Hamburg Ann-Katrin Berger: Wie eine Torwartparade ihr Leben veränderte
Mit nur einer Aktion wird die Torhüterin Ann-Katrin Berger zur deutschen Fußball-Heldin, doch auch im echten Leben zeigt die 35-Jährige unbändigen Willen und Durchhaltevermögen.
Manchmal ist es nur eine Szene, die von einem sportlichen Großereignis im Gedächtnis bleibt: das Wembleytor 1966, das Siegtor von Mario Götze 2014 oder das vermeintliche Handspiel des Spaniers Marc Cucurella im EM-Viertelfinale gegen Deutschland bei der EM 2024. In diesem Jahr war es zweifelsohne die unfassbare Parade der deutschen Torhüterin Ann-Katrin Berger.
Im EM-Viertelfinale gegen Frankreich fälscht die deutsche Verteidigerin Janina Minge in der Verlängerung eine Flanke der Französin Karchaoui gefährlich ab. Als Bogenlampe segelt der Ball in Richtung des eigenen Tores. Die Kugel scheint unerreichbar zu sein und die Französinnen jubeln schon, doch irgendwie schafft es Berger im Rückwärtslaufen, noch den Ball von der Linie zu kratzen. „Wenn Sport mit einem Mal zur Kunst wird“, schreibt dazu unser Autor in seiner Kolumne.
Durch die Parade rettet Berger das deutsche Team ins Elfmeterschießen, dort pariert sie zwei Elfmeter und wird endgültig zur Matchwinnerin. Eine wahre Heldin ist die mittlerweile 35-Jährige auch im echten Leben. Berger hat in ihrer Karriere nicht nur sportliche Höhepunkte erlebt, sondern auch zweimal eine schwere Krebserkrankung überstanden. Ihre Geschichte ist ein Zeugnis von unbändigem Willen und Durchhaltevermögen, das sie auf dem Spielfeld zu Höchstleistungen anspornt.
Erstmals wurde bei der Torhüterin 2017 Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Nach einer erfolgreichen Operation kämpfte sie sich jedoch schnell zurück. Bereits im Januar 2018 stand sie wieder im Training ihres damaligen Klubs Birmingham City.
Der nächste Rückschlag erfolgte im Jahr 2022, als die Erkrankung erneut festgestellt wurde. Die Torhüterin, die inzwischen beim FC Chelsea unter Vertrag stand, machte ihre Erkrankung öffentlich und zeigte sich kämpferisch. Sie erklärte später, dass sie ihren Körper nach der ersten Diagnose viel besser kennengelernt habe und sich durch die Erkrankung stärker fühle.
Sie sei von Natur aus sehr kritisch mit sich selbst, was sich durch den Umgang mit ihrer Krebserkrankung aber geändert habe. Sie sehe Fehler im Spiel nun gelassener: „Nicht schön, aber du stehst noch auf beiden Beinen und spielst noch Fußball.“ Die Torhüterin, die seit 2024 für den Gotham FC in den USA spielt, habe durch ihre Erkrankung gelernt, ihre Prioritäten neu zu ordnen und das Leben mehr zu schätzen. „Ich weiß, ich werde jetzt nicht mehr 100 Jahre alt. Ich bin dankbar für das, was ich habe“, erklärte sie etwas sarkastisch in einem Interview. Sie habe gelernt, sich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren.
Für die gebürtige Göppingerin war es ein sehr erfolgreiches Jahr. Der knapp verpasste Finaleinzug bei der Europameisterschaft in der Schweiz, danach die Ehrung zur Fußballerin des Jahres (zusammen mit Giulia Gwinn) und am Ende des Jahres noch die Meisterschaft in den USA mit ihrem Klub.
Nicht nur sportlich verlief das Jahr positiv, auch privat. Berger verkündete, dass sie sich mit ihrer langjährigen Freundin und Mitspielerin Jess Carter verlobt habe. Es wäre bei der EM beinahe zum direkten Aufeinandertreffen der beiden Verlobten gekommen, doch das DFB-Team scheiterte knapp im Halbfinale an Spanien, während Carter mit der englischen Nationalmannschaft die Spanierinnen im Endspiel besiegen konnte. Berger drückte Carter auf der Tribüne die Daumen.
Wie es mit Berger sportlich weitergeht, hat sie noch nicht entschieden. Nach der Niederlage im Nations-League-Finale gegen Spanien wollte sie sich noch nicht festlegen, wie es mit ihrer Karriere in der Nationalmannschaft weitergeht. Bundestrainer Wück will auch in Zukunft auf Berger setzen. „Ich möchte einfach noch ein bisschen abschalten. Es waren so viele Emotionen, die in mir vorkamen. Ich möchte so eine Entscheidung mit einem kühlen Kopf entscheiden, weil es eine langfristige Sache ist – das ist mir bewusst“, sagte Berger.