Wende  Emder Schulplanung – jetzt kommt doch alles anders

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 12.12.2025 13:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Über die Zukunft der Herrentorschule wird emotional diskutiert. Foto: Archiv
Über die Zukunft der Herrentorschule wird emotional diskutiert. Foto: Archiv
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Das war’s: Nach Monaten der hitzigen Diskussionen, Social-Media-Kampagnen und Mahnungen hat der Emder Rat jetzt über die Schulentwicklung entschieden. Wie geht es für Herrentorschule und IGS weiter?

Emden - Was für ein Hin und Her: Der Rat der Stadt Emden hat in seiner letzten Sitzung des Jahres am Donnerstag, 11. Dezember 2025, endgültig über die Schulentwicklungsplanung der kommenden Jahre beschlossen. Zum Hintergrund: Die Stadtverwaltung hatte nach einem aufwendigen Workshop mit Experten- und Bürgerbeteiligung einen Vorschlag für die strategische Planung gemacht. Dieser beinhaltete unter anderem, dass die Integrierte Gesamtschule (IGS) Stück für Stück das Gebäude der Oberschule Herrentor als Außenstelle übernehmen sollte.

Stadtrat Volker Grendel (mit blauem Heft in der Hand) wurde im Emder Rat emotional. Er wies es zurück, dass der Vorschlag der Stadt „pragmatisch“ sei. „Ich brenne für das Thema“, sagte er. Es habe einen „vorbildlichen Beteiligungsprozess“ gegeben, durch den der Vorschlag der Verwaltung erarbeitet worden sei. Foto: Mona Hanssen
Stadtrat Volker Grendel (mit blauem Heft in der Hand) wurde im Emder Rat emotional. Er wies es zurück, dass der Vorschlag der Stadt „pragmatisch“ sei. „Ich brenne für das Thema“, sagte er. Es habe einen „vorbildlichen Beteiligungsprozess“ gegeben, durch den der Vorschlag der Verwaltung erarbeitet worden sei. Foto: Mona Hanssen

Doch die Herrentorschule schlug Alarm, noch bevor die Planung überhaupt richtig in der Öffentlichkeit bekannt war. Die Diskussion wurde schnell sehr emotional und hitzig geführt – in den sozialen Medien, aber auch in zwei Sitzungen des Schulausschusses, zu denen zahlreiche Lehrer, Eltern und Schüler kamen. In der Sitzung am 18. November 2025 hatte der Vorschlag von SPD, CDU und FDP, aus der Herrentorschule wieder eine Realschule zu machen und einen Anbau an der IGS zu prüfen, keine Mehrheit gefunden. Ein weiterer Vorschlag war am 4. Dezember 2025 eingereicht worden: Die Herrentorschule bleibt Oberschule, die Umwandlung der Oberschule (OBS) Borssum zur IGS wird geprüft und die Gymnasien werden stärker in ihrer Zügigkeit begrenzt. Darüber wurde nun abgestimmt.

Wie geht es mit den Emder Schulen jetzt weiter?

Über den Änderungsantrag der Parteien wurde abgestimmt: Es gab 22 Ja- und 16 Nein-Stimmen, zwei Enthaltungen. Grüne, Linke und GfE stimmten geschlossen gegen den Vorschlag, wie auch Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos). Applaus gab es aus dem Publikum, wohl größtenteils von Angehörigen der Herrentorschule. Die bleibt jetzt in den kommenden Jahren unberührt und soll im Bereich Praxisorientierung zur Berufsvorbereitung gestärkt werden. Kritik gab es schon vor der Abstimmung von Klaus Runde, Leiter der OBS Borssum, der sich vom Politik-Vorschlag übergangen fühlte. „Warum wurde nicht mit uns gesprochen?“, wollte er von SPD, CDU und FDP wissen. An seiner Schule hätten mehr als 75 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, viele hätten Förderbedarf. Warum soll seine Schule zu einer IGS umgewandelt werden?, wollte er wissen.

Stadtelternratsvorsitzende Zerrin Mentjes las in der Einwohnerfragestunde einen langen Fragenkatalog vor. In den Besucherreihen saßen Lehrer, Eltern, Schüler und andere Interessierte. Foto: Mona Hanssen
Stadtelternratsvorsitzende Zerrin Mentjes las in der Einwohnerfragestunde einen langen Fragenkatalog vor. In den Besucherreihen saßen Lehrer, Eltern, Schüler und andere Interessierte. Foto: Mona Hanssen

Ob dort tatsächlich eine IGS gegründet wird, ist aber wohl noch offen. Die Stadtverwaltung ist jetzt zunächst beauftragt, die Umwandlung der OBS Borssum in eine IGS für die Jahrgänge 5 bis 10 im Dialog mit der Schulgemeinschaft zu prüfen. Über das Ergebnis dieses Prüfauftrags soll dem Rat schnellstmöglich berichtet werden. Fraglich ist noch, wie die IGS am vorhandenen Standort gestärkt wird. Der Vorschlag der Stadt hatte darauf abgezielt, die IGS am Treckfahrtstief zu entlasten, weil sie insbesondere von Rückläufern aus den Gymnasien überrannt wird. Außerdem fehlen Fachräume und Sporthallen-Kapazitäten. CDU, SPD und FDP wollen, dass die Verwaltung Lösungen dafür vorschlägt. „Diese sind dann unter Einbeziehung der Schule für den Rat der Stadt Emden zu priorisieren. Anspruch muss sein, dass die IGS den Fachunterricht gemäß der gültigen Stundentafel erteilen kann“, heißt es im Vorschlag. Knifflig wird es auch mit der begrenzten Zügigkeit an den Gymnasien. Laut Beschluss soll das Max-Windmüller-Gymnasium (Max) auf vier Züge und das Johannes-Althusius-Gymnasium (JAG) grundsätzlich auf fünf Züge festgelegt werden. Das JAG aber ist für sechs Züge gebaut, wie Stadtrat Volker Grendel erklärte. Viele Schüler aus dem Landkreis Aurich besuchen es. „Bei übersteigender Nachfrage entscheidet der Schulträger, an welchem Gymnasium ein zusätzlicher Zug eingerichtet wird“, heißt es im Beschluss weiter. Es sei schwierig, mit fünf Zügen zu planen und dann – falls sich doch mehr anmelden – spontan einen sechsten Zug zu ermöglichen, so Grendel.

Was kostet die neue Schulplanung die Stadt Emden?

Stadtrat Grendel hatte viele Zahlen in petto, um die Vorschläge zu vergleichen. Angefangen damit, wie die Entfernung zwischen den dann möglicherweise zwei IGS-Standorten wäre: Zwischen der jetzigen IGS und der Herrentorschule sind es 1,5 Kilometer, die mit dem Rad oder mit dem Auto in sechs bis neun Minuten zurückgelegt werden können. Von der IGS bis Borssum sind es 6,4 Kilometer, also 16 bis 21 Minuten. Eben für den Sportunterricht den Standort zu wechseln beispielsweise wäre schwierig, so Grendel.

Er rechnete vor, dass die Umsetzung des Vorschlags der Stadtverwaltung ungefähr 24 Millionen Euro kosten würde. Der Großteil des Geldes, nämlich 20 Millionen Euro, war für einen Neubau mit Aula am Max geplant. Denn: Die Schule wurde damals für eine Dreizügigkeit gebaut, sei aber faktisch schon vierzügig. Der Vorschlag der Politik könnte die Stadt nun, falls eine Sporthalle am IGS-Standort am Treckfahrtstief und der Max-Anbau neu gebaut werden müssten, wovon Grendel ausgeht, 49 Millionen Euro kosten; 20 Millionen für die Sporthalle, 20 Millionen für den Max-Anbau. Er sei erstaunt, wie schnell das Gebäudemanagement (GME) der Stadt den Kostenvoranschlag erstellt habe, sagte Wilke Held (CDU). Mögliche Förderprogramme aber seien darin noch gar nicht eingerechnet. Außerdem stellte er die Kostenschätzung für den Stadt-Vorschlag infrage: Die Herrentorschule habe zu kleine Klassenräume, dort müsste baulich auch noch etwas gemacht werden. Er meinte auch, dass der Vorschlag der Verwaltung auf den ersten Blick vielleicht günstiger aussehe, am Ende aber doppelt so viel kosten werde. „Investitionen in Kinder sind nicht zu teuer“, sagte er.

Viel Kritik für den Vorschlag zur Schulplanung

CDU, SPD und FDP ernteten auch viel Kritik für ihren Antrag. Jochen Eichhorn (GfE) meinte, der Vorschlag gehe gezielt gegen den Bürgerwillen. Eltern, Lehrer und Schüler seien in Emden nicht dafür. Die Workshops mit Bürgerbeteiligung und die Entscheidung im Schulausschuss würden mit Füßen getreten von SPD, CDU und FDP, meinten Christian Nützel und André Göring (beide Grüne). Die Fraktionen hätten auf die gehört, „die am lautesten schreien“, so Bernd Renken (Grüne). Nach dem Vortrag von Stadtrat Grendel zu den fachlichen und finanziellen Auswirkungen der beiden Vorschläge sei es für ihn unbegreiflich, dass die Fraktionen „trotzig“ an ihrem Antrag festhielten.

Grendel wurde in der Sitzung ungewohnt emotional. Er wies es zurück, dass der Vorschlag der Stadt „pragmatisch“ sei. „Ich brenne für das Thema“, sagte er. Es habe einen „vorbildlichen Beteiligungsprozess“ gegeben, wonach der Vorschlag der Verwaltung entstanden sei. „Hier wird Politik gemacht, hier wird Angst vor Schulsystemen gemacht“, warf er den Fraktionen vor, die den Gegenvorschlag gemacht hatten. Die SPD wolle ihre Schul-Expertise mit einer Arbeitsgemeinschaft mit drei Leuten erarbeiten – die Stadt habe für ihre Expertise gut 150 Experten an den Workshops beteiligt, erinnerte er. Etwas provokant formulierte er auch, dass Henning Meyer (FDP) in der Ratssitzung ein Kosten-Controlling für Bauprojekte vorgeschlagen hatte, während im Vortrag von Wilke Held offenbar Kosten plötzlich keine Rolle mehr spielten.

Das Pikante: Als ein Großteil der Emder Politik sich beim letzten Mal gegen den Vorschlag der Stadtverwaltung zur Schulentwicklung gestellt hatte, war es – da waren sich jetzt beide Seiten einig – die falsche Entscheidung. Damals war die IGS in Borssum gegründet worden, dann ins Gebäude am Treckfahrtstief gezogen, weswegen das Gymnasium von dort umziehen musste und zum Max wurde. Das aber war zu klein geplant. Die Herrentorschule wurde von einer Realschule zur Oberschule. Mit vielen Kosten und Problemen der damaligen Entscheidungen kämpft die Schullandschaft noch jetzt. Ob es die jetzige Entscheidung verschlimmert oder verbessert, wird sich zeigen.

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