Kinderschutz Mehr Hinweise auf Kindeswohlgefährdung
Die Behörden in Ostfriesland erhalten eine steigende Zahl an Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung. Doch das bedeute nicht automatisch auch mehr Gewalt gegen Kinder, heißt es.
Leer - Es ist ein trauriger Rekord: Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen in Deutschland hat das dritte Mal in Folge einen neuen Höchststand erreicht. Im Jahr 2024 stellten die Jugendämter bei rund 72.800 Kindern oder Jugendlichen eine Gefahr durch Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt fest. Laut Statistischem Bundesamt stieg diese Zahl damit binnen fünf Jahren um fast ein Drittel (plus 31 Prozent). Auch in Ostfriesland sind die Meldungen einer Kindeswohlgefährdung angestiegen. Woran liegt das?
„Wachsendes Bewusstsein in der Bevölkerung“
„Hintergrund könnte unter anderem ein wachsendes Bewusstsein in der Bevölkerung sein“, heißt es von Seiten des Landkreises Wittmund. Auch die Stadt Emden beobachtet: „Grundsätzlich sind die Meldungen von möglichen Kindeswohlgefährdungen konstant gestiegen. Institutionen und Gesellschaft werden immer stärker in den Kinderschutz miteingebunden. So wird der Kinderschutz zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.“ Auch das Ende der Pandemie könnte eine Ursache sein, teilt der Landkreis Wittmund mit, da die Kinder und Jugendlichen wieder regelmäßig in Kitas und Schulen waren, „so dass mehr Meldungen aus den Institutionen möglich waren“.
Wie viele Kinder sind in Ostfriesland betroffen?
„Die Hauptgründe für einen Anstieg der Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen sind Überforderung der Eltern, Vernachlässigung, und Misshandlung“, teilt das Jugendamt des Landkreises Leer mit. Dort wurden in diesem Jahr bisher 110 Kinder und Jugendliche, die sich in einer akuten Notsituation befanden, vorübergehend an einem sicheren Ort untergebracht (Inobhutnahme) – im vergangenen Jahr waren es 118. Von den 110 Betroffenen waren sieben Kinder bis zu zwei Jahre alt, 13 Kinder waren zwischen drei und fünf, fünf Kinder zwischen sechs und acht, acht Kinder zwischen neun und elf Jahre alt, 27 zwischen 12 und 24 und 50 Kinder zwischen 15 und 17 Jahre alt.
Im Landkreis Wittmund erreichten das Jugendamt 2024 insgesamt 73 Kindeswohlgefährdungsmeldungen – in 25 Fällen konnte eine Kindeswohlgefährdung festgestellt werden. In den Jahren zuvor hatte es jeweils 50 Meldungen gegeben. In der Stadt Emden sind die Zahlen „relativ konstant“, heißt es. „Eine Steigerung von Verfahren zum Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung kann in Emden so nicht bestätigt werden“, schreibt die Stadt. „Jedoch kann ein erhöhtes Meldeaufkommen wahrgenommen werden. Dies jedoch werten wir als Zeichen der gesteigerten Bedeutung und Aufmerksamkeit für dieses Thema.“ In Zahlen heißt das: 2024 wurden 49 Kinder im Altersdurchschnitt von 5,5 Jahren vor Vernachlässigung oder Gewalt geschützt.
Was sind die Ursachen für die Misshandlungen?
„Die Ursachen für die Misshandlungen oder Vernachlässigungen sind zumeist Überforderungssituationen“, teilt der Soziale Dienst der Stadt mit. „Bei Vorliegen von belasteten Lebenssituationen werden Schutzpläne vereinbart oder aber Hilfen zur Erziehung eingeleitet.“ So geht man auch in den Landkreisen Leer und Wittmund vor – der Landkreis Aurich beantwortete eine entsprechende Anfrage zur Kindeswohlgefährdung bisher nicht.
Die Hauptursachen für die Vernachlässigungen und Misshandlungen seien oft Erziehungsdefizite bei den Eltern oder auch Stiefeltern, Überforderung, psychische Erkrankungen, Suchtmittelkonsum oder prekäre Lebensverhältnisse, teilt der Landkreis Wittmund mit.
Hilfe finden
Für Kinder und Jugendliche gibt es in Deutschland die kostenfreie und anonyme „Nummer gegen Kummer“ unter 116 111 (Montag bis Samstag, 14 bis 20 Uhr) für alle Sorgen.
Für Eltern gibt es das Elterntelefon unter 0800 111 0550. Es ist montags bis freitags von 9 - 17 Uhr und dienstags und donnerstags bis 19 Uhr erreichbar.
Laut der bundesweiten Statistik ging die Kindeswohlgefährdung in 75 Prozent aller Fälle von einem Elternteil aus. Nur bei vier Prozent war es ein neuer Partner und in sechs Prozent andere Personen wie Verwandte, Pflegeeltern, Trainer oder Erzieher.
Welche Hilfe gibt es für Kinder und Eltern?
„Wir bieten eine Unterstützung durch den Einsatz einer sozialpädagogischen Familienhilfe an oder bieten den Kindern auch die stationäre Unterbringung in einer Pflegefamilie oder Jugendhilfeeinrichtung“, teilt Wittmunds Pressesprecher Ralf Klöker mit. Betroffen seien Kinder und Jugendliche im Alter von bis zu 17 Jahren. „Besonders häufig traten erhebliche körperliche und emotionale Vernachlässigung sowie innerfamiliäre Gewalt auf“, lautet die erschreckende Bilanz. In den meisten Fällen seien dafür Elternteile oder andere Familienmitglieder verantwortlich.
„Daneben gibt es jedoch auch Inobhutnahmen, die auf ausdrücklichen Wunsch der Kinder oder Jugendlichen selbst erfolgen, beispielsweise in akuten Krisen- oder Konfliktsituationen im familiären Umfeld“, erklärt das Jugendamt des Landkreises Leer. „In vielen Fällen können gemeinsam mit den Sorgeberechtigten und den beteiligten Fachkräften geeignete Hilfe- oder Schutzmaßnahmen vereinbart werden. Dazu zählen unter anderem verbindliche Absprachen und individuelle Schutzpläne.“