Verwirrung Emder Neutorstraße ist voraussichtlich bis 2030 dicht
Die Neutorstraße wird voraussichtlich bis 2030 voll für den Autoverkehr gesperrt sein. Das teilt die Stadt jetzt mit. Zuletzt hieß es, die Straße soll 2028 fertig sein. Was ist da los? Eine Analyse.
Emden - So langsam kommt man aus der Verwunderung nicht mehr raus: Es geht um die Neutorstraße in Emden, eine Hauptverkehrsader in der Innenstadt. Sie war am 6. Oktober 2025 im Abschnitt zwischen Agterum und Rathausplatz überraschend voll gesperrt worden, worüber die Autofahrer im Voraus nicht informiert waren, weil die Stadtwerke mit allgemein angekündigten Arbeiten an den Versorgungsleitungen begonnen hatten. Dass das konkrete Datum nicht vorher angekündigt wurde, war offenbar ein Kommunikationsproblem zwischen Stadt und Stadtwerken.
Ob die Neutorstraße im Abschnitt zwischen Agterum und Rathausplatz zwischendurch wieder geöffnet sein würde, bis im April 2026 die Sanierungs- und Umbauarbeiten durch die Stadt starten würden, wurde von den Stadtwerken gegenüber dieser Redaktion als Möglichkeit genannt. Die Stadt erklärte aber auf Nachfrage: Nein, die Straße wird nicht mehr geöffnet. Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) sagte im September 2025 vor der Emder Politik zu, dass Neutorstraße und Stadtgarten bis 2028 fertig sein würden. Dann möchte die Stadt gerne den Tag der Niedersachsen austragen und in der Zeit eine möglichst kurze Bau-Pause einlegen, erklärt Stadtsprecherin Theda Eilers aktuell. Die Bewerbung wurde von der Emder Politik beschlossen. 2028 ist also auch wieder Autoverkehr in der Neutorstraße möglich? Offenbar nicht.
Was ist jetzt mit dem Autoverkehr in der Neutorstraße?
Wir hatten bereits am 16. Oktober und 5. November zum Zeitplan für die Neutorstraße bei der Stadt nachgehakt. Denn: Es hieß bislang bei der Vorstellung der großen Gesamtbaumaßnahme, dass alles, also Neutorstraße und Stadtgarten, Hafentorplatz, Delftpromenade, Hafenkopf, Rathausplatz und die Straße rund um den Delft bis 2030/31 nicht nur umgebaut sein würden, sondern die Maßnahme auch schlussabgerechnet sein werde. Ein konkreter Fertigstellungstermin für die Neutorstraße, mit der begonnen wurde, wurde bislang aber nicht genannt. Auch nicht, ab wann die Autos wieder durchfahren können.
Jetzt teilt Stadtsprecherin Theda Eilers auf Nachfrage mit: Erst nach Fertigstellung der Gesamtbaumaßnahme werde die Neutorstraße wieder regulär für den Verkehr geöffnet. Also erst voraussichtlich nach 2030, präzisiert sie. Darauf angesprochen, ob denn in den fünf Jahren zwischendurch eine kurzzeitige oder längere Öffnung für den Autoverkehr möglich wäre, kann sie noch keine konkrete Antwort geben. Wahrscheinlich nicht, lässt sich heraushören.
Neutorstraße also fünf Jahre dicht
Dass die Neutorstraße voraussichtlich fünf Jahre dicht sein würde, war so konkret bislang nicht benannt worden. Da die Arbeiten hier im ersten Abschnitt liegen und die Faldernstraße, die von der Neutorstraße wegführt, erst im letzten der sechs Abschnitte dran ist, schien es naheliegend, dass die Straße zwischenzeitlich nach Abschluss ihres Umbaus wieder geöffnet wird und der Verkehr sinnvoll an den anderen Baustellen, beispielsweise beim Rathausplatz, vorbeigeleitet wird. Dass das nicht unmöglich ist, zeigen beispielsweise die Bauarbeiten in der Martin-Faber-Straße, wo der Verkehr trotz der massiven Arbeiten einspurig vorbeiführt. Auch die Trogstrecke, die eine wichtige Verbindung zum Hafen ist, war während der fünfjährigen Sanierungszeit immer wieder während der Bauarbeiten für den Verkehr geöffnet.
Nun könnte kritische Stimmen munkeln, dass es politisch und auch aus der Verwaltung einfach nicht gewollt ist, dass die Neutorstraße zwischenzeitlich wieder geöffnet ist, obwohl das möglich wäre. Vielleicht, so könnte man weiter munkeln, ist es schon eine lange Eingewöhnungsphase, weil die Neutorstraße gar nicht mehr für Autos öffnen könnte. Auch die Kommentare häufen sich in Emden – und sind häufiger auch wohlwollend. Schon seit August 2021 wurden Emderinnen und Emder an Verkehrsherausforderungen in der Neutorstraße gewöhnt, könnte man sogar sagen. Dann waren die Verkehrsexperimente gestartet, durch die die beste Lösung für die Verkehrsachse gefunden werden sollte.
Fahrradstraße in der Neutorstraße? Vielleicht doch?
Der Vorschlag, die Neutorstraße ganz für den Autoverkehr zu schließen und zur Fahrradstraße zu machen, war im April 2023 von der Verwaltung um Tim Kruithoff zurückgezogen worden. „Das ist aktuell einfach nicht umsetzbar“, so Kruithoff damals. Die zusätzliche Verkehrsbelastung für die angrenzenden Stadtteile sei im Versuchszeitraum zu hoch gewesen, was zum Teil aber auch an den Autofahrern gelegen habe. „Eine Umfahrung der Innenstadt etwa über die Autobahn wird nur bedingt genutzt“, hieß es. Um die Neutorstraße zu einer reinen Fahrradstraße zu machen, seien „massive Änderungen des Verkehrsverhaltens erforderlich“, vor allem bei Autofahrern sei dies ein „langer Prozess“.
Stattdessen entschieden Politik und Verwaltung sich für einen verkehrsberuhigten Geschäftsbereich mit Einbahnstraßenregelung und maximal Tempo 20 für die Autofahrer, breite Radwege und mehr Platz für Passanten. Die Einfahrt der Neutorstraße soll durch auf- und abfahrbare Poller gesperrt werden können, wenn es beispielsweise Innenstadt-Feste erfordern. Ob das am Ende alles so kommt oder ein politischer Beschluss für eine Fahrradstraße doch noch dazwischengeschoben wird, ist nicht unmöglich, bislang aber nach Kenntnis dieser Redaktion nicht im Gespräch.
Hat das schon Methode?
Ein Kommentar von Mona Hanssen
Ich halte mich für einen selbstkritischen Menschen. Bevor ich anderen Fehler vorwerfe, versuche ich, vorher bei mir zu klären: Habe ich das richtig verstanden? Beim Thema Neutorstraße war das genauso. Habe ich da was verpasst? Gab es irgendwo einen Hinweis in einer Präsentation, in einem Zitat, in einer Pressemitteilung, wo konkret erwähnt war: „Achtung, Emder, die Neutorstraße ist jetzt fünf Jahre dicht!“ In der aktuellsten Präsentation vom Juni 2025 beispielsweise ist jede Glühbirne, jeder Baum, jeder Zentimeter Fahrbahnbreite vermerkt, aber ein konkreter Fertigstellungstermin allein für die Neutorstraße steht da nicht. Nur „Fertigstellung 30/31“ für die Gesamtmaßnahme. Hätte ich daraus schließen sollen, dass die Stadt die Neutorstraße fünf Jahre dichtmachen würde? Hätte ich mir denken sollen: Natürlich bleibt die Straße fünf Jahre dicht, auch wenn sie vorher vielleicht schon fertiggestellt ist? Immerhin hat Tim Kruithoff selbst gesagt, dass Stadtgarten und Neutorstraße spätestens für den Tag der Niedersachsen im September 2028 (wenn Emden denn genommen wird) fertig sind. Hatte die Stadt nach den Verkehrsexperimenten noch argumentiert, dass eine komplette Sperrung der Neutorstraße für Autos nicht umsetzbar sei, weil das Fahrverhalten der Leute und der starke Verkehr die umliegenden Stadtteile zu sehr belasten würde, spielt das plötzlich für fünf Jahre keine Rolle mehr? Hätte ich davon ausgehen sollen? Bei aller Selbstkritik, aber nein: Diese Schlussfolgerung halte ich nicht für logisch und nicht für naheliegend. Diese Info hätte die Stadt einfach klar und deutlich bereitstellen müssen – und nicht erst nach mehrmaligem Nachfragen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich persönlich bin dafür, dass die Neutorstraße für immer und ewig nur Fahrradfahrern und Fußgängern überlassen bleibt. Die Ruhe, der Frieden, die frische Luft! Ich bin aber auch dafür, dass Informationen für alle leicht zugänglich sind.