Osnabrück Streit um Kunst: Warum ich das Anne-Frank-Bild von Constantino Ciervo schamlos finde
Das Bild sieht harmlos aus, ist aber ein schamloses Machwerk: Constantino Ciervo zeigt Holocaust-Opfer Anne Frank mit Palästinensertuch. Das Bild stößt auf Widerspruch - zu recht.
Kunst kommt nicht von Konsens. Kunst muss nicht allen gefallen. Kunst ist vor allem frei. Ihre wichtigste Aufgabe in einer freien Gesellschaft: Kunst sorgt für Debatten, sie treibt den Diskurs an. Wer davon ausgeht, kann auch Constantino Ciervos Porträt von Anne Frank für ziemlich gelungen halten. Das Bild, das gerade im Potsdamer Museum „Fluxus +“ gezeigt wird, sorgt, gelinde gesagt, für Diskussionen.
Kunst kommt nicht von Konsens. Kunst muss nicht allen gefallen. Kunst ist vor allem frei. Ihre wichtigste Aufgabe in einer freien Gesellschaft: Kunst sorgt für Debatten, sie treibt den Diskurs an. Wer davon ausgeht, kann auch Constantino Ciervos Porträt von Anne Frank für ziemlich gelungen halten. Das Bild, das gerade im Potsdamer Museum „Fluxus +“ gezeigt wird, sorgt, gelinde gesagt, für Diskussionen.
Kunst muss nicht gefallen. Aber sie muss sich eines selbst gefallen lassen: Ablehnung und Widerspruch. Wenn es um das Anne-Frank-Bild von Ciervo geht, ist meine Meinung klar. Ich halte das Bild für eine brave Pinselei und – pardon für das heftige Wort – für ein abgefeimtes Machwerk. Warum: Weil es das Andenken an die Opfer des Holocaust an ein scheinheiliges Humanitätsbekenntnis verrät.
Nun könnte ich mir selbst entgegenhalten, dass Kunst nicht einfach an moralischen Kriterien gemessen werden darf. Kunst geht nicht in einer besseren Moral auf. Richtig. Das Problem in diesem Fall: Der Künstler Constantino Ciervo unterlegt sein Bild selbst mit einem moralischen Bekenntnis. Bei diesem Wort darf man ihn nehmen.
Was macht das Bild so brisant? Ciervo zeigt Anne Frank an einem Schreibtisch sitzend. Das Mädchen hat vor sich ein Tablet liegen. Über ihre Schultern ist ein Kufiya, ein palästinensisches Tuch gebreitet. Das Bildnis Anne Franks, die im Alter von 15 Jahren 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb, soll so zu einer universellen Mahnung gegen Gewalt werden, sagt der Künstler.
Aber wie kann man Anne Frank, deren Tagebuch als Zeugnis gegen den Terror des Nationalsozialismus weltberühmt wurde, einfach so zu einer Mahnfigur im Konflikt und den Krieg in Gaza umcodieren? Ich finde das unzulässig. Wer Anne Frank als palästinensisches Opfer inszeniert, zeigt auf die Israelis als Täter, die den Nazis gleichen sollen. Was für eine Umkehr des Verhältnisses von Täter und Opfer. Das kann nicht akzeptabel sein.
Das Bildnis kommt in seiner glatten Machart harmlos daher. Dabei ist es an polemischer Sprengkraft kaum zu überbieten. Constantino Ciervo verfälscht geschichtliche Fakten, er verharmlost den Zivilisationsbruch des Holocaust, instrumentalisiert das Opfer Anne Frank für den aktuellen Meinungskampf um den aktuellen Konflikt zwischen Israel und Gaza.
Ist der Kulturbetrieb in Teilen antisemitisch? Das mehr als fragwürdige Bildnis Anne Franks gibt solchem Vorwurf neue Nahrung. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, hat inzwischen Strafanzeige gegen die Potsdamer Ausstellungsmacher gestellt, die sich auch darüber hinaus scharfer Kritik ausgesetzt sehen.
Ich finde diese Kritik richtig, bin aber der Meinung, dass das Bild nicht einfach abgehängt werden sollte. Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut. Sie gilt es zu schützen, auch wenn einzelne Kunstwerke Zumutungen sind. Bei dem Bild von Constantino Ciervo ist genau das der Fall. Die Kontroverse um dieses Werk trägt jedoch dazu bei, wieder klar an den Holocaust als ein Menschheitsverbrechen zu erinnern, das nicht instrumentalisiert werden darf.
Ich finde, dass gerade jetzt der Blick auf Anne Frank selbst gerichtet werden sollte. Sie hat das schöne, weil für sie erfüllte Leben gesucht. „[Ich] suche dauernd nach einem Mittel, um so zu werden, wie ich gern sein würde und wie ich sein könnte, wenn ... wenn keine anderen Menschen auf der Welt leben würden.“ So lautet der letzte Satz, den sie in ihr Tagebuch geschrieben hat. Dann kamen die Nazis. Anne Frank steht für den Anspruch auf das eigene, unwiederbringliche Leben. Constantino Ciervo hat aus ihr ein Abziehbild gemacht. Das ist schäbig, künstlerisch wie moralisch.