Paris Warum Sarah Bernhardt der erste Weltstar der Showgeschichte war
Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt gilt als der erste Weltstar der Showgeschichte. Sie spielte sich selbst, spielte mit den Männern und begeisterte die Promis ihrer Zeit. Als sie eine Kollegin ohrfeigte, war ihre Karriere aber beinahe vorbei.
Dezenter Duft, zauberhaftes Aussehen, langlebig und standorttreu. Nein, es geht noch nicht um Sarah Bernhardt, sondern um eine Pfingstrose, die 1906 den Namen der französischen Diva bekam. Der botanische Name der Blume lautet „Paeonia lactiflora“ und führt uns in die griechische Götterwelt. Das passt dann wieder zu der Schauspielerin. Denn „La Divine“, die Göttliche, wird Sarah Bernhardt genannt und entwickelt sich zum ersten und einzigen Weltstar des 19. Jahrhunderts.
Der Start ins Leben ist nicht leicht. Marie Henriette Rosine Bernhardt, wie sie anfangs heißt, wird 1844 in Paris geboren. Die Mutter eine Kurtisane, heute würde man Edelprostituierte sagen, der Vater lange unbekannt, sehr wahrscheinlich ein Rechtsanwalt, der selbst mit dem Gesetz in Konflikt gerät und früh stirbt. Also wird Sarah buchstäblich aus dem Milieu gezogen und besucht zunächst ein Mädchenpensionat und dann eine Klosterschule.
Sie wäre wahrscheinlich Nonne geworden, hätte der Halbbruder von Kaiser Napoleon III. und Kunde der Mutter nicht das schauspielerische Talent von Sarah entdeckt und gefördert. Herzog Charles de Morny erkennt: „Deine Tochter gehört nicht ins Kloster, sondern ins Theater“.
Doch das, drücken wir es mal vorsichtig aus, leicht impulsive und anstrengende Mädchen hat auch auf der Bühne Startschwierigkeiten. Weil sie eine angesehene Schauspiel-Kollegin gleich zweimal ohrfeigt, wird Sarah entlassen und dann durch den deutsch-französischen Krieg 1870/71 ausgebremst, weil alle Theater geschlossen werden.
„Dann inszeniere ich mich eben selbst“, denkt Sarah und „schenke mir jeden Tag die schönsten Momente“. Sie schläft und empfängt in einem Sarg aus Rosenholz, entdeckt bei sich die Gene der Mutter, lässt sich in allen Posen fotografieren und versammelt viele Prominente ihrer Zeit um sich. „Männer fordern von den Frauen immer das Gleiche. Frauen verlangen von den Männern etwas Besonderes“, schreibt sie ihren Liebhabern und Gönnern hinter die Ohren.
Neben Schauspielern und Adligen gehen auch die Schriftsteller Victor Hugo und Alexander Dumas der Jüngere bei ihr ein und aus. Die „Kameliendame“ von Dumas wird ihre Paraderolle, denn keine kann so gut auf der Bühne sterben wie Sarah Bernhardt. Die Kritiker überschlagen sich: „Ich weiß nur, dass ich etwas Schöneres als die Gesamtheit dieser Erscheinung und dieser Bewegungen niemals gesehen habe, wozu dann noch der Schmelz der Stimme kam, ein Wohllaut, weit über allen Gesang.“
Mit Tonnen von Gepäck und einem Privatzoo geht sie Ende 1880, also vor 145 Jahren, auf ihre erste USA-Tournee. In sechs Monaten besucht sie 51 Städte. Bis 1893 tourt sie durch die ganze Welt: Von Rio bis Rom, von Amerika bis Australien spielt und stirbt sie als Kleopatra, Salome, Fedora, Tosca, Phädra und glänzt auch in Männerrollen, zum Beispiel als Hamlet. Königin Victoria, Zar Alexander III. und Kaiser Wilhelm II. gehören zu ihrem Fan-Klub.
Der erste Weltstar der Geschichte wird gefeiert. „Leben bringt Leben hervor. Energie schafft Energie“, sagt sie, „indem man sich verschenkt, wird man reich.“ Sie schwimmt im Geld, gibt aber auch jede Menge aus. Der weltweite Erfolg gelingt ihr ohne große Fremdsprachenkenntnisse. Eine Sarah Bernhardt braucht keinen Text, sie spielt ihn.
Marcel Proust verewigt die Schauspielerin in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. In seinem Buch heißt sie „La Berma“ und die Ähnlichkeiten zum Leben der Bernhardt sind weder zufällig noch ungewollt.
Der Anfang vom Ende folgt im Jahr 1905. Dazu gibt es zwei Versionen: Einige Quellen sprechen von einem Sturz auf einem Schiff in den USA, wahrscheinlicher ist aber ein Bühnenunfall, bei dem sich Bernhardt eine schwere Knieverletzung zuzieht. Diese macht als Spätfolge die Amputation ihres rechten Beins notwendig. Sie spielt mit Prothese oder sitzend aus einem Sessel weiter, aber die Tage des übertriebenen und deklamierenden Schauspiels sind Anfang des 20. Jahrhunderts gezählt.
Hinzu kommt, dass der Film dem Theater Konkurrenz macht. Sie versucht sich auf der Leinwand als englische Königin Elisabeth, doch die Kritiken sind durchwachsen: „Sarah Bernhardts berühmtester Film vermittelt nur eine blasse Ahnung von ihrem wirklichen schauspielerischen Vermögen. Die Darstellungskunst der alternden Diva ist stark überzogen“.
Sie lächelt das weg, hat in Paris ihr eigenes Theater und wird im Alter von 78 Jahren richtig sterben. Der letzte Vorhang fällt am 26. März 1923 in der französischen Hauptstadt. Mehr als eine halbe Million Menschen verfolgen den Trauerzug. Ihr Grab auf dem Friedhof Père Lachaise wird heute noch viel besucht und mit Blumen geschmückt.
Epilog: Sarah Bernhardt bekam 1864 einen Sohn namens Maurice, der 1928 neben ihr beerdigt wurde. Vater war der Fürst Henri di Ligne, dessen Familie eine Ehe mit Sarah untersagte. „Die kluge Frau wünscht sich immer ein bisschen mehr, als ihr Mann ihr bieten kann, aber niemals so viel, dass er entmutigt wird“, so Bernhardt. 1882 heiratete sie einen griechischen Botschaftsattaché, der früh an seiner Drogensucht starb.
Das große Glück mit Männern, vielleicht sogar die große Liebe hat sie nur gespielt, aber nicht erlebt. Aber auch dafür hatte die Lebenskünstlerin eine Erklärung: „Die Hindernisse sind das, was die Liebe erst interessant macht.“