Protest  Junger Wiesmoorer wehrt sich gegen die Wehrpflicht

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 10.12.2025 12:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mathis Köhne ist Schülersprecher und Organisator der Aktion gegen das Wehrdienstgesetz an der KGS Wiesmoor. Foto: Nicole Böning
Mathis Köhne ist Schülersprecher und Organisator der Aktion gegen das Wehrdienstgesetz an der KGS Wiesmoor. Foto: Nicole Böning
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Das neue Wehrdienstgesetz: Schülersprecher Mathis Köhne von der KGS Wiesmoor gehört zum ersten Jahrgang, der betroffen ist. Warum er sich engagiert und wie es sich anfühlt.

Wiesmoor - Mathis Köhne zieht einen großen Lautsprecher über den Kunstrasenplatz hinter der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Wiesmoor. Für den 16-Jährigen sind diese Schritte über den federnden Boden ein Aufbruch. Mathis möchte sich engagieren, mitreden, mitgestalten. „Das wird meine erste Rede“, sagt er. Ein wenig nervös ist er schon, gibt er zu. Doch es geht um eine wichtige Sache: Die Schülervertretung seiner Schule hat dazu eingeladen, gegen das neue Wehrdienstgesetz der Bundesregierung ein Zeichen zu setzen. Mathis ist mit Lucas Benkendorf in diesem Jahr Schülersprecher geworden und wird deshalb reden. Gemeinsam haben sie die Aktion ins Leben gerufen.

Aktion gegen die Wehrpflicht am Freitag, 5. Dezember 2025, an der KGS Wiesmoor. Foto: Nicole Böning
Aktion gegen die Wehrpflicht am Freitag, 5. Dezember 2025, an der KGS Wiesmoor. Foto: Nicole Böning

Woanders in Deutschland gehen die Schüler auf die Straße. In Wiesmoor treffen sie sich am Freitag, 5. Dezember 2025, in der großen Pause auf dem Fußballplatz. „Wir wollen nicht den Unterricht boykottieren. Wir sind keine Verweigerer“, sagt Mathis. „Aber wir wollen trotzdem aktiv werden.“ Der Elftklässler hat schon lange vor, sich politisch zu engagieren. Dass es jetzt ausgerechnet dieses Thema ist, bei dem er zum ersten Mal öffentlich seine Meinung vertritt, hat einen guten Grund. Denn er wird in diesem Monat 17 Jahre alt. Damit gehört Mathis Köhne zum „Jahrgang 2008“ – dem ersten, der von der neuen Gesetzgebung betroffen ist.

Jahrgang 2008: Die ersten Betroffenen des neuen Wehrdienstgesetzes

Wer wie er zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 2008 geboren ist, für den hat das neue Gesetz unmittelbare Folgen: Sie gehören zu den Ersten, die ab 2026 Post von der Bundeswehr bekommen und ab 2027 zur Musterung müssen – in Ostfriesland sind es insgesamt etwa 2000 junge Männer. Sie stehen damit im Mittelpunkt der Reform und müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie freiwillig Dienst leisten wollen – oder ob sie im Zweifel sogar verpflichtet werden könnten. Während für Frauen weiterhin keine Wehrpflicht gilt, erleben Jungen wie Mathis Köhne hautnah, wie politische Entscheidungen ihren Lebensweg beeinflussen und welche Verantwortung ihnen damit übertragen wird.

Schülersprecher Lucas Benkendorf (links) und Mathis Köhne von der KGS Wiesmoor bei der Aktion gegen das neue Wehrdienstgesetz. Foto: Nicole Böning
Schülersprecher Lucas Benkendorf (links) und Mathis Köhne von der KGS Wiesmoor bei der Aktion gegen das neue Wehrdienstgesetz. Foto: Nicole Böning

Das neue Wehrdienstgesetz der Bundesregierung tritt am 1. Januar 2026 in Kraft. Es verpflichtet alle jungen Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008, einen Fragebogen der Bundeswehr auszufüllen, in dem unter anderem die Bereitschaft zum Wehrdienst abgefragt wird. Ab Juli 2027 folgt für diese Jahrgänge eine verpflichtende Musterung. Der Wehrdienst bleibt zunächst freiwillig: Wer sich meldet, leistet mindestens sechs Monate Dienst und erhält dafür mindestens 2600 Euro brutto im Monat. Sollten sich nicht genug Freiwillige finden, kann der Bundestag eine „Bedarfswehrpflicht“ beschließen. Dann können junge Männer auch gegen ihren Willen eingezogen werden.

Verantwortung, Mitsprache und die Rolle der Jugend beim Wehrdienst

Mathis Köhne ist keiner, der sich vor Verantwortung drückt. Im Gegenteil: „Ich bin nicht grundsätzlich gegen Engagement oder dagegen, dass wir als junge Menschen Verantwortung übernehmen“, sagt er. Was ihn stört, ist, dass über seine Generation entschieden wird, ohne sie einzubeziehen. „Wir sind die Generation, die davon direkt betroffen ist – trotzdem hatten wir kein Mitspracherecht“, betont er. Es geht ihm nicht darum, sich vor gesellschaftlichen Aufgaben zu drücken. Einen Ersatzdienst – etwa im sozialen Bereich – könnte er sich gut vorstellen. Den Dienst an der Waffe allerdings nicht.

Die Schulleiterin der KGS Wiesmoor, Ulrike Sieckmann, bei der Aktion gegen die Wehrpflicht. Foto: Nicole Böning
Die Schulleiterin der KGS Wiesmoor, Ulrike Sieckmann, bei der Aktion gegen die Wehrpflicht. Foto: Nicole Böning

Der Gong ertönt und einzelne Grüppchen tröpfeln ein. Nicht alle auf dem Kunstrasenplatz sind wegen der Kundgebung hier. Doch auch die Fußballspieler unterbrechen ihr Spiel, als Mathis das Mikrofon einstöpselt. Als er mit seiner Rede beginnt, stehen etwa 40 Schüler vor ihm. Einige halten selbst gemalte Plakate: „Unsere Zukunft – unsere Entscheidung“ und „Keine Wehrpflicht“, steht drauf. In Wiesmoor geht es gemäßigter zu als bei anderen Demonstrationen in Deutschland.

Sachlicher Protest: Wiesmoor setzt auf Dialog statt Parolen

Es ist keine Rede von „Kanonenfutter“ oder von „Zwangsdienst“, wie es auf den Plakaten und in den Reden in Berlin, Dresden oder Osnabrück zu hören war. In Wiesmoor bleibt der Ton sachlich, fast nachdenklich. Mathis spricht ruhig, aber bestimmt. Er fordert Mitsprache und Respekt für die junge Generation, die von der neuen Regelung am stärksten betroffen ist. „Verantwortung kann man nicht aufzwingen – sie muss auf Gegenseitigkeit beruhen“, sagt Mathis. Für ihn ist klar: Demokratie lebt davon, dass auch die Jungen gehört werden.

„Was soll das bringen, dass wir uns hier treffen?“, hatte ihn ein Schüler vorher gefragt. Mathis hat darauf eine klare Antwort: „Es ist besser, etwas zu versuchen, als gar nichts zu tun“, entgegnet er. „Wenn wir nicht zeigen, dass uns das Thema bewegt, wird sich auch nichts ändern.“ Für ihn ist die Kundgebung mehr als nur ein symbolischer Akt – sie ist ein Signal an die Politik, aber auch an die eigenen Mitschüler. „Wir können vielleicht nicht sofort Gesetze ändern, aber wir können unsere Stimme hörbar machen. Und wir können zeigen, dass wir Verantwortung übernehmen wollen – und mitreden möchten, wenn es um unsere Zukunft geht.“

Politische Teilhabe: Ein Anfang in Wiesmoor

Für Mathis ist das schon ein Erfolg: „Wenn wir anfangen, uns einzumischen, dann ist das der erste Schritt. Vielleicht ist es nur ein kleiner, aber ohne diesen Schritt bewegt sich gar nichts.“ Unkritisch sieht Mathis Köhne den Dienst an der Waffe nicht. „Auf der einen Seite, sollen wir für unser Land in den Krieg ziehen“, sagt er. „Aber wenn es um unsere Zukunft geht, zum Beispiel beim Klimaschutz oder der Rente, dann denkt niemand an uns.“ Ganz wohl ist ihm nicht, das so plakativ zu formulieren. Doch auch in seiner Rede spricht er es an: Das nachlassende Engagement beim Klimaschutz wird seine Generation auslöffeln müssen – bei steigenden Belastungen durch die Rente.

Mathis Köhne zuckt mit den Schultern. Gründe, sich zu engagieren, gibt es viele – und er fängt gerade erst an. Auch Schulleiterin Ulrike Sieckmann schafft es noch vor dem Ende seiner Rede auf den Fußballplatz, obwohl viel zu tun ist. Sie ist begeistert vom Engagement der Schüler. „Wir sind froh, dass die Schule eine so aktive Schülervertretung hat, die solche Aktionen auf die Beine stellt.“

Mit dem neuen Gesetz will die Bundesregierung die Verteidigungsfähigkeit stärken. Die Nato fordert von Deutschland 260.000 Soldaten in der aktiven Truppe – aktuell sind es rund 184.000. Um diese Lücke zu schließen, werden die Strukturen der Wehrpflicht wieder hochgefahren. Für Mathis und seine Mitschüler bleibt die Frage, wie viel Mitsprache ihre Generation dabei haben wird – und ob das Engagement mehr bewirkt als einen Applaus auf dem Fußballplatz.

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