Berlin  Neuer „Tatort“-Darsteller: Denis Moschitto spricht über Zwangsehe seiner Mutter

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 01.12.2025 14:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Neues Tatort-Duo: Denis Moschitto als Cyber-Kriminalist Mario Schmitt und Wotan Wilke Möhring als Bundespolizist Thorsten Falke. Foto: picture alliance/dpa/Marcus Brandt
Neues Tatort-Duo: Denis Moschitto als Cyber-Kriminalist Mario Schmitt und Wotan Wilke Möhring als Bundespolizist Thorsten Falke. Foto: picture alliance/dpa/Marcus Brandt
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Vor einem Debüt als „Tatort“-Ermittler haben wir Denis Moschitto getroffen. Im Interview erzählt er die dramatische Lebensgeschichte seiner Mutter.

Vom Regisseur Fatih Akin wurde Denis Moschitto einmal als Schauspieler bezeichnet, der ein Superstar sein könnte, aber nicht wollte. Im Interview zu seinem Debüt als „Tatort“-Kommissar denkt der 48-Jährige jetzt darüber nach, ob an der Zuschreibung vielleicht etwas dran ist. Außerdem erzählt Moschitto, wie weit seine Hacker-Tricks im TV-Krimi von dem entfernt sind, was er als Teenager wirklich am Computer angestellt hat. Und dann erzählt er die Geschichte von der Zwangsehe seiner Mutter.

Frage: Herr Moschitto, bei Wikipedia lese ich, dass man Ihren Namen italienisch ausspricht, mit einem K-Laut in der Mitte, wie die Stechmücke. Inzwischen hat man mir aber gesagt, dass es mit einem Sch-Laut richtig ist. Was stimmt denn nun?

Antwort: Das ist alles richtig. Mein Name ist italienisch und da wird ein SCH wie SK ausgesprochen: Mos-kitto. Als mein Großvater nach Deutschland eingewandert ist, wollten die Ämter ihn erst mit Q schreiben: Mosquito. Irgendwann hat ein Beamter ihm gesagt: Jetzt hören Sie mal zu, Sie heißen gar nicht Mos-kito. Sie heißen MoSCHitto. Der Mann konnte kein Italienisch, hat das deutsch ausgesprochen und meinen Großvater über den eigenen Namen belehrt. Na gut, hat der sich gesagt, dann ist das hier wohl so. Seitdem sagen wir Moschitto, mit deutschem SCH. Ich kenne es nicht anders, bin aber mit allen Versionen fein.

Frage: Das war ja ganz schön übergriffig von dem Beamten.

Antwort: So war das damals. Mein Großvater war irgendein Gastarbeiter. Heute können viele ein bisschen Italienisch aus dem Urlaub. Jetzt kommt es öfter vor, dass Leute mich fragen, ob es nicht eigentlich Mos-kitto heißen müsste.

Frage: Bei unserem letzten Interview haben Sie mir gesagt, dass genug „Tatorte“ im Fernsehen laufen und es über Ermittler nichts mehr zu sagen gibt. Wie lange danach haben Sie das Angebot bekommen, einen „Tatort“-Ermittler zu spielen?

Antwort: Mit Zitaten wie diesem werde ich jetzt öfter konfrontiert. Das sagt mir, dass ich einfach zu viel rede. Aber ich stehe natürlich auch weiterhin dazu. Es gibt zu viele Krimis und jetzt bin ich Teil des Problems. Es gab aber auch Aspekte an der Rolle, die mich total interessieren. Ich bin wirklich froh, das zu machen.

Frage: Die Rolle ist Ihnen ja auch auf den Leib geschrieben. Sie spielen einen IT-Ermittler, der sich überall einhacken kann – und als Teenager waren Sie wirklich in der Hacker-Szene.

Antwort: Das hatte aber niemand auf dem Schirm. Als ich das erzählt habe, waren alle überrascht. Und natürlich hatte ich dann auch meine Schwierigkeiten damit, wie wir Hacking darstellen. Im Fernsehen wirkt das immer wie Magie. Da tippt der Hacker irgendwas ins Laptop und am Ende sagt er: Ich bin drin. Echte Hacking‑Arbeit ist viel interessanter.

Frage: Erzählen Sie mal.

Antwort: Es gibt eine Ebene, die überhaupt nichts mit Computern zu tun hat: das Social Engineering. Das ist eher Spionage‑Arbeit. Hacker gehen verkleidet in Gebäude rein und sagen: Guten Tag, ich bin ihr Telekommunikationsmitarbeiter und muss mir hier mal die Buchsen anschauen. Und dann steckt man USB‑Sticks in die Rechner. Nur am Monitor rumsitzen, funktioniert nicht. Kein Mensch kommt heute noch in ein passwortgeschütztes Handy rein. Wenn Daten verschlüsselt sind, hat man selbst mit den krassesten Supercomputern keine Chance. Also geht man eben andere Wege. Mal sehen, wie mein „Tatort“-Ermittler sich entwickelt. Vielleicht wird Mario Schmitt noch ein Verwandlungskünstler.

Frage: Was war denn der größte Hack, den Sie als Jugendlicher hingekriegt haben?

Antwort: Ganz ehrlich: So ein richtiger Hacker war ich gar nicht. Es gab eine einzige Sache. Aber darüber kann ich nicht reden.

Frage: Können Sie Ihr Social Engineering denn im Alltag nutzen? Kommen Sie gut an Warteschlangen vorbei, weil Sie alle glauben lassen, dass Sie schon mal vorne standen und jetzt nur zurückkommen?

Antwort: Wenn ich lüge, fühle ich mich sofort ertappt und das kann man sehen. Mein Grundgefühl im Leben ist dies: Alle merken, dass ich unter der Wäsche nackt bin.

Frage: Sie drehen seit 25 Jahren. In welcher Rolle haben Sie Ihr bestes Schauspiel gezeigt?

Antwort: Schwer zu sagen. Alle Filme, die ich mit Fatih Akin zusammen gemacht habe, sind toll. Auch in Özgür Yıldırıms „Chiko“ habe ich gute Momente, besonders die Schlussszene. Mit meinem Gangsterfilm „Schock“ bin ich auch sehr happy, da war ich zum ersten Mal Co-Regisseur. Aber ich glaube, am glücklichsten bin ich über die Serie „Im Knast“, wo ich einen Möchtegern‑Gangster spiele: Erdem Azimut.

Frage: Sie lachen. Mögen Sie die Rolle, weil sie lustig ist?

Antwort: Ja, die ist richtig lustig. Erdem glaubt, dass er ein unfassbar gefährlicher Gangster ist. Was nicht stimmt. Er hat das Herz am rechten Fleck, aber er ist auch ein kleiner Idiot. Ich habe das Angebot unter der Bedingung angenommen, dass ich machen kann, was ich will, und niemand mir meine Texte schreibt. Erstaunlicherweise war das okay. Manchmal hatte ich dann direkt vor der Aufnahme noch keine Ahnung, was ich gleich mache. Und dann purzelte dieser Typ aus mir raus. Es war eine wunderschöne Schauspielerfahrung. Einfach, weil ich mich auf diese Figur verlassen konnte. Ich wusste immer, dass Erdem übernimmt.

Frage: Schade, dass das im „Tatort“ nicht geht. Da müssen die Dialoge immer so viele Informationen transportieren. Sagen Sie nichts dazu – das macht Sie am Set wahrscheinlich angreifbar.

Antwort: Ich sage trotzdem was, weil es ja stimmt. Beim Film gibt es diese schöne Regel: Show, don’t tell. Man soll zeigen, was passiert, und nicht alles erklären. Man muss nicht jedes Detail der Ermittlung nachvollziehen, um zu begreifen, was emotional passiert. Dinge verstehen wird überschätzt. Im deutschen Fernsehen herrscht aber die Sorge: Wenn die Leute was nicht verstehen, schalten sie ab. Deshalb müssen wir riesige Textblöcke aufsagen, als ob es ein Hörspiel wäre. Es ginge eleganter.

Frage: Fatih Akin hat Sie mal als Schauspieler bezeichnet, der ein Star hätte sein können – das aber nicht wollte. War es so?

Antwort: Da hat Fatih ein sehr edles Bild von mir gezeichnet. Es stimmt und es stimmt nicht. Ich glaube, wenn der große Ruhm wirklich auf dem Tisch gelegen hätte, hätte ich angenommen. Aber ich habe Rollen abgelehnt, die dann andere Leute berühmt gemacht haben. Selbst habe ich lieber kleinere Projekte gemacht.

Frage: Ich rate mal: Haben Sie die Hauptrolle bei „Türkisch für Anfänger“ abgelehnt, mit der Elyas M’Barek zum Star wurde?

Antwort: Das war es nicht, aber es hat schon diese Größenordnung. Es gehört natürlich zum Beruf dazu. Und selbst wenn ich gewusst hätte, dass meine abgesagten Filme so erfolgreich werden, hätte ich mich vielleicht genauso entschieden. Auf gewisse Weise hat Prominenz mich nie interessiert. Keiner ist ganz frei davon, das ein bisschen anziehend zu finden. Aber in der Realität hat Ruhm ja auch seine Schattenseiten. Was manchmal schwer zu verdauen ist: Talent ist gar nicht so ausschlaggebend. Ein Film mit fünf Millionen Zuschauern reicht, um eine Karriere aufzubauen. Ohne monetären Erfolg kann man tausend tolle Sachen machen und wirklich gut sein – aber solange es Achtungserfolge bleiben, interessiert das keinen. Das ist schmerzhaft, und man muss einen Weg finden, damit umzugehen.

Frage: Kinder kennen Sie aus der „Sendung mit dem Elefanten“, wo Sie an der Seite von Anke Engelke spielen. Was kann man sich von der abgucken?

Antwort: Vor allem, wie sie mit anderen Menschen umgeht. Sie bringt immer Kuchen mit. Sie ist mit allen auf Augenhöhe. Und wenn sie jemanden auch nur ein einziges Mal sieht, wird sie den Namen niemals vergessen.

Frage: Anke Engelke hat gerade eine Kampagne für die Deutsche Bahn gemacht – und Ihre Mutter hat da wirklich mal gearbeitet. Was würde die dazu sagen?

Antwort: Meine Mutter war nur kurz bei der Bahn. Im Gegensatz zu meinem Vater, der bis zur Rente geblieben ist. Der hat sich hochgearbeitet, war dann Vorarbeiter und hat, als er krank wurde, ein Magazin mit Schildern und Bekleidung für die Mitarbeiter geführt.

Frage: In einem Podcast haben Sie mal erwähnt, dass Ihre Mutter vor einer Zwangsehe nach Deutschland geflohen ist. Wie alt war sie damals?

Antwort: Genau weiß das keiner. Meine Mutter kommt aus einem entlegenen Dorf. Da hat man gewartet, bis genug Kinder beisammen waren, und dann alle mit dem Lkw zum Amt gefahren. Da wurde dann für alle derselbe Geburtstag eingetragen, oft der 1. Dezember. Bei ihrer Zwangsehe wird sie 18 oder 19 gewesen sein. Sie ist danach aus ihrem Dorf abgehauen und zuerst nach Istanbul gegangen. Da hat ihr damaliger Mann sie ausfindig gemacht. Er war auch ihr Cousin. Damals hat die Deutsche Bahn in Istanbul Gastarbeiter rekrutiert. Meine Mutter ist zur Anlaufstelle gerannt und hat gesagt: Ich will hier weg. So kam sie nach Köln.

Frage: Was hat Ihre Mutter über diesen Cousin und Ehemann erzählt?

Antwort: Er war vom Alter her nicht weit von ihr entfernt und auch nicht gewalttätig oder so. Meine Mutter mochte den sogar sehr. Sie waren wie Geschwister. Sie wollte nur nicht mit ihm verheiratet sein. Er aber mit ihr. Und das war ein Konflikt. Das größere Problem waren aber wohl ihre Eltern. Meine Mutter war schon immer ein Freigeist. Sie wollte die Welt sehen und nicht als Hausfrau in Ostanatolien 20 Kinder großziehen. Wenn ich über den Lebensweg meiner Eltern nachdenke, bin ich selbst immer beeindruckt. Ich bin in Köln geboren und habe es irgendwie nie aus dieser Stadt geschafft. Die sind um die halbe Welt gereist und haben ein völlig neues Leben aufgebaut, ohne die Sprache zu verstehen. Und das ist natürlich nicht nur ihre Lebensleistung, sondern die einer ganzen Generation von Gastarbeitern. Und wie meine Eltern haben sie es alle für ihre Kinder gemacht, die ein besseres Leben haben sollten. Bei uns also für meine Schwester und mich.

Frage: Ihre Großeltern werden Ihre Mutter auch geliebt und das Beste für sie gewollt haben. Gibt es beim Thema Zwangsehe Ambivalenzen?

Antwort: Ich glaube, die wussten es einfach nicht besser. Das war ihre Lebensrealität. Da war eine junge Frau und die musste unter die Haube. So hat man das auf dem Land damals gemacht. Es war normal, innerhalb der Familie zu heiraten. Niemand hat sich was dabei gedacht.

Frage: Haben Sie Ihre Großeltern kennengelernt? Ist da ein Bruch geblieben oder eine Kränkung?

Antwort: Von meiner Mutter gab es Versuche der Annäherung an meine Großmutter. Der Großvater lebte schon nicht mehr. Ich weiß, dass meine Mutter lange ein schlechtes Gewissen hatte – einfach weil sie ihre Mutter nie mehr gesehen hat. Irgendwann kam von einer Cousine die Nachricht, dass sie gestorben ist. Da war meine Mutter am Boden zerstört. Der Kontakt zu ihrem Bruder und zu anderen Teilen der Familie ist aber wieder zustande gekommen, und jetzt habe ich ganz viele Cousins und Cousinen in der Türkei. Ich habe mit meiner Mutter mal eine längere Reise durch das Land gemacht. Da sind mir alle möglichen Leute als Onkel und Tanten vorgestellt worden. Wenn meine Mutter mit denen geredet hat, habe ich nichts verstanden. Ich könnte nicht mal sagen, ob einer der Onkel der Ex-Mann war, vor dem sie weggelaufen war.

Frage: Das hätte sie doch kaum verschwiegen.

Antwort: Ich hätte meiner Mutter das zugetraut.

Frage: Wie offen wurde denn über die Familiengeschichte gesprochen?

Antwort: Meine Eltern waren da sehr verschlossen. Ich musste ihnen alles aus der Nase ziehen. Und ich bereue, dass ich das nicht viel intensiver gemacht habe, als sie noch lebten. Ganz besonders bereue ich, dass ich mich nicht einmal mit ihr hingesetzt und all ihre Rezepte notiert habe. Sie konnte sehr gut kochen.

Frage: Vermutlich anatolische Hausmannskost?

Antwort: Genau. Ich habe mir ein paar Sachen draufgeschafft. Manti zum Beispiel, das sind diese türkischen Ravioli. Meine Mutter hat sie so gekocht, wie man das wirklich nur in der Osttürkei hinkriegt. Ich habe sie nie wieder so gegessen. Wobei das auch nicht mehr ginge, weil ich inzwischen Vegetarier bin. Jetzt, wo wir darüber sprechen, fällt mir wieder ein, wie es war, als meine Mutter gestorben ist. Sie hatte einfach immer gekocht und wenn ich sie besucht habe, hat sie mir natürlich was zum Essen mitgegeben. Als sie dann gestorben ist, hatte ich noch Essen von ihr im Gefrierfach. Und das ist … – ich merke gerade: Es ist schwer, darüber zu sprechen.

Frage: Wir können abbrechen.

Antwort: Es war einfach so ein seltsames Gefühl, die letzte Mahlzeit zu essen, die meine Mutter zubereitet hat.

Frage: Was war’s denn? Diese Nudeln?

Antwort: Genau. Sie hatte die extra für mich ohne Fleisch gekocht. Sie waren mit Kartoffeln gefüllt.

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