Berlin  ADAC hält teureren Sprit für sinnvoll: Verkehrspräsident nennt CO₂-Preis „richtiges Instrument“

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 23.12.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nach dem Aus fürs Verbrenner-Aus warnt der ADAC vor Rückschritten beim Klimaschutz und wirbt dafür, den Sprit mit einem CO2-Preis zu verteuern. Foto: IMAGO/CHROMORANGE
Nach dem Aus fürs Verbrenner-Aus warnt der ADAC vor Rückschritten beim Klimaschutz und wirbt dafür, den Sprit mit einem CO2-Preis zu verteuern. Foto: IMAGO/CHROMORANGE
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Der ADAC gilt als wichtigster Anwalt von Deutschlands Autofahrern. Wie kann dessen Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand dann vor Rückschritten beim Klimaschutz warnen? Ein erstaunliches Interview zur Zukunft der Mobilität in Zeiten der Erderwärmung:

Ausgerechnet der ADAC fürchtet, das Aus fürs Verbrenner-Aus könne zu Rückschritten beim Klimaschutz führen. So wie Donald Trump die Erderwärmung leugnen, wäre aber „ein fataler Fehler“, sagt der Verkehrspräsident des Automobilclubs, Gerhard Hillebrand, im Interview mit unserer Redaktion.

Um E-Autos zum Durchbruch zu verhelfen, rät der ADAC-Mann der Bundesregierung zu einem Strategiewechsel: Statt auf Kaufanreize zu setzen, müsse der Ladestrom verbilligt werden. Diesel und Benzin will der ADAC stattdessen verteuern. Der geplante CO2-Preis sei „das richtige Instrument“.

Frage: Herr Hillebrand, die EU-Kommission schlägt das Aus vom Verbrenner-Aus vor. Auch nach 2035 sollen neue Diesel und Benziner verkauft werden dürfen. Muss das sein?

Antwort: Der Vorschlag der Kommission lässt es in engen Grenzen zu, dass auch ab 2035 weiterhin Pkw mit Otto- oder Dieselmotor zugelassen werden. Das ist einerseits industriepolitisch motiviert, andererseits stößt die Elektromobilität aktuell noch nicht auf ausreichend Akzeptanz bei Verbrauchern. Eine Öffnung für andere Antriebstechnologien ist richtig, doch sie fällt zu kompliziert aus. Es wurde versäumt, alternative Kraftstoffe, die es ja auch für den Bestand braucht, ausreichend anzureizen. Höhere Quoten würden auch Investitionen der Energiebranche in die Produktion dieser erneuerbaren Energien attraktiver machen.

Frage: Klar ist: Ohne das Verbrenner-Verbot werden in Europa weniger Emissionen eingespart. Muss man dann nicht so ehrlich sein und sagen: Dann lockern wir auch unsere Klimaziele?

Antwort: Davor kann ich nur warnen. Europa muss an ehrgeizigen CO2-Minderungszielen festhalten, denn wir müssen die Erderwärmung begrenzen. Dazu bekennt sich der ADAC ganz klar. So zu tun, als gäbe es den Klimawandel nicht, wäre ein fataler Irrweg. Aber wir sind das Land der Ingenieure, wir sind ein Hochtechnologie-Standort und können es uns leisten, einen echten Wettbewerb der Technologien zuzulassen.

Frage: Wird die Lockerung des Verbrenner-Verbotes nicht dazu führen, dass uns die Chinesen mit ihren E-Autos jetzt endgültig davonfahren?

Antwort: Die E-Mobilität prägt die Zukunft, ganz klar. Und die deutschen und europäischen Autobauer dürfen sich nicht von der Konkurrenz aus China abhängen lassen. Wenn man den Vorschlag der EU-Kommission im Einzelnen nimmt, gibt es einige Anpassungen, die der E-Mobilität zusätzlichen Schwung geben werden: etwa die neue Fahrzeugklasse kleiner E-Pkw und vor allem die Vorgaben zur Elektrifizierung der Unternehmensflotten. Dadurch wird sich auch der Gebrauchtwagenmarkt in Richtung Elektro verschieben. Unter dem Strich brauchen wir für den schnellen Anstieg von E-Autos mehr als günstigere Fahrzeuge. Gerade bei den Ladekosten und beim Thema Ladeinfrastruktur muss sich noch eine Menge tun.

Frage: E-Autos sind teurer und unpraktischer. Sie glauben noch daran, dass der erschwingliche Akku-Wagen mit annehmbarer Reichweite wirklich bald kommt?

Antwort: Allerdings. Es gibt ja auch schon Wagen, die mit einer Ladung 700 Kilometer weit kommen und in wenigen Minuten wieder voll sind. Es ist eine stetige Evolution. Die heutigen E-Autos sind mit den ersten Akku-Wagen schon nicht mehr zu vergleichen. Das typisch deutsche Thema der Reichweitenangst hat sich eigentlich erledigt. Außerdem werden Batteriezellen günstiger und die Hersteller kommen zunehmend mit kleineren Modellen in den Markt.

Frage: Wer sein Auto an einen öffentlichen Schnelllader hängt, zahlt oft mehr für Strom als für Sprit. Macht das E-Autos nicht zu Luxusautos?

Antwort: So darf es nicht bleiben. Deswegen fordern wir mit Nachdruck mehr Transparenz beim Stromtanken. An jeder Säule muss gut sichtbar angezeigt werden, was eine Kilowattstunde und was der komplette Ladevorgang kosten. Und die Preise sind vor allem für diejenigen hoch, die vertragsfrei Strom tanken, also keine Anbieterkarte haben. Da ist der Gesetzgeber gefragt, das zu regulieren und eine Markttransparenzstelle wie beim Kraftstoff einzurichten. Wenn eine Kilowattstunde einen Euro kostet, steigt die Masse nicht um. Nur, wenn der Ladestrom günstiger als der Sprit wird, kommt die E-Mobilität richtig in Gang. Eine Senkung der Stromsteuer würde dabei natürlich helfen.

Frage: Ein anderer Weg wäre es, den Sprit über eine CO2-Abgabe zu verteuern. Die europäischen Pläne dafür wurden gerade verschoben und verwässert. Was halten Sie davon?

Antwort: Der ADAC hält die CO2-Bepreisung für ein richtiges Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Die Leute brauchen den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen. Aber dass sich die EU dabei etwas mehr Zeit lässt und Preisspitzen verhindert, um die Belastungen nicht zu stark werden zu lassen, das ist absolut in Ordnung, zumal eine Preiserhöhung nur dann positiv wirkt, wenn auch ausreichend Möglichkeiten bestehen, diese mit alternativen Angeboten zu vermeiden.

Frage: Was ist mit Kaufanreizen für E-Autos, die die Bundesregierung plant?

Antwort: Den Strom günstiger zu machen, wäre die sinnvollere Vorgehensweise gewesen, um auch Leute mit schmalem Geldbeutel von der E-Mobilität zu überzeugen. Denn wie gesagt: Wer auf öffentliche Ladesäulen angewiesen ist und dort mehr zahlt als an der Zapfsäule, fühlt sich wie der Dumme. Dennoch: Wenn die Kaufanreize auf Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen begrenzt bleiben, tragen wir das mit. Die konkreten Förderkriterien stehen noch nicht fest. Wichtig ist uns: Auch Plug-in-Hybride müssen gefördert werden, wenn deren Akkuleistung für mindestens 80 Kilometer ausreicht, das Fahrzeug also eine relevante Fahrleistung rein elektrisch absolvieren kann. Ein weiterer Punkt: Die Förderzusage muss ab Kaufvertragsabschluss gelten und nicht erst, wenn das Fahrzeug übergeben wird. Sonst werden viele Autofahrer fürchten, die Zuschüsse zu verlieren, wenn das Auto beim Auslaufen der Förderung nicht rechtzeitig geliefert wird.

Frage: Sollte das Leasen von E-Autos nach sozialen Kriterien gefördert werden?

Antwort: Beim Social Leasing sind wir zurückhaltend. Da kommen auch die Restzahlungen am Ende der Leasingdauer oder Haftungsfragen bei Unfällen ins Spiel. Wer noch mal eben 4000 Euro für eine Extra-Lackierung zahlen muss, kommt schnell in die Bredouille. Es kommt sehr genau auf die Konditionen an, wodurch gleich wieder überbordende Bürokratie droht. Social Leasing wäre auf jeden Fall der komplizierte Weg, ich halte direkte Kaufanreize für zielführender.

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