Osnabrück/Hannover Dominicus Meier und Ralf Meister: Was die Bischöfe zu Weihnachten zu sagen haben
Zu Weihnachten 2025 heben der katholische Osnabrücker Bischof Dominicus Meier und Ralf Meister, evangelischer Landesbischof, die Bedeutung der Feiertage für die Gesellschaft hervor. Hier können Sie ihre Predigten nachlesen.
Dominicus Meier steht seit 2024 an der Spitze des Bistums Osnabrück, das fast 500.000 Katholiken im westlichen Niedersachsen umfasst. Er feiert am ersten Weihnachtstag im Osnabrücker Dom das Pontifikalamt um 11 Uhr. Vorab stellte das Bistum seinen Predigttext zur Verfügung.
Ralf Meister ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Damit ist er oberster Geistlicher für 2,1 Millionen Protestanten, auch in der Region Osnabrück. Seine Predigt hielt er in den Gottesdiensten an Heiligabend um 16 Uhr und um 18 Uhr in der Marktkirche in Hannover.
„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Johannes 1,1.
Sie gehören einfach zu Weihnachten dazu. Kinder haben sie schon vor Wochen aufgeschrieben, vielleicht noch einmal korrigiert und dann mit aufgeregten Herzen auf den Heiligen Abend gewartet: die Wünsche. Wünsche an das Christkind, Wünsche an das Fest der Liebe, Wünsche an das Miteinander in der Familie und unter Freunden. Jeder wünscht sich, dass es in diesem Jahr gute Weihnachten werden sollen.
So versenden viele von uns Weihnachtskarten mit guten Wünschen an liebe Menschen. Am letzten Freitag erhielt ich jedoch eine Karte, die nicht in das übliche Wunsch-Schema passte und mich aufhorchen ließ. Eine schlichte weiße Karte, auf der in grüner Schrift zu lesen war: „Ich wünsche Dir …“ Ich musste die Karte umdrehen und las weiter: „… gelebte Weihnacht im kommenden Jahr!“
Ich wünsche Dir gelebte Weihnacht im kommenden Jahr?
Gelebte Weihnacht? Was sollte das bedeuten? Ich schaute auf den Absender, legte die Karte zur Seite, holte sie aber immer wieder hervor, las und drehte sie von der einen auf die andere Seite und immer wieder der Satz: Ich wünsche dir gelebte Weihnacht im kommenden Jahr!
Diese Karte und ihr Wunsch haben mich seither nicht losgelassen – gelebte Weihnachten bei uns? Der Wunsch drückt doch aus, dass etwas vom Wunder der Menschwerdung des göttlichen Wortes auch unsere Werktage, unsern Alltag, unser Familienleben und unser Miteinander präge. Er drückt aus, dass die Botschaft der Menschwerdung nachhaltig wirken möge in unseren Begegnungen und Worten, auch über das Weihnachtsfest hinaus.
Mit diesem außergewöhnlichen Wunsch im Ohr las ich das Evangelium des heutigen Weihnachtstages vom Wort, das an allem Anfang stand. Ich fragte mich, was mir der Anfang des Johannesevangeliums zur gelebten Weihnacht sagen könnte. Welche Spuren einer gelebten Weihnacht würden das mir von Anfang an zugesprochene Wort des Lebens und die Weihnachtsgeschichte in meinen Alltag weisen?
Erste weihnachtliche Spur: Sich ansprechen lassen.
Maria und Josef geben dem göttlichen Wort Raum in ihrem Leben. Sie lassen sich ansprechen. Sie sind offen für die Botschaft des Engels, obwohl dieser ihre Lebensträume verändert. Wo andere die Türen der Herberge zuschlagen, öffnen sie das Tor ihres Herzens. Bethlehem, ein Ort am Rande des Weltgeschehens, wird durch die Bereitschaft zweier junger Menschen zur Herberge neuer Lebenserwartung.
Wer Weihnachten leben will, muss sich vom göttlichen Lebenswort ansprechen lassen. Man kann dieses Lebenswort in den alltäglichen Begegnungen wahrnehmen und mit ihm im alltäglichen Miteinander Lebensräume öffnen. Gott spricht seit Anfang der Schöpfung sein Wort des Lebens, durch das alles geworden ist.
Eine zweite Spur: Hinhören.
Voll Ehrfurcht und Verwunderung lauschen die Hirten während der Nachtwache bei ihren Herden den vertrauten Tönen der Nacht. Sie kennen die Geräusche und die Laute ihrer Tiere. Doch plötzlich ist da etwas Unbekanntes, das für Unruhe sorgt. Engel singen und sprechen ihnen eine Freude zu, die alle Angst und Furcht nimmt. Hellhörig und sensibel nehmen sie den Anruf der Engel wahr und wagen den Aufbruch, nicht wissend, was sie im Stall erwartet. Mit ihren alltäglichen Fragen und Zweifeln brechen sie auf.
Wer Weihnachten leben will, der muss hellhörig sein und das Ohr des Herzens neigen. Er sollte Mut zeigen, sich herausrufen zu lassen aus all dem Dunkel menschlicher Nacht, heraus aus der selbst gewählten Unfreiheit, dem Joch des Nichtvergessens, all der Dunkelheiten, die uns erfassen und unser Leben einengen wollen.
Eine dritte Spur: Annehmen.
„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“
Die Botschaft der Weihnacht wendet sich an alle Menschen. Jeder ist bei Gott geachtet! Keiner wird von der Botschaft des Lebens und des Friedens ausgeschlossen, der sie mit Ohr und Herz annimmt. Wer Weihnachten leben will, der darf sich an dem orientieren, der als Licht in die Welt kam, um vom ewigen Licht Zeugnis zu geben. Wer Weihnachten leben will, der muss dranbleiben am Geheimnis des Lebens und jedes Leben wertschätzen. Denn wir alle empfangen aus seiner Fülle das Leben.
Gott will es an Weihnachten nicht beim Wundern und Staunen belassen. Gott will in seiner Menschwerdung ermutigen, die Kraft aus Weihnachten in unsere Werktage mitzunehmen. Um das Leben geht es, um eine Lebensgestaltung vermittels der Weihnachtsbotschaft. Durch sie ist neues, sich veränderndes Leben möglich. Weihnachten bietet eine neue Lebensqualität, ein neues Lebensziel, eine neue Lebensweise.
Vielleicht lassen wir uns von Gott und seinem schöpferischen Wort anregen, einander neu zu begegnen, neue Lebensräume zu eröffnen und Verantwortung füreinander und für die nach Solidarität suchenden Menschen zu übernehmen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien gesegnete, vor allem aber erlebte und gelebte Weihnacht!
Der Friede Gottes, von dem Engel in Bethlehem singen, sei mit euch allen. Amen.
Liebe Festgemeinde, ich liebe alte Bücher, alte Autos, alte Musik. Ich mag bejahrte Bräuche und vergangene Gewohnheiten. Deshalb liebe ich Weihnachten. Es gibt kein zweites, prägendes Festereignis in unserer Gesellschaft, welches so viel Anachronistisches und Überholtes in sich trägt. Über dem ganzen Weihnachtsfest liegt ein zarter Hauch des Gestrigen. Das beginnt schon mit der Vorbereitung. Niemals im Jahr bekomme ich so viele handgeschriebene Karten. Manchmal nur wenige Sätze, manchmal ein ganzer Brief. In meinem Büro haben wir seit vielen Jahren den Brauch, alle Karten an einer langen Wäscheleine in unseren Fluren, für jeden sichtbar, aufzuhängen. An Wäscheklammern schwingen dort Hunderte Foto- und Spruchweihnachtskarten. Fast alle mit einem kurzen persönlichen Gruß, einem frommen Wunsch. Sie zeigen zuerst einmal: Ich denke an euch. Und sie bezeugen: „Es ist für uns eine Zeit angekommen“. Eine Zeit, in der wir aneinander denken.
Vor wenigen Tagen las ich, dass die dänische Post die Briefzustellung einstellen wird im neuen Jahr. Der Brief, auch der handgeschriebene Brief, ob Hochzeitsgratulation, Segenswunsch zur Taufe oder die tröstliche Kondolenz, sie werden abgelöst von digitalen Ziffern auf einem Bildschirm. Die digitalen Weihnachtsgrüße lese ich eher flüchtig.
Vor Augen bleiben die Karten. Deshalb liebe ich auch England. In diesem Land gibt es Formen, mit denen das Traditionelle weiterhin kultiviert wird. Das ist etwas archaisch und manchmal auch ziemlich skurril. Ich mag das. Es gibt dort sogar eine Gesellschaft, eine „Society“, die sich um die Huldigung der handgeschriebenen Briefe versammelt. Auch für mich hat es eine Bedeutung, dass ich, bevor ich schreibe, ein Stück Papier in die Hand nehme, vielleicht auch zuvor nach dem richtigen Postkartenmotiv meine Schublade durchsuche, meinen Füller herausnehme und überlege, was ich schreiben möchte. Jede Korrektur, jedes Schriftbild zeugt von diesem Prozess. Ist das alles passé? Für mich nicht.
Neues wird kommen, gewiss, und wie so vieles Alte auch wieder vergehen. Eine Erzählung trotzt diesem Vergehen, die biblische Weihnachtsgeschichte. Sie wird immer noch und immer wieder gelesen. Sie wird besungen, gefeiert und aufgeführt. Sie geht ins Herz und sie geht in die helfende Hand. Sie berührt, als wäre sie meine eigene Geschichte, als wäre sie Teil meines Lebens. Was passiert da? Warum hält sich eine Story, die so altbacken und antiquiert und völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint, bis heute? Warum bleibt diese Geschichte kulturprägend bis heute? Sogar weltweit.
Ja, die Weihnachtsgeschichte ist im ursprünglichen Sinn aus „der Zeit gefallen“. Sie erzählt von einer Zeit, die nicht vergeht, wie Tage im Abend enden oder Jahre einander ablösen. Sie beschreibt eine Zeit, eine messianische Zeit, die sich immer wieder neu ereignet, sobald sie erzählt wird. Eine Welt mit Gott in unserer Mitte. Diese Zeit setzt einen neuen Mittelpunkt. Alle verstaubten Vorstellungen einer göttlichen Macht fern im Himmel, tief in der Unterwelt oder verborgen in den geheimen Kammern unserer Seele sind passé. Gott ist hier, mitten unter uns. Der berühmte erste Satz dieser Erzählung, „Es begab sich aber zu der Zeit …“, klingt wie ein Satz des Rückblicks und ist zugleich der Durchbruch für eine bis heute unabgeschlossene Zukunft. „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa …“ – ein Aufbruch. Ein Satz, der eine unstillbare Bewegung in die Geschichte bringt. Der uns selbst immer wieder aufbrechen lässt.
Ein Blick zurück, damit wir neu beginnen können. Zurück, damit wir uns auf den Weg machen. Ob es bei diesem Zurück allein um gute Erinnerungen geht, die wir an das Weihnachtsfest heften, weiß ich nicht. Gewiss, diese Tage sind übervoll mit Erinnerung: an Besonderes und sich Wiederholendes. Wir tragen sie wie einen großen Speicher in uns – Bilder, Klänge, Gerüche, Worte, die sich Jahr für Jahr neu einschreiben. Ein Speicher des Glücks, in dem die Vorstellung einer Erlösung mitschwingt.
Vielleicht ist es genau das, was wir oft „altmodisch“ nennen. Dieses „altmodisch“ hat viel mit Treue zu tun. Treu sein gegenüber den Gewohnheiten, die einem lieb und teuer sind. Denkt an all die Gewohnheiten, an all das Schöne, welches für euch seit Jahren oder Jahrzehnten zu diesem Fest gehören. Wie oft sagt einer oder eine: „Das gehört für mich zu Weihnachten aber dazu!“ Vom Lametta bis zur Gans. Von „O du fröhliche“ bis zur Weihnachtsgeschichte. Und wie oft denkt ihr in diesen Stunden und Tagen an die, die nicht mehr bei uns sind. Weihnachten mit Großeltern, Eltern, Lebenspartner oder anderen lieben Menschen, die nun schon ganz in Seiner Barmherzigkeit aufgehoben sind.
Für mich ist Weihnachten vor allem, treu sein zu Menschen und zu Gott selbst. Die Erzählung aus dem Lukasevangelium ist so allgemeingültig, weil sie ganz konkret ist. Sie ist zeitlos, weil sie einen konkreten Ursprung in der Geschichte hat. Eine Patchwork-Familie in Not. Eine Welt, die zerrissen ist, und ein Gott, der sich auf den Weg macht. Diese Rettungsgeschichte wurde immer dann bedeutsam, wenn die Welt aus den Fugen geriet. In Krieg und Flucht, unter Diktatoren oder wenn der Weltuntergang erwartet wurde. Sie birgt gültige Weisheiten in schlichter Art.
So ist dieses Geschehen ein Bericht gegen selbst ernannte Erlöser. Von denen haben wir zurzeit viele. Vermeintliche oder selbst ernannte Erlösergestalten liegen im Trend. Weltretter oder Friedensfürsten nennen sie sich. Millionen sehnen sich nach solchen autoritären Führungsfiguren. Chaos ordnen, Krieg beenden, Glück verschenken, ihre Großmacht kennt kein Ende. Erlöser reden laut. Sie versprechen eine neue Welt und eine andere Zukunft. Und sie sprechen ununterbrochen.
Der Erlöser, dessen Ankunft in der Heiligen Nacht verkündet wird, entzieht sich diesem Muster. „Daran sollt ihr ihn erkennen“, sagen die Engel. „Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegend.“ Keine Parolen, nur ein Kind; angewiesen auf andere, scheinbar machtlos.
Dieser Retter tritt nicht als Gestalter der Verhältnisse auf, sondern als einer, der sich den Verhältnissen aussetzt. Sein Name, den man ihm gibt – „Jesus“, „Gott rettet“ – ist kein Machtanspruch. Es ist eine Verheißung. Schon vor seiner Geburt klingt es an. Seine Mutter Maria singt ein Lied gegen die Erlöserfiguren dieser Welt: Gott wird die Maßstäbe verschieben. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ (Lukas 1,52) Seine Geistkraft sortiert alles neu. Hinter seiner Sehnsucht sammeln sich die Menschen. In ihm finden sie Kraft zur Veränderung.
Wie ein neugeborenes Kind Eltern, Geschwister, Großeltern verwandelt, das wissen wir. Diese kleinen Friedenszeuginnen sind die stärksten Hoffnungsträger, die wir haben. Jedes Kind setzt eine Hoffnung in die Welt. Nichts ist mehr wie zuvor. Sie sind Friedensbotschafter für diese wankende Welt. Botschafterinnen und Botschafter, die im Jahr der selbst ernannten Erlöser besonders wichtig sind.
Denn wir brauchen keine Verdoppelung der Hoffnungslosigkeit durch fortwährendes Klagen. Durch zerknirschte Predigten oder depressive Grundtöne. Diese Welt braucht das Gegengewicht. Sie braucht die Kraft anschaulich gelebter Hoffnung, so wie sie mit jedem Kind zur Welt kommt. Wir schulden einer Welt, die zu zerspringen droht, unsere Hoffnung. Nur so gleichen wir das Defizit an gelebter Hoffnung aus, in der sich die Autokraten so wohlfühlen.
Wir problematisieren. Wir bleiben zögerlich. So kenne ich mich auch. Spreche ich genug von meiner Hoffnung? Sage ich laut, wer wir sind als Christinnen und Christen? Geben wir Rechenschaft über unsere Hoffnung im Blick auf diese Welt? Im Blick auf die Schöpfung und unsere Mitmenschen?
Wir werden in all den Veränderungen nicht untergehen, wenn wir treu bleiben. Treu in unserer Liebe zu den Menschen. Treu im Einsatz für den Frieden. Treu im achtsamen Umgang mit dieser Erde. Diese Treue ist keine großzügige menschliche Geste. Sie ist eine Antwort. Die Antwort auf eine Treue, die uns längst vorausgeht.
Nicht wir sind die Treuen. Gott ist es. Dietrich Bonhoeffer hat diese Gewissheit im Gefängnis in Worte gefasst, wenige Monate bevor die Nationalsozialisten ihn ermordeten: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar.“ Gottes Treue hält stand – auch im Unheil, auch in Schuld, Gewalt und Zerstörung, auch dort, wo Menschen und Systeme versagen. Gott zieht seine Hand nicht zurück. Er bleibt treu. „Ist auch mir zur Seite, still und unerkannt.“
Wir beantworten diese Treue. In unserem verantwortungsbewussten Handeln. In unserer Hilfe für andere. In unserem Gebet, in unserer Dankbarkeit. Nicht, weil wir dieser Welt etwas schuldig wären. Sondern weil wir Gott unsere Treue schulden – als Antwort auf seine Nähe, die uns trägt.
Weihnachten erinnert uns daran. Es verbindet die biblische Geschichte mit den Stimmen und Leben von Menschen über zwei Jahrtausende hinweg. Und wir sind die Zeuginnen dieser Botschaft in unseren Jahren. Wir füllen sie mit unseren eigenen Erinnerungen und mit dem, was noch kommen soll. Weihnachten erzählt nicht nur, was einmal war. Es entwirft, was werden kann.
Darin ist diese uralte Geschichte topmodern. Sie ruft uns zurück und sie sendet uns aus. Hoffnungsvoll. Und treu getragen von der Gewissheit: Gott ist da. Mitten unter uns. Amen.