Spitzbergen Hoheit im Eis: Norwegen, Russland und der Kampf um Spitzbergen
Vor rund 100 Jahren wurde Spitzbergen völkerrechtlich Norwegen zugeschlagen. Doch heute wird das Archipel zum geopolitischen Hotspot, an dem Norwegen und Russland um Einfluss und Ressourcen in der Arktis ringen – während der Tourismus boomt.
Lars Fause lächelt. Der Gouverneur von Spitzbergen blickt aus seinem Bürofenster auf Longyearbyen, etwa 1300 Kilometer südlich des Nordpols. Was er in einiger Entfernung sieht, sind kleine Berge mit abgeflachten Kuppen. Bäume? Fehlanzeige. Die Luft ist klar, der Herbsthimmel strahlt blau. Rund 60 Prozent der Gesamtfläche Spitzbergens sind von mächtigen Gletschern bedeckt – eine atemberaubende Landschaft.
Svalbard– so heißt der Archipel mit der Hauptinsel Spitzbergen auf Norwegisch – bedeutet „kalte Küste“. Die Region besteht aus über 400 Inseln, ist etwa so groß wie Kroatien und zählt nur rund 3000 Einwohner.
Im Adventdalen, einem Seitental des Isfjords beim Hauptort Longyearbyen, dümpeln kleine Eisberge auf dem Wasser – wie eine Schafherde auf der Wasserweide, die ständig neue Formationen bildet. Im Sommer ist es 24 Stunden hell, im Winter herrscht wochenlange Dunkelheit. Dann sinken die Temperaturen auf durchschnittlich minus 25 Grad Celsius. Die Mørketid, die dunkle Zeit, dauert von Ende Oktober bis Mitte Februar.
Gouverneur Fause empfängt uns in seinem Arbeitszimmer. Stolz zeigt er ein Foto mit Symbolkraft und nur wenige Wochen alt: Die norwegische Flagge wird feierlich gehisst. Neben Fause stehen Kronprinz Haakon, der Ministerpräsident und die Justizministerin. Der Anlass: Am 14. August 1925 trat der Spitzbergenvertrag in Kraft. Für Norwegen war das mehr als eine staatsrechtliche Zeremonie, es war eine völkerrechtliche Machtdemonstration: Seitdem gehört der Archipel zu Norwegen.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts galt Spitzbergen als Niemandsland, eine terra nullius. Reichhaltige Kohlevorkommen machten die Inselgruppe für internationale Bergbauunternehmen attraktiv. Doch unklare Besitzverhältnisse bei der Errichtung von Kohlegruben führten immer wieder zu Konflikten.
Der Spitzbergenvertrag sollte das ändern. Das Vertragskwerk besteht aus zehn Artikeln. Der erste Artikel legt fest, dass Spitzbergen vollständig und uneingeschränkt unter norwegischer Souveränität steht. Der zweite Artikel relativiert dies jedoch und bestimmt, dass die Bürger aller Unterzeichnerstaaten dort die gleichen Nutzungs- und Aufenthaltsrechte wie Norweger besitzen.
Alle Vertragsstaaten dürfen auf Svalbard wirtschaftlich tätig werden und sogar eigene Siedlungen gründen. Fischerei, Rohstoffabbau und Forschung dominieren die Wirtschaft. Erst später kamen Bestimmungen zum Schutz der arktischen Umwelt hinzu, deren Durchsetzung in Norwegens Verantwortung liegt. Über 40 Staaten gehören inzwischen zur Vertragsfamilie – von Afghanistan über China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Russland bis Venezuela und den USA.
Mit dem Inkrafttreten des Vertrags erhielt Spitzbergen einen Sonderstatus mit Konfliktpotenzial, der heute für geopolitische Spannungen sorgt. Norwegen räumte anderen Nationen Förderrechte für Kohle auf Spitzbergen ein, doch genutzt wurden sie nur von der Sowjetunion. Heute ist der Abbau der Kohle ökonomisch nicht mehr rentabel, trotzdem blieb der russische Staatskonzern Trust Arktikugol vor Ort.
Sicherheitsexperten vermuten: vor allem aus geopolitischen Interessen. Mit dem Schwinden der arktischen Meereisschilde entbrennt ein neuer Wettlauf um die Ressourcen der Region – insbesondere Erdgas und Erdöl: Die USA, China, Kanada und Russland konkurrieren um den Zugang zu diesen Schätzen, sagt Gouverneur Fause.
Während Norwegen die staatliche Hoheit über Svalbard ausübt, pochen andere Staaten – allen voran Russland – auf ihre im Vertrag verankerten Rechte. Auf der Hauptinsel Spitzbergen liegen sowohl der größte norwegische Ort, Longyearbyen, als auch die russische, ehemals sowjetische Siedlung Barentsburg.
Jahrzehntelang pflegten beide Ort enge Beziehungen. Doch seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist das vorbei. Die touristische Zusammenarbeit, bis 2022 fester Bestandteil vieler Svalbard-Reisen, wurde weitgehend eingestellt.
Auf die Frage, ob Russland die norwegische Souveränität infrage stellt, bleibt Fause gelassen: „Wir hatten seit 1932 ein friedliches nachbarschaftliches Verhältnis.“ Zwischen Longyearbyen und Barentsburg gibt es keine Straßenverbindung. Nur per Helikopter, Boot, im Winter mit Schneemobilen oder Hundeschlitten ist das Reisen möglich.
Heute leben etwa 290 Menschen in Barentsburg, darunter auch einige Ukrainer. Etwa 40 Kinder besuchen dort die Schule. Es gibt rund 20 Wissenschaftler vom russischen Arktis-Antarktis-Forschungsinstitut sowie einige Kohlebergleute und junge Leute, die im Tourismus arbeiten.
„Natürlich ist das russisches Eigentum, aber auf norwegischem Boden. Meiner Meinung nach respektieren sie meine Autorität und die norwegische Gesetzgebung. Es ist also ein friedliches Miteinander. Doch was morgen ist, weiß niemand“, beschreibt Lars Fause die Situation.
Doch Fauses Darstellung schönt die Lage spürbar. Tatsächlich kam es seit der Annexion der Krim 2014 durch Russland zu mehreren Konflikten und gezielten Provokationen: 2015 landete der damalige russische Vize-Ministerpräsident trotz EU-Einreiseverbots auf dem Archipel. 2022 wurde eines der beiden Unterseekabel, die Spitzbergen mit dem norwegischen Festland verbindet, mutmaßlich manipuliert und durchtrennt.
2023 führte das russische Militär in Barentsburg eine Parade durch – mit Hubschraubereinsatz, was der Spitzbergenvertrag verbietet. In der nahegelegenen Siedlung Pyramiden wurde zudem die Flagge der selbst ernannten Volksrepublik Donezk gehisst. Diese Vorfälle unterstreichen das anhaltende strategische Interesse Russlands an der Region. Moskau dagegen wirft Norwegen vor, Spitzbergen zu militarisieren.
„Ich bin ein Mann des Friedens und muss mich auf friedliche Weise um das Archipel kümmern“, erklärt Lars Fause. Der Sysselmester – so heißt der Gouverneur auf Norwegisch – ist gleichzeitig Polizeichef, leitet die Such- und Rettungsstation auf Svalbard und ist für Umweltschutz und Kulturerbe verantwortlich. „Sollte es aber zu einer Bedrohung kommen, dann übernimmt natürlich die norwegische Armee. Wir sind Nato-Mitglied, Svalbard gehört zur Nato“.
Fauses Amtssitz – und Zentrum des Archipels – ist Longyearbyen. Der Ort mit seinen rund 2500 Einwohnern und farbenfrohen Holzhäusern wirkt überraschend lebendig: Arbeiter, Studenten, Familien, Hotelangestellte und Touristen prägen das Bild. Viele sind zu Fuß unterwegs, andere fahren Pickup oder Geländewagen.
Fast alle Erwachsenen sind berufstätig – es gibt nahezu keine Arbeitslosen, keine Sozialhilfeempfänger, keine Geflüchteten und keine Rentner. Über 50 Nationalitäten leben hier. Man begegnet ihnen im Restaurant als Servicekräfte, an der Hotelrezeption oder als Tourguides bei Gletscherexpeditionen. Der Tourismus boomt.
Täglich legen im Hafen Kreuzfahrtschiffe an, am Flughafen landen Maschinen aus Tromsø. Besucher kommen wegen der Mitternachtssonne, der arktischen Naturerlebnisse – und im Winter wegen der faszinierenden Polarlichter.
Kaum eine andere Gegend der Welt ist so eng mit dem Eisbären verbunden wie Svalbard. In Longyearbyen ziert sein Konterfei Werbetafeln, Bierflaschen und sogar Supermarktschilder. Der „König der Arktis“ ist allgegenwärtig. Vor jedem Verlassen des Ortes muss man ein Gewehr mitführen, oder man schließt sich einer geführten Tour an. Die Eisbärenpopulation gilt derzeit als stabil – doch das Meereis schwindet.
Große Teile Svalbards stehen unter strengem Naturschutz. Seit 1973 hat Norwegen zahlreiche Naturparks- und Naturschutzgebiete eingerichtet, die auch die Küstengewässer umfassen.
Anfang der 1990er-Jahre begann die norwegische Regierung, den Tourismus gezielt zu fördern. Bis dahin konnten Besucher nur mit offizieller Einladung anreisen. 2004 zählte Svalbard rund 20.000 Übernachtungen, 2024 waren es bereits über 120.000.
Die begrenzte Infrastruktur stößt dabei an ihre Grenzen – vor allem bei der Abfallentsorgung. Nicht wenige Besucher unterschätzen die Verletzlichkeit des Ökosystems. Es sei frustrierend, wenn man all die Touristen sieht, die hierherkommen und sich keine Gedanken über die Folgen ihres Besuchs machten, sagt Siv Limstrand.
Nur wenige Schritte vom Amtssitz des Gouverneurs entfernt steht die Svalvard-Kirche – eine moderne Holzkirche mit Turm und breitem Schiff in warmem Rot. Pastorin Limstrand bereitet ein Gemeindetreffen vor. Statt harter Holzbänke stehen vor dem Altar gemütliche Sessel.
Ein sozialer, kultureller Treffpunkt – das nördlichste Gotteshaus der Welt. Ihre Gemeinde sei viel dynamischer als viele auf dem Festland, sagt Limstrand. „Menschen zieht es hierher, um etwas zu entdecken. Manche kommen wegen der Natur – aber sie bleiben wegen der Menschen“.
Zurück im modernen Verwaltungsgebäude. Die Hundertjahrfeier des Spitzbergenvertrags ist weit mehr als ein nostalgischer Rückblick: Zwischen Gletschern, Forschungsstationen und Husky-Rennen geht es längst um geopolitische Interessen.
Doch die Amtszeit von Fause auf diesem multikulturellen Außenposten ist begrenzt. In zwei Jahren kehrt er zurück aufs Festland, als leitender Staatsanwalt in Tromsø. „Dort muss ich mich um Kriminelle, Vergewaltiger und Mörder kümmern“, sagt er. Auf Svalbard verbringe „ich den friedlichen Teil meines Lebens. Und darüber bin ich sehr froh!“