Osnabrück  Drei Frauen, drei Schicksale in Osnabrück: So stark schmerzt ein unerfüllter Kinderwunsch

Meike Baars
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Von Meike Baars
| 30.11.2025 12:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
„Vielleicht kann ich auch ohne Kinder gut leben. Aber der Gedanke tut weh.“ Drei Osnabrücker Frauen erzählen von ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Foto: Ralf Hirschberger/dpa
„Vielleicht kann ich auch ohne Kinder gut leben. Aber der Gedanke tut weh.“ Drei Osnabrücker Frauen erzählen von ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Foto: Ralf Hirschberger/dpa
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Es gibt viele Ursachen dafür, dass ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt. In Osnabrück treffen sich zweimal im Monat betroffene Frauen und tauschen sich aus – ohne Tabus. Wir haben zugehört.

Sie sehen sich selbst als Mütter oder Väter, aber der Wunsch nach einem eigenen Kind blieb bisher unerfüllt. Wie gehen Menschen mit diesem Schmerz um? 

In Osnabrück hat sich vor einem Dreivierteljahr eine Selbsthilfegruppe gegründet. Momentan treffen sich dort nur drei Frauen, sie hoffen aber auf weitere Mitglieder. Ohne Tabus sprechen sie an zwei Abenden im Monat über die Angst davor, das Glück eigener Kinder nie erleben zu dürfen. 

Unsere Redaktion hat einen Abend begleitet. Überraschend war, wie viel die Frauen gemeinsam haben, obwohl die Gründe für ihre Kinderlosigkeit so verschieden sind. Und, wie viel sie in den gemeinsamen Stunden lachten, obgleich sie traurige Gedanken teilten. 

Hier protokollieren wir Einblicke in ihre Erfahrungen.

Christina* 44 Jahre alt, Mitarbeiterin der Uni

Als junge Frau habe ich mich immer als Mutter gesehen. Vielleicht ist das gesellschaftliche Prägung, aber ich mag Kinder. Als meine Schwester ihr drittes Kind bekommen hat, habe ich mich für sie gefreut, aber es hat mich auch gewurmt. 

Ich bin jetzt Mitte 40 und so langsam schließt sich das Zeitfenster, in dem eigene Kinder möglich wären, ohne dass ich mich jemals bewusst gegen Kinder entschieden hätte. Ich habe einfach den Moment verpasst und nicht den Partner gehabt, mit dem es möglich gewesen wäre. Die Abbiegung habe ich nie genommen und jetzt ist es vielleicht vorbei. Man wird mit der Zeit pragmatisch. Es ist einfach nicht besonders realistisch, dass ich jetzt noch jemanden treffe, mit dem es klappt. 

Immer häufiger bekomme ich mit, dass Frauen auch ohne Mann Kinder bekommen. Das ist eine Entwicklung der letzten Jahre. Wäre ich jetzt 35, würde ich darüber nachdenken. Aber man bräuchte ein Netzwerk, das einen als Alleinerziehende unterstützt. Das fehlt mir. Bei einem Pflegekind sehe ich es ähnlich. Das traue ich mir nicht zu und ich bin nicht mutig genug dafür.  

Über meinen Schmerz kann ich so richtig ehrlich mit niemandem reden. Ich merke, dass es meine Mutter traurig macht, dass sie von mir keine Enkelkinder bekommt. Früher hat sie mir noch Ratschläge erteilt, dass ich mir einen Mann suchen soll. Die Belastung des unerfüllten Kinderwunsches teile ich nicht mit ihr. Deshalb bin ich so froh, dass es diese Gruppe gibt.

Vielleicht kann ich auch ohne Kind gut leben. Aber der Gedanke tut schon weh.  

Frauke* 34, Lehrerin

Mein Mann und ich haben eine lange Odyssee hinter uns. Bei uns klappt es aus biologischen Gründen nicht. Für mich ist es leider unmöglich, auf natürlichem Wege schwanger zu werden.

Ich weiß, dass wir damit bei weitem nicht allein sind. Mich hat immer gewundert, dass es zu dem Thema so wenig Austausch gibt. Es muss doch so viele andere Menschen geben, die unter der Kinderwunschbehandlung leiden und sich mitteilen wollen? 

Deshalb war ich sehr froh, diese Gruppe entdeckt zu haben. Es fühlte sich beim ersten Treffen direkt richtig an. Hier kann ich mich auskotzen, wenn mal wieder jemand in meinem Umfeld schwanger ist und ich damit nicht so gut umgehen kann.

Ich wäre einfach selbst so gern Mutter. Es ist ein innerer Wunsch, den ich schon immer verspürt habe. Alle um uns herum bekommen Kinder und gründen Familien. Das ist für uns hart. Manchmal bekommen wir ungefragt so tolle Tipps wie, „entspannt euch, dann funktioniert’s bestimmt!“ Das können nur Leute sagen, die keine Ahnung haben, was wir durchmachen.  

Mein Mann und ich versuchen, den unerfüllten Kinderwunsch, die Prozeduren, die wir auf uns nehmen müssen, und die immer wieder enttäuschten Hoffnungen gemeinsam zu verarbeiten, auch wenn das schwer ist. Wir sind froh, wenn wir uns ablenken können. Gerade beschäftigt uns der Hausbau.

Im letzten Jahr brauchte ich eine Pause und wir haben keine Versuche der künstlichen Befruchtung unternommen. Aber im neuen Jahr fangen wir wieder an. Das ist für mich mental und körperlich super anstrengend. Hormonell gerät alles durcheinander und gefühlt spüre ich jede Nebenwirkung, die man dabei haben kann: Hitzewallungen und extreme Stimmungsschwankungen zum Beispiel. Ich bin eh so nah am Wasser gebaut. Aber in diesen Wochen spiele ich einfach nur verrückt.

Ich kann mich zwar auch bei meinem Mann und Freunden ausheulen, aber ich will sie nicht noch mehr belasten. Hier treffe ich Frauen, die das Gleiche fühlen wie ich. Auch wenn sie nicht den gleichen Weg gehen müssen. Ich kann alles herauslassen und es wird aufgefangen. Wir haben schon gewitzelt, dass wir mal einen Ausflug in den Wald machen müssten. Einfach nur, um laut zu schreien. Oder wir fahren in den neuen Rage Room.

Mein Mann und ich müssen 25 Prozent der Kosten für die Kinderwunschbehandlung selbst zahlen. Grob überschlagen haben wir schon zwischen 5000 und 6000 Euro ausgegeben. Irgendwann müssen wir entscheiden, wie lange wir noch weitermachen.

Für mich war immer so klar, dass ich eine Mama sein möchte. Den Wunsch gebe ich nicht auf.

Anna* 32, Lehrerin

Mein Kinderwunsch besteht schon seit einigen Jahren. Bis ich 30 wurde, gab es in meinem Umfeld fast gar kein Verständnis für mich. Ich wurde mit meinem Schmerz über den unerfüllten Kinderwunsch nicht ernst genommen, weil ich noch so jung bin. Aber ich wollte immer jung Mutter werden. Mir fehlt etwas in meinem Leben und der Wunsch nach Kindern wurde immer größer. Ich habe so viel Liebe in mir, die ich meinen Kindern geben will. Aber ich habe keine. Ich spüre, wie die Uhr tickt. 

Mein jetziger Freund ist noch nicht so weit. Er hat ein großes Freiheitsbedürfnis und will sich ausleben. Obwohl er weiß, wie wichtig mir der Wunsch ist, fühlt er ihn selbst für sich noch nicht. Das belastet unsere Beziehung natürlich extrem. Wir waren auch schon in einer Paarberatung. 

Es vergeht kaum ein Tag, an dem mich der Wunsch nach eigenen Kindern nicht beschäftigt. Viele in meinem Umfeld leben den Traum, aber ich kann mich nicht so richtig für sie freuen. Meine Therapeutin hat vorgeschlagen, eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen, um mich mitzuteilen. Ich weiß, dass ich nicht den gleichen Leidensweg hinter mir habe wie Frauen, die schon sämtliche Methoden der Kinderwunschbehandlung ausschöpfen mussten. Aber wir fühlen einen ähnlichen Schmerz.

Ich hatte zwei Beziehungen, die in die Brüche gegangen sind. Zwischendurch habe ich überlegt, ob ich das mit dem Kinderwunsch alleine durchziehen soll. Vielleicht ist es sogar manchmal leichter, wenn man einfach sein Ding macht und sich nicht abstimmen muss? Dann kam mein neuer Freund dazwischen. Er wäre ein toller Papa. Wir verhüten nicht besonders zuverlässig, aber bisher bin ich nicht schwanger geworden.

Bald ist Weihnachten. Die Zeit am Jahresende tut mir besonders weh. Es gibt den Brauch der Rauhnächte. Man schreibt Wünsche für das nächste Jahr auf einen Zettel und jede Rauhnacht wird ein Zettel ungelesen verbrannt. Ich traue mich schon gar nicht mehr, den Wunsch nach einem Kind aufzuschreiben. 

Bald ist wieder ein Jahr vergangen, ohne dass er sich erfüllt hat.

* Auf Wunsch der Frauen nennen wir nicht ihre vollen und richtigen Namen. Diese sind der Redaktion bekannt.

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