Abwrackpämie Ein Drittel der Kutter wird aus Ostfrieslands Häfen verschwinden
Die Küstenfischerei steht vor Veränderungen: Der Bund hat eine Abwrackprämie für Kutter aufgelgt.
Berlin/Greetsiel - Das Programm nennt sich „Förderung der Einstellung der Fangtätigkeit im Fischereisektor“ (EFF) - letztlich ist es eine Abwrackprämie: Der Bund will bis Ende 2027 ein Drittel der deutschen Fischkutter in der Nordsee stilllegen. Mit 20 Millionen Euro soll die Flotte insgesamt verkleinert und den Fischern sozialverträglich der Ausstieg aus dem Fanggeschäft ermöglicht werden, heißt es aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Das Programm richtet sich vor allem an Krabbenfischer, steht aber auch der Plattfisch-Fischerei offen.
Grund für das Stilllegungsprogramm sind die immer schwieriger werdenden Rahmenbedingungen der Küstenfischerei: Die Fischereigründe werden stetig kleiner wegen des Zubaus der Nordsee mit Offshore-Windparks und der Ausweisung von Meeresschutzgebieten mit umfangreichen Beschränkungen wie dem Verbot der Schleppnetzfischerei. Hinzu kommen der Bau von Kabeltrassen und die Verklappung von Hafenschlick und Baggermaterial aus den großen Flüssen sowie die Auswirkungen des Klimawandels, die sich nicht positiv auf die Fangmengen auswirken.
Strukturwandel als Voraussetzung für die Zukunft
Längst steht fest, dass sich die Branche einem grundlegenden Strukturwandel stellen muss, damit es auch in Zukunft noch Küstenfischerei gibt. So sagt der Bundesfischereiminister Alois Rainer zum Stilllegungsprogramm: „Wir bringen die Leistungsfähigkeit der Fischereiflotte und die tatsächlichen Fangmöglichkeiten wieder ins Gleichgewicht. Unsere Förderung ermöglicht eine nachhaltige Strukturanpassung in der deutschen Fischereiflotte und sichert den Betrieben in der Nordsee, die weitermachen wollen, eine wirtschaftliche Perspektive.“
Die Stilllegungsprämie war eine wesentliche Empfehlung der Zukunftskommission Fischerei (ZKF), die ab März 2024 über Perspektiven für die Nordseefischer beraten hatte. Finanziert wird die Prämie durch Einnahmen aus den Versteigerungserlösen künftiger Windparkflächen gemäß dem „Windenergie-auf-See-Gesetz“.
Fischer zwischen Akzeptanz und Sorge
„Das Abwrackprogramm ist sicher eine Lösung“, sagt Gerold Conradi, 2. Vorsitzender des Verbands der Kleinen Hochsee- und Küstenfischerei und Sprecher der Greetsieler Fischer. „Denn die Verkleinerung der Kutterflotte nimmt den Druck von den Fanggebieten.“ Glücklich ist er dennoch nicht. „Letztlich müssen wir Fischer unsere Flotte verkleinern, weil die Nordsee zum riesigen Industriepark ausgebaut wird und unsere Fanggründe immer kleiner werden“, sagt der Fischer in 6. Generation, der selbst mehr als 40 Jahre mit dem Kutter gefischt hat. Aber: „Wenn wir uns nun nicht neu aufstellen, geht es mit der Küstenfischerei zu Ende“, weiß Conradi. „Wir müssen das für unsere jungen Kollegen unter 50 tun, die eine Zukunft in der Fischerei haben wollen.“
Ein ihm wichtiger Aspekt des nun eingeleiteten Strukturwandels ist die Neubauförderung: „Heute ist der Großteil der Kapitäne deutlich jünger als ihr Kutter - das muss sich dringend ändern“, sagt Conradi. Tatsächlich gibt es schon Entwürfe des Fischkutters der Zukunft: Im Projekt „Energieeffiziente zukunftsweisende Küstenfischerei“ hat die Hochschule Emden/Leer in Kooperation mit dem Konstruktionsbüro Judel/Vrolijk aus Bremerhaven einen schiffbaulichen Entwurf für einen energieeffizienten und emissionsfreien Fischereikutter gestaltet. Ziel ist die Serienfertigung eines Kutters - doch die gelingt nur mit Förderung.
Folgen für Häfen und Betriebe an Land
Die Verkleinerung der Kutterflotte hat aber auch Auswirkungen auf die Häfen und nachgelagerte Betriebe: „Wenn knapp jeder dritte Kutter wegfällt, fallen auch Arbeitsplätze an Land weg“, sagt Conradi: In Greetsiel etwa seien rund 200 Beschäftigte in Voll- und Teilzeit allein mit der direkten Fischerei beschäftigt. Hinzu kommen Werften, Schiffsausrüster, Schlossereien und zahlreiche weitere Betriebe, die die Verkleinerung der Flotte alle spüren dürften. „Und für sie alle gibt es keine Stilllegungsprämien.“
Das beschäftigt auch die Politik vor Ort: „Die Unterstützung der Fischerei im Strukturwandel ist gut“, sagt Hilke Looden, Bürgermeisterin der Krummhörn. „Doch was passiert mit den Fischereihäfen, wenn die Flotte sich um ein Drittel verkleinert? Was bleibt dann übrig?“ Dabei geht es ihr nicht nur um die Hafeninfrastruktur: Greetsiel ist auch deshalb ein touristischer Anziehungspunkt, weil der Hafen mit seinen vielen Kuttern einen so malerischen Anblick bietet. Ähnliches gilt für Neuharlingersiel als weiterer großer ostfriesischer Kutterhafen.
Zukunftspakt Küstenfischerei 2050
2024 hatten sich Vertreter der Küstenorte, der Fischerei, aus Wirtschaft, Tourismus und Nationalpark zum „Zukunftspakt Küstenfischerei 2050“ zusammengeschlossen. Auch Hilke Looden beteiligte sich daran. „Uns war wichtig, dass wir als Kommunen eingebunden werden in die Zukunftsplanung für die Fischerei“, sagt sie. Und das sei gelungen. Die beim Thünen-Institut in Bremerhaven im Aufbau befindliche „Informations- und Koordinierungsstelle Transformation Fischerei“ (IKTF) hat die Kommunen fest im Blick. Eine ihrer Aufgaben ist die Vernetzung aller an der Transformation der Fischerei beteiligten Akteure.