Neumünster  Wie Weihnachten kein Desaster wird und warum der Psychotherapeut „Tatsächlich Liebe“ empfiehlt

Nikolaus Schmidt
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Von Nikolaus Schmidt
| 23.12.2025 14:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Stress unterm Weihnachtsbaum kann niemand gebrauchen. Foto: www.imago-images.de
Stress unterm Weihnachtsbaum kann niemand gebrauchen. Foto: www.imago-images.de
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Weihnachten soll perfekt sein: Doch Erwartungsdruck und Werbebilder erzeugen laut Psychotherapeut Heiko Borchers häufig Stress unterm Tannenbaum. Was dagegen hilft.

Kennen Sie „Tatsächlich Liebe“, den Hollywood-Film? Wenn nicht: unbedingt ansehen! Weshalb? Dazu später mehr. Wenn ja: Erinnern Sie sich an das Gesicht von Karen (Emma Thompson), als sie das Geschenk ihres Ehemannes Harry (Alan Rickman) voller Erwartungen auspackt. Ja, Weihnachten, der Heilige Abend – es kann auch die Zeit des Stresses, der unerfüllten Erwartungen, der Enttäuschungen, des Streits, gar des Zusammenbruchs einer Familie sein. Wieso ist das so?

Heiko Borchers, praktizierender Psychotherapeut seit Jahrzehnten, kennt das Phänomen aus seiner täglichen Praxis nur zu gut. „Hochglanz, der immer akkurat gedeckte Tisch, unsere Vorstellungen, und ja, die Werbung und die unzähligen Hollywood-Schinken machen den Unterschied“, sagt Borchers. Alles muss perfekt sein – auf den Punkt, an diesem Tag. Doch dann passiert es, nichts läuft so ab, wie wir es uns vorgestellt haben. Das Einzige, was dann perfekt ist: die „Ent“-Täuschung.

„Wir orientieren uns viel zu stark am Äußeren – und an dem, was uns Werbung und Hollywood-Schnulzen seit Jahren erzählen“, sagt Borchers. Harmonie auf den Punkt genau, einmal im Jahr, bitte. Doch genau das könne nicht funktionieren. Und dann tragen wir die Bilder aus unserer Kindheit in die neue Welt, der unserer eigenen Familie, hinein. Der sichere Weg ins Desaster. Denn die Welt des Kindes ist eine andere als die des Erwachsenen. Die Wünsche nach Harmonie, einer Geselligkeit im perfekt inszenierten Ambiente und umrahmt von überlieferten Ritualen, sie geraten zum Zwang. Man muss zusammensitzen, man muss es genießen, man muss zur Ruhe kommen. Das Paradoxe ist: Je mehr wir das erzwingen, desto weniger gelingt es.

Borchers rät zu mehr Gelassenheit, zum Loslassen von alten Glaubenssätzen und zum Reden: „Habe Mut zur Lücke“, so der Psychotherapeut. „Formuliere deine Überforderung, den Stress, den du fühlst, und schaffe Lösungen und eine Atmosphäre der Freundlichkeit und Entspannung.“ Und ja, da fällt mir das Weihnachtsfest ein, im großen Kreis, mit der Familie der Ehefrau, mit zwölf Personen zwischen zwei und 82 Jahren. Schon im Frühherbst geplant, viel besprochen, jedes erwachsene oder fast erwachsene Kind hatte seine zugewiesene Rolle – am Herd, für die Vorbereitung des Essens, der Betreuung der Kleinsten und sogar der Weihnachtsmann kam. Alle waren entspannt, niemand gestresst – sogar fröhlich und am Ende noch Monate danach überrascht, welch ein gelungenes Fest es geworden war.

„Ja“, sagt Borchers, „die Atmosphäre ist entscheidend“. Aber eben nicht jene, die uns durch Rituale und etwas Äußeres, das uns von der Gesellschaft, unserem Umkreis übergestülpt wird, sondern jene, die wir durch unser Verhalten selber erzeugen. „Letztlich wollen wir doch Gemeinsamkeit, Geselligkeit. Das Feiern einer Geburt ist doch das zentrale Motiv des Weihnachtsfestes.“

Aber wie schafft man eine solche Atmosphäre? Erstens: reden. Denn dadurch entstehen zweitens keine überzogenen Erwartungen – was im Übrigen die Wahrscheinlichkeit einer Enttäuschung erheblich verringert. Drittens schließlich: Mut zur Lücke, auch mal Neues wagen, loslassen und die Chance zur Entschleunigung und der inneren Einkehr geben. Wie? Zum Beispiel durch das Vorlesen einer nicht ganz typischen Weihnachtsgeschichte, wie jener von Jorge Bucay „Der Kreis der 99“. Und danach dann: „Tatsächlich Liebe“ schauen – beides, die Geschichte und der Film, bringen nicht nur Ablenkung, sondern regen zum Nachdenken, zum Austausch untereinander an – und: Sie lenken den Blick auf das, was wirklich zählt, das Wesentliche. Denn: Nicht das Weihnachtsfest ist schuld am Scheitern, es ist unser Blick darauf, unsere überzogenen Erwartungen.

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