Osnabrück Dominik Lohle: Gründer, die vielleicht manchmal auch anecken, finde ich spannend
Dominik Lohle ist Osnabrücker, Data-Scientist und hat gerade zusammen mit einem Partner einen Venture-Capital-Fonds, Wagniskapital-Fonds, um in Start-ups zu investieren. Wie ist er dazu gekommen und was treibt ihn an?
Mit seinem vorherigen Arbeitgeber, dem High-Tech-Gründerfonds, hatte Dominik Lohle bereits in Osnabrücker Start-ups wie Visiolab investiert. Jetzt hat er zusammen mit Max Derpa ein eigenes Unternehmen gegründet: May Ventures.
30 Millionen Euro haben die beiden von Investoren eingesammelt und einen eigenen Fonds aufgesetzt. In ein erstes Start-up – aus Osnabrück – hat der Fonds bereits investiert. Wie er zum Wagniskapitalgeber wurde und was Gründer brauchen, um für ihn interessant zu sein, erzählt Dominik Lohle im Interview:
Frage: Herr Lohle, wie wird man Venture Captalist also Wagniskapitalgeber?
Antwort: Ich bin Data Scientist, habe Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre studiert. Schon während des Studiums habe ich festgestellt, dass mich Technologie und Unternehmertum total interessiert. Das kommt im Bereich Venture Capital prima zusammen. Im Studium habe ich schon für zwei Fonds gearbeitet, die Start-ups finanzieren. Anschließend bin ich beim High-Tech-Gründerfonds, Deutschlands größtem und aktivstem Frühphaseninvestor, gestartet.
Frage: Warum haben Sie dort aufgehört?
Antwort: Ich war fast sieben Jahre beim HTGF und bin dort jüngster Prokurist geworden. Schon seit Schulzeiten wollte ich aber immer irgendwann auf eigenen unternehmerischen Beinen stehen. Und in der Welt der Unternehmen und Start-ups tut sich gerade ganz viel, insbesondere was die Transformation durch künstliche Intelligenz betrifft. Ich bin jetzt noch bereit, ins Risiko zu gehen, habe keine Kinder, keine Immobilie, die ich abbezahlen müsste. Ein Unternehmen neu aufzubauen, passt nicht in jede Phase des Lebens. Als mich mein jetziger Mitgründer Max Derpa angesprochen hat, habe ich nicht lange überlegt.
Frage: Als Data Scientist mit KI-Affinität hätten Sie auch die Voraussetzungen, ein eigenes KI-Start-up zu gründen. Hat Sie das nicht gereizt?
Antwort: Das ist eine gute Frage. Ich habe bislang immer auf der anderen Seite, den Fonds, gearbeitet. Da kenne ich mich aus. Außerdem hat man als Wagniskapitalgeber die Möglichkeit, bei ganz vielen neuen Ideen dabei zu sein und viele Wetten über die Zukunft mitzugehen. Und auch die Investorenseite wird immer technischer, sodass die Unterschiede zwischen Technologie-Start-ups und Investoren tendenziell immer weiter verschwimmen.
Frage: Was reizt Sie am Venture Capital?
Antwort: Ein Weg, den viele Wirtschaftsstudenten gehen, ist in die Beratung. Da lernt man auch viele Bereiche kennen, ist aber nach kurzer Zeit wieder raus. Beim Venture Capital ist das anders. Man arbeitet sich in ein Thema ein und dann geht die Zusammenarbeit erst los. Man arbeitet über viele Jahre mit Gründerteams und es ist extrem inspirierend, vielleicht als erster Investor dabei zu sein und zu sehen, was aus einer Power-Point-Idee werden kann, die vielleicht mal an der Frankfurter Börse landet. Als Investor ist man eigentlich immer schon eins, zwei Schritte in der Zukunft.
Frage: Wie findet man Investoren für seinen eigenen Fonds?
Antwort: Die Investoren warten nicht auf einen, auch wir müssen als Team überzeugen und mit vielen, ganz unterschiedlichen Leuten sprechen. Grundsätzlich gilt beim Fundraising: Man kann ein Investment niemandem aufschwatzen. Und es ist keine Anlageklasse für jeden. Wir haben erfolgreiche Ex-Gründer mit dabei, die auch als Sparringspartner zur Verfügung stehen. Aber viel Geld ist auch von Banken wie der NRW-Bank oder der Hessischen Landesbank gekommen, aber auch von Sparkassen und Volksbanken.
Frage: Was muss ein Gründer oder Gründerteam mitbringen, um für Sie interessant zu sein?
Antwort: Ein Team ist oft besser als ein Einzelgründer, weil sie stabiler sind und mehrere Perspektiven und verschiedene Kompetenzen mitbringen. Wenn es um ein technisches Produkt geht, sollte auch die technologische Kompetenz im Team vorhanden sein, um nicht nur auf Externe angewiesen zu sein. Und ganz wichtig: Mindestens einer muss als Persönlichkeit überzeugen. Diese Überzeugungsfähigkeit nimmt einem keine KI ab. Mit diesen unterschiedlichen Gründerpersönlichkeiten zusammenzuarbeiten, die vielleicht manchmal auch anecken, aber total für ihr Thema brennen, finde ich total spannend. Das ist sehr ansteckend.
Frage: Nun gibt es viele Fonds und Investoren am Markt, die Start-ups unterstützen. Braucht es da einen eher kleinen Fonds wie May Ventures überhaupt?
Antwort: Hat die Start-up-Szene auf uns gewartet? Die Frage muss man ehrlicherweise sicher mit Nein beantworten. Aber wir müssen uns nicht verstecken. Ich glaube, dass wir im Wettbewerb sehr gut bestehen können, sonst wären wir nicht angetreten. Unsere Branche befindet sich im Wandel, insbesondere durch KI. Mit unserem klaren KI-Fokus – sowohl in unseren Investments als auch in unserer eigenen automatisierten Arbeitsweise – gehen wir als Fonds neue Wege. Zudem zeigt die Statistik, dass gerade kleinere Fonds viele größere outperformen.
Frage: In welchen Größenordnungen investieren Sie?
Antwort: Wir werden am Anfang zwischen 250.000 und einer Million Euro pro Investment ausgeben. Das kann im Einzelfall auch mehr sein, reicht aber für Unternehmen in der sogenannten pre-seed-Phase, also der ganz frühen Phase, durchaus aus.
Frage: So früh ist aber auch das Risiko groß, dass aus dem Start-up und seiner Idee doch nichts wird.
Antwort: Das Risiko ist nicht von der Hand zu weisen, nicht jede Wetten auf die Zukunft geht auf. Wir wollen aber in 25 bis 30 Unternehmen investieren, und so das Risiko minimieren. Die Frage für Wagniskapitalgeber ist weniger, wie viele Start-ups ausfallen, sondern wie erfolgreich am Ende diejenigen waren, die es geschafft haben. Und die riskanteren Investments sind oft die, die den größeren Ertrag bringen.
Frage: Aber auch Ihre Investoren wollen am Ende des Tages eine Rendite sehen.
Antwort: Absolut. Unser Ziel ist es, das Investment mehr als zu verdreifachen. Nur, wenn ein Fonds Rendite erwirtschaftet, gibt es auch die Möglichkeit, den nächsten Folgefonds aufzubauen. Grundsätzlich haben wir aber die Zeit, uns zehn Jahre an Unternehmen zu beteiligen. Wir sind an einer langfristigen positiven Entwicklung interessiert und nicht am schnellen Profit.
Frage: Es gibt viele, sehr hoch bewertete KI-Unternehmen. Besteht kein Risiko einer Blase?
Antwort: Wir gehen davon aus, dass es auch im KI-Bereich einige hochbewertete Start-ups geben wird, die am Ende keinen Markt oder kein ertragreiches Geschäftsmodell für sich finden werden. Aber es gibt auch die absoluten Champions von morgen. Die werden in der Summe dazu führen, dass sich die Investments in der Breite rentieren. Die Kunst des Investors ist es, die Champions von morgen zu finden.
Frage: Als Osnabrücker haben Sie jetzt Münster für den Standort des Fonds gewählt. Ist das Ziel, auch vor allem in der Region zu investieren?
Antwort: Es wird eine Mischung werden. Ein Fokus liegt auf der hiesigen Start-up-Szene, also Osnabrück, Ostwestfalen und Münster. Es ist von Vorteil, Gründer in der Frühphase auch persönlich begleiten zu können und unser erstes Investment ist in ein Osnabrücker Start-up erfolgt. Richtig ist aber auch, dass wird darüber hinaus investieren werden. Vielleicht gibt es mal ein Jahr lang keine interessanten Neugründungen vor Ort. Dann können wir nicht Däumchen drehen. Wir profitieren aber von der Region und suchen insgesamt vor allem abseits der größten Start-up-Zentren Berlin und München nach spannenden Start-ups.
Frage: In wen haben Sie investiert – und gibt es weitere Pläne?
Antwort: Droidrun ist unser erstes Investment. Wir sprechen zurzeit mit einigen Gründerteams, auch in Osnabrück. Aber aktuell ist noch nichts spruchreif. Es werden in den nächsten Wochen aber sehr wahrscheinlich noch weitere Investments folgen.
Frage: Es heißt oft, dass es Start-ups, die Hardware entwickeln, schwieriger haben, eine Finanzierung zu bekommen. Ist das so?
Antwort: Grundsätzlich stimmt es, dass Software deutlich einfacher zu skalieren ist und die Einnahmen daraus planbarer sind. In Zeiten von KI besteht aber auch das Risiko, dass die KI den Code innerhalb kürzester Zeit nachbaut. Daher schauen wir uns auch sehr gerne Hardware-Themen an und denken das bewusst in der KI-Transformation mit.
Frage: Wie geht es jetzt weiter?
Antwort: Die erste Hürde, genügend Kapital einzusammeln, damit es losgehen kann, haben wir gemeistert und die kritische Masse von 30 Millionen Euro erreicht. Das ist für einen jungen Fonds schon nicht schlecht. Wir wollen aber auf 40 bis 50 Millionen wachsen, um Unternehmen, in die wir investiert haben, auch in den nächsten Runden weiter unterstützen zu können.