Berlin Warum die EU an männlichen Crashtest-Dummys festhält
In der EU fehlt eine verbindliche Regelung für weibliche Crashtest-Dummys. Studien zeigen für Frauen ein erhöhtes Verletzungsrisiko bei Unfällen. Warum Verbraucherschützer bisher vergeblich an die EU-Kommission appellieren.
Sie ist 1,51 Meter groß, wiegt 47,5 Kilogramm, hat ein breiteres Becken als ihre männlichen Kollegen und trägt eine Gummijacke. Diese soll Brüste darstellen, denn THOR-05F ist eine weibliche Crashtest-Puppe. Auf sie setzen neuerdings die Amerikaner. Der Dummy soll laut US-Verkehrsministerium dabei helfen, Autos für Frauen sicherer zu machen.
Während in den Vereinigten Staaten das Modell künftig in die offiziellen Fahrzeugsicherheitsbewertungen einfließen soll, halten die Europäer am Bild vom Mann hinter dem Steuer fest, wenn man so will. Auf dem alten Kontinent ist das Standardmodell für Crashtests, die für neue Fahrzeuge vorgeschrieben sind, 1,75 Meter groß und 78 Kilogramm schwer. Als Vorbild für die Norm-Puppe dient ein durchschnittlicher männlicher Körperbau, ergo: Die Hälfte der europäischen Männer ist größer als 175 Zentimeter, die Hälfte kleiner.
Zahlreiche Fahrzeuginsassen deckt das Modell jedoch nicht ab: Kinder, sehr große Männer, Übergewichtige – und die allermeisten Frauen.
Kostet die Ungleichbehandlung im Bereich der Verkehrssicherheit Autofahrerinnen ihre Gesundheit? Zwar sind mehr Männer in Unfälle verwickelt, Frauen werden aber laut Studien mit 47 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit bei einem Frontalcrash schwer verletzt und mit 71 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit mittelschwer verletzt, wie das EU-Parlament bereits 2022 in einer Stellungnahme bemängelte.
Sie haben zudem ein um 17 Prozent höheres Risiko, bei einem Autounfall zu sterben. Darüber hinaus ergab eine Untersuchung der britischen Universitätsklinik Plymouth vor drei Jahren, dass Frauen fast doppelt so häufig in einem verunglückten Fahrzeug eingeklemmt sind als Männer.
Liegt der Grund dafür darin, dass die Sicherheitsvorrichtungen weibliche Körpermaße nicht berücksichtigen? Die britische Journalistin Caroline Criado Perez kritisierte 2019 in ihrem Buch „Invisible Women“, dass Frauen bei einigen technischen Entwicklungen schlichtweg nicht mitbedacht wurden. Weibliche Dummys dürften etwa oft nur auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, auch die fehlenden Sicherheitsgurte für Schwangere bemängelte die Autorin.
Hinter den Kulissen des EU-Parlaments ist von einer „wesentlichen Lücke“ die Rede, die es in Europa im Bereich der Fahrzeugsicherheit gebe. So existiert bei der Typzulassung in der EU keine verbindliche Vorschrift für den Einsatz weiblicher oder geschlechtsspezifisch ausgewogener Crashtest-Dummys. Immer wieder werden Stimmen laut, die das als sexistisch oder zumindest nicht mehr zeitgemäß bewerten.
„Beim Thema Sicherheit im Straßenverkehr sollte es egal sein, welches Geschlecht man hat“, sagt der FDP-Europaabgeordnete Jan-Christoph Oetjen. Er nannte es „einen guten Ansatz“, dass manche Hersteller von sich aus verschiedene Crashtest-Dummys nutzten, Mercedes-Benz etwa verwende Dummys wie THOR-5F in internen Tests, doch eine rechtliche Pflicht gibt es in der Praxis eben nicht.
Oetjen appelliert deshalb an die EU-Kommission, zu prüfen, „ob man ohne zusätzliche Bürokratie das Thema europaweit angehen kann“. Nur scheint sich nicht allzu viel zu bewegen in der Brüsseler Behörde.
Dabei forderte der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments die Kommission und die Mitgliedstaaten bereits 2022 auf, „Normen für Crashtest-Dummys zu entwickeln“, die sicherstellen sollen, dass bei Tests auch Modelle eingesetzt werden, „die dem durchschnittlichen weiblichen Körper nachgebildet sind“. Abgeordnete wiesen dabei auf eine Berücksichtigung von vielen Aspekten wie Alter, Geschlecht, Größe und Statur hin.
Ähnlich klingt die Bewertung von Seiten der europäischen Organisation für Fahrzeugsicherheit, Euro NCAP. Fahrzeugsicherheit sollte „nicht in vereinfachten Kategorien wie männlicher und weiblicher Schutz betrachtet werden“, hieß es auf Anfrage von der Verbraucherschutzgesellschaft.
Vielmehr müsse das gesamte Spektrum der Bevölkerung berücksichtigt werden und Sicherheit über das Geschlecht hinausgehen. „Repräsentation für alle Menschen ist wichtig, doch wir müssen verstehen, welche anderen Faktoren bei Unfällen überrepräsentiert sind, etwa ältere Menschen, adipöse Personen, große Männer oder kleine Frauen“, so Euro NCAP.
Die Prüfungen seien darauf ausgelegt, die größten Risiken für Insassen abzudecken, dazu gehören nach eigenen Angaben auch Tests mit weiblichen Dummys. „Dennoch ist es nicht möglich – und wird es vermutlich auch nie sein –, alle Aspekte ausschließlich durch physische Tests zu erfassen“, hieß es von Euro NCAP. Zunehmend würden aber „computergenerierte Szenarien dazu beitragen, potenzielle Risiken für eine größere Bandbreite an Körperformen besser einzuschätzen und die Bevölkerung repräsentativer abzubilden“.