Osnabrück  „Dieses Jahr schenken wir uns nichts“? Warum mich dieser Satz sauer macht

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 03.12.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schon als Kind wird man ermahnt, dass Geschenke an Weihnachten „nicht das Wichtigste“ sind. Foto: picture alliance / marcus/Shotshop
Schon als Kind wird man ermahnt, dass Geschenke an Weihnachten „nicht das Wichtigste“ sind. Foto: picture alliance / marcus/Shotshop
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Ständig klagen alle, die Vorweihnachtszeit sei so stressig, weil man so viele Geschenke auftreiben muss. Aus Gründen der Entschleunigung verabreden viele Erwachsene sogar, sich zu Weihnachten gar nichts mehr zu schenken. Unser Autor kann das nicht nachvollziehen – eine Gegenrede.

Zu Beginn eine kleine Meditationsübung: Werden Sie für einen Augenblick ruhig, schließen Sie die Augen, atmen Sie dreimal tief ein und aus, und dann denken Sie zurück: Was war das schönste Weihnachtsgeschenk, das Sie jemals bekommen haben? Was genau war daran so schön? Und wie haben Sie sich gefühlt, als Sie es bekamen?

Meine Antworten wären: eine Videospielkonsole (Super Nintendo), das mitgelieferte Spiel war „Street Fighter II Turbo“, demnach muss es 1993 gewesen sein. Und die Aufregung darüber machte mir so ein fieses Seitenstechen, dass ich die Bescherung unterbrechen musste, um mich hinzulegen.

An diese buchstäbliche Überwältigung als Zehnjähriger muss ich immer denken, wenn ich in der Vorweihnachtszeit die traditionellen Rufe nach Verzicht und Entschleunigung höre. Wie schön es doch wäre, sich gerade in dieser besinnlichen Zeit nicht immer so abhetzen zu müssen, heißt es dann. Und dass Weihnachten zum Koma-Shopping verkommt.

Unter Erwachsenen, ob im Freundeskreis oder in der Familie, sagt dann bestimmt irgendwann einer den Satz der Sätze. Einen Satz, der wie eine tolldreiste Innovation klingen soll und der in Wahrheit natürlich schon schrecklich alt ist, auf jeden Fall deutlich älter als „Street Fighter II Turbo": „Dieses Jahr schenken wir uns nichts.“

Ein Statement wie Donnerhall. Was schwingt da nicht alles mit, der Blick fürs Wesentliche, urchristliche Einmütigkeit („wir“!), bettelmönchische Radikalität („nichts“!). Kein Wunder, dass er so volkstümlich ist, auch wenn ihn, wie gesagt, viele noch immer für gewagt halten.

Letzte Woche habe ich in einer Buchhandlung auf dem Weihnachtstisch gesehen, dass es dazu sogar ein eigenes Genre gibt, das offenbar alle Altersgruppen gleichermaßen anspricht. „Nächstes Jahr schenken wir uns nichts. Weihnachtsgeschichten“ erscheint bei dtv im Großdruck. „Maria, aber nächstes Jahr schenken wir uns nichts!“ heißt ein Kinderbuch von Coppenrath. Für alle dazwischen gibt es von Diogenes „Diesmal schenken wir uns nichts. Geschichten für eine entspannte Weihnachtszeit“.

Da niemand so einen Käse freiwillig selber liest, schon gar nicht, wenn er sich gerade im Weihnachtstrubel chronisch überfordert fühlt, handelt es sich natürlich ausnahmslos um Geschenkbücher.

Es handelt sich jedenfalls um einen äußerst verbreiteten Satz, und das liegt bestimmt auch daran, dass es bei der ganzen Sache eigentlich um viel mehr geht als ein bisschen Konsumkritik: Ungetrübte Vorfreude steht regelrecht unter Sakrilegverdacht.

Oder wer wäre als Kind nie ermahnt worden, man soll gefälligst nicht „nur“ an die Geschenke denken, weil die an Weihnachten „nicht das Wichtigste“ sind? Mit der Zeit hat sich im kollektiven Unterbewusstsein ein regelrechter Geschenkekomplex aufgestaut: Loriot hat ihn schon in den Siebzigerjahren mit seinem Sketch „Weihnachten bei Hoppenstedts“ offengelegt („Ich will jetzt mein Geschenk haben“ – „Opa, sei ein bisschen gemütlich“). Mindestens so lange also steht schon die Frage im Raum: Was hat uns nur so ruiniert?

Warum müssen wir, wenn schon der Frühling immer zu kurz, der Sommer immer zu trocken und der Herbst immer zu nass ist, auch noch den Advent darauf abschnüffeln, ob da nicht vielleicht auch irgendetwas ganz furchtbar problematisch ist, und sei es etwas so Heiteres wie die Vorbereitung einer Bescherung? Als ob wir, wenn es zu schön wird, Seitenstiche bekämen.

Klar wäre die Weihnachtszeit leichter zu bewältigen, wenn man keine Geschenke besorgen müsste. Ich bin selbst ein mieser Schenker, der erst auf den letzten Drücker alles beisammen hat, dabei bin ich nicht faul, nur ratlos. Ein gedrechselter Korkenzieher vom Weihnachtsmarkt („Ihr trinkt doch gerne Wein!“), ein schöner Kalender („meinen Geburtstag hab ich dir schon markiert, höhö“) – es gibt keine Verlegenheit, die ich nicht schon in Geschenkpapier gewickelt hätte. Also, mit Ausnahme eines „Wir schenken uns nichts“-Buches.

Doch so quälend die Geschenkesuche verlaufen kann, so klar ist doch, warum man das macht. Denn manchmal geht es eben auch gut mit der Auswahl, und wenn das der Fall ist, hat der Moment das Zeug zur Unvergesslichkeit – siehe die Meditation am Anfang. Wie wir schenken und beschenkt werden, prägt ganze Familien: Bescherungen sind Heimat. Das gilt ausdrücklich auch für Erwachsene, oder für sie vielleicht sogar besonders: Noch einmal wirklich überwältigt zu sein, fällt uns ja schwerer als unseren Kindern.

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