Ärztemangel  Patienten in Ostfriesland brauchen Geduld

Petra Herterich
|
Von Petra Herterich
| 29.12.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Hausärzte könnten künftig die Patienten als Lotsen durch das Gesundheitssystem lenken. Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Die Hausärzte könnten künftig die Patienten als Lotsen durch das Gesundheitssystem lenken. Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Artikel teilen:

Stipendien, neue Notrufmodelle und Apothekenreform – in Ostfriesland bleibt die medizinische Versorgung trotz vieler Initiativen angespannt.

Leer - Für Patienten in Ostfriesland war das vergangene Jahr vor allem geprägt von Suchen und Warten – der Suche nach einem Fach- oder Hausarzt und langen Wartezeiten auf einen Termin. Überfüllte Praxen gehören längst zum Alltag eines jeden niedergelassenen Mediziners. Derzeit fehlen in der Region allein 46 Hausärzte, so eine Erhebung des Bezirks Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Wie wird es im kommenden Jahr weitergehen? Worauf hoffen die Ärzte – und was kommt auf die Patienten zu?

„Niedergelassene Ärzte im Schwebezustand“

„Wir geben die Hoffnung nicht auf! Die Hoffnung auf ehrliche Reformen im Gesundheitssystem, die zu einer besseren Versorgung kranker Menschen und zu besseren Arbeitsbedingungen in den Praxen führen“, sagt die Heseler Hausärztin Mareike Grebe. Sie ist auch Vorsitzende im Bezirk Aurich der KVN und kritisiert: „Wir als niedergelassene Ärzte befinden uns weiterhin in einer Art Schwebezustand. Von den vielen angekündigten Gesetzen im Bereich des Gesundheitssektors sind bis auf die Entbudgetierung der Hausarztmedizin keine verabschiedet worden.“ Damit wird die Deckelung des Honorars pro Quartal aufgehoben. Das sei „selbstverständlich positiv zu bewerten wird aber auch schon wieder von den Krankenkassen in Frage gestellt, obwohl die Entbudgetierung noch nicht mal ein Quartal läuft“, berichtet Grebe.

„Patienten sind unter-, fehl- und überversorgt“

Alles in allem befinde man sich im Gesundheitssystem „weiterhin in einem Zustand gleichzeitiger Unter-, Fehl- und Überversorgung“, so Grebe. Alle drei Punkte sind auch für die Patienten in Ostfriesland deutlich spürbar.

Die Heseler Hausärztin Mareike Grebe ist auch Vorsitzende im Bezirk Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: OZ-Archiv
Die Heseler Hausärztin Mareike Grebe ist auch Vorsitzende im Bezirk Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: OZ-Archiv
Unterversorgung – es gibt einfach zu wenig Ärzte angesichts der vielen und immer älter werdenden Menschen. Fehlversorgung – es fehlt für die Patienten an einer klaren Steuerung durch das Gesundheitssystem. Überversorgung – viele chronisch kranke Patienten verstopfen die Praxen, nur weil sie Kontrolltermine einhalten müssen, die die Ärzte entsprechend abrechnen können.

„Bislang sieht es nicht so aus als ob die Politik grundsätzliche Gesetze plant, die hier wirklich etwas ändern“, bedauert Grebe.

Landkreis lockt mit Stipendien und Telemedizin

Neue Ärzte nach Ostfriesland zu locken ist auch gar nicht so einfach. So bietet der Landkreis Leer seit 2011 ein Stipendium für Medizinstudierende an. Dabei verpflichten sich die Studierenden, nach ihrem Abschluss in der Region zu praktizieren. Das Stipendium wurde bisher 52-mal vergeben. Von den fertigen Medizinern sind drei inzwischen im Landkreis Leer tätig, 16 haben stattdessen das Geld zurückgezahlt und sind lieber woanders hingezogen.

Insbesondere bei Fachärzten ist es nicht einfach, einen Termin zu ergattern. Patienten in Ostfriesland brauchen viel Geduld. Foto: Schuldt/dpa
Insbesondere bei Fachärzten ist es nicht einfach, einen Termin zu ergattern. Patienten in Ostfriesland brauchen viel Geduld. Foto: Schuldt/dpa

Um die ambulante Versorgung der Patienten auch abends und am Wochenende zu gewährleisten, wurde im Landkreis Leer jetzt auch nichtärztliches Personal verpflichtet. Die KVN hat dafür einen Vertrag mit der Johanniter-Unfall-Hilfe geschlossen. Unter der Rufnummer 116 117 befragt ein medizinisch geschulter Disponent den Anrufer. Viele Dinge seien am Telefon oder auch per Videoschalte mit einem Arzt lösbar, so die KVN. Beschwerden von Patienten gab es bisher nicht.

Ärztemangel

Jeder vierte Hausarzt in Deutschland plant einer Umfrage zufolge, seine Tätigkeit in den kommenden fünf Jahren aufzugeben. In Niedersachsen sind bereits jetzt mehr als 70 Prozent der Hausärzte älter als 50, mehr als 37 Prozent sind älter als 60. Die Anzahl der Hausärztinnen und Hausärzte wird niedersachsenweit von heute 5.067 auf rund 3.750 im Jahr 2035 sinken. Aktuell sind in Niedersachsen 577 Hausarztsitze unbesetzt.

Die heute aktiven Ärzte sind im Schnitt rund 56 Jahre alt. Gleichzeitig steigen junge Medizinerinnen häufig in Teilzeit in den Beruf ein. Für jeden ausscheidenden Arzt würden daher rechnerisch 1,6 neue Ärztinnen benötigt, so eine Erhebung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Ihre Prognose: 2035 wird der hausärztliche Versorgungsgrad in Ostfriesland teilweise schon unter 50 Prozent liegen.

Da der Ärztenachwuchs die Lücke nicht füllen kann, wird sich laut Bertelsmann Stiftung die Zahl der fehlenden Hausärztinnen und Hausärzte bundesweit in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Bereits jetzt sind in ganz Deutschland mehr als 5.000 Hausarztstellen nicht besetzt.

Was wird aus der Notfallversorgung?

Die Notfallversorgung in Ostfriesland steht aber auch insgesamt vor einem Umbruch: Mit der geplanten Zentralklinik in Uthwerdum wird es an den bisherigen Klinikstandorten in Emden und Aurich keine 24-Stunden-Notfallversorgung mehr geben. Das sorgt für Unsicherheit in der Bevölkerung und für Protest. Das Bundesgesundheitsministerium will die Notfallversorgung bundesweit vereinheitlichen, damit die Qualität der Versorgung nicht mehr abhängig vom Wohnort ist. Anfang 2026 soll ein Entwurf in das Kabinett eingebracht werden. Doch die bundesweite Modernisierung der Leitstellen, die Einführung standardisierter digitaler Notrufabfragen und die Integration medizinischer Expertensysteme kosten Milliarden. Der Bund will die Länder dafür mit einmalig 225 Millionen Euro unterstützen.

Nina Warken (CDU), Bundesministerin für Gesundheit, hat die Apothekenreform auf den Weg gebracht – ohne eine Erhöhung der Honorare. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Nina Warken (CDU), Bundesministerin für Gesundheit, hat die Apothekenreform auf den Weg gebracht – ohne eine Erhöhung der Honorare. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Digitalisierung geht schleppend voran

Doch schon jetzt geht es mit der Digitalisierung im medizinischen Bereich nur schleppend voran. In Ostfrieslands Praxen kämpfen die Ärzte „zu häufig mit technischen Störungen“, bedauert Mareike Grebe. Das erschwere auch den Umgang mit der ePA – der elektronischen Patientenakte. „Noch immer gibt es die ePA nur in einer Basisversion“, kritisiert sie. „Wir brauchen dringend die Anbindung der Krankenhäuser“, so Grebe, erst dann könne die ePA „richtig Fahrt aufnehmen“.

Die Apotheker sollen künftig mehr als nur Medikamente anbieten – auch bestimmte Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen sollen sie anbieten können. Foto: Carsten Koall/dpa
Die Apotheker sollen künftig mehr als nur Medikamente anbieten – auch bestimmte Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen sollen sie anbieten können. Foto: Carsten Koall/dpa

Apotheken steht Wasser bis zum Hals

Ein Punkt, der den Ärzten „Sorge bereitet“, so Grebe, könnte aber für die Patienten durchaus positiv sein: Laut der geplanten Apothekenreform sollen Apotheker bald mehr medizinische Leistungen anbieten – von Impfungen über Vorsorge-Angebote bis hin zu mehr Medikamenten auch ohne ärztliches Rezept. Doch Apotheker in Ostfriesland winken ab. Sie wollen erstmal eine Erhöhung ihres Honorars von 8,35 Euro pro Medikamentenpackung auf 9,50 Euro. Doch das sieht der vorliegende Gesetzentwurf – im Gegensatz zum Koalitionspapier – nicht vor. „Das ist glatter Wortbruch“, schimpfte deshalb schon Berend Groeneveld, Vorstandsvorsitzender des Landesapothekerverbands (LAV) Niedersachsen und Inhaber der Rats-Apotheke in Norden. Den Apotheken stehe das Wasser bis zum Hals. „Flächendeckend werden Apotheken schließen. Das wird in Ostfriesland große Probleme für die Patienten verursachen.“

Ähnliche Artikel