Stunden für die Familie bleiben. Nach vielen Jahren im süddeutschen Exil in Heidelberg zog der 37-Jährige mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen Töchtern an seine neue Wirkungsstätte in Osnabrück und damit zurück in den Norden. Hier wird sein „Moin“ zur Begrüßung endlich nicht mehr skeptisch beäugt – sondern erwidert.