Gegen Einsamkeit Neues Angebot in Ostgroßefehn verbindet Generationen
Adele Bleeker kennt viele, die sich einsam fühlen – und möchte helfen. Sie gab den Anstoß für einen Treffpunkt in Ostgroßefehn, der für alle offen ist, die Lust auf Gesellschaft und Begegnungen haben.
Großefehn - Adele Bleeker weiß, wie sich Einsamkeit anfühlt – nicht, weil sie selbst darunter leidet, sondern weil sie ihr immer wieder begegnet. Jahrzehntelang hat sie als Physiotherapeutin gearbeitet, hat Menschen berührt – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. „Man bekommt einen anderen Draht zu Menschen, wenn man Hautkontakt hat“, ist sie sich sicher.
Viele ihrer Patientinnen und Patienten haben sich ihr auf dem Massagetisch geöffnet. In diesen Momenten kamen oft Dinge zur Sprache, die man sich vielleicht nicht einmal selbst eingesteht. „Viele von ihnen treffe ich noch heute“, sagt die Rentnerin. Was sie aus den Gesprächen immer wieder heraushört, ist die Einsamkeit. „Vor allem bei älteren Menschen, die allein leben“, sagt Bleeker.
Neuer Treffpunkt in Ostgroßefehn startet im Januar
Diese Erfahrungen haben Adele Bleeker nicht mehr losgelassen. Immer wieder hat sie sich gefragt, wie man Menschen, die sich nach Austausch und Nähe sehnen, einen Anstoß geben kann, wieder unter Leute zu kommen. „Gerade für ältere Menschen, die allein leben, gibt es oft keine passenden Angebote mehr“, sagt sie. Viele frühere Treffpunkte im Ort sind verschwunden, Nachbarschaften haben sich verändert, und nicht jeder hat Familie oder Freunde in der Nähe.
Also sprach Adele Bleeker die Pastorin der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Ostgroßefehn an – Imke Raabe-Scheibling. Gemeinsam mit weiteren Engagierten beschlossen sie, etwas zu verändern. Schon im kommenden Jahr soll es losgehen: Ab Samstag, 17. Januar 2026, öffnet ein neuer Treffpunkt im Gemeindehaus in Ostgroßefehn seine Türen. Einmal im Monat sind alle eingeladen, gemeinsam zu kochen, zu spielen, zu singen und ins Gespräch zu kommen – ohne Verpflichtung. Weniger Seniorencafé – mehr Raum für eigene Ideen.
Warum neue Angebote gegen Einsamkeit wichtig sind
„Oft erzählen mir ältere Menschen bei meinen Besuchen, dass die Kinder zwar in der Nähe wohnen, aber ihr eigenes Leben haben. Außerdem brechen alte Freundschaften weg“, sagt Raabe-Scheibling. Auch die Pastorin kennt das Gefühl, wenn bei Geburtstagsbesuchen oder Gesprächen mit Gemeindemitgliedern die Einsamkeit zwischen den Zeilen mitschwingt – besonders bei älteren Menschen, die nach dem Tod des Partners oder aufgrund von Krankheit allein zu Hause sind.
Die beiden Frauen sind mit ihrer Wahrnehmung nicht allein, das zeigen auch aktuelle Zahlen: Laut einer Umfrage des Statistik-Portals Statista aus dem Jahr 2024 lebt inzwischen mehr als jeder Dritte der über 65-Jährigen in Deutschland allein. Zwar bedeutet Alleinleben nicht automatisch Einsamkeit, doch das Risiko steigt, wenn soziale Kontakte fehlen oder die Mobilität eingeschränkt ist.
Einsamkeit: Zahlen, Fakten und gesellschaftlicher Wandel
Auch die OECD hat in einer Studie von 2025 festgestellt, dass Einsamkeit in Industrieländern sowohl bei jungen Menschen als auch bei Senioren zunimmt. In Deutschland gaben 2022 mehr als elf Prozent der Menschen ab 65 Jahren an, sich nie mit Freunden zu treffen – ein Anstieg um 5,5 Prozent gegenüber 2015. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt, weil viele gewohnte Treffpunkte und Aktivitäten weggefallen sind.
Gerade in ländlichen Regionen wie Ostgroßefehn, wo die Wege weit sind, kann es schwierig sein, neue Kontakte zu knüpfen – besonders, wenn Dorfläden oder Nachbarschaftsfeste verschwinden. „Klassische Seniorennachmittage erreichen oft nur diejenigen, die ohnehin schon aktiv sind“, sagt Imke Raabe-Scheibling. Wer neu im Ort ist, gesundheitliche Einschränkungen hat oder sich erst einmal überwinden muss, bleibt häufig außen vor.
Mitmachen statt nur dabei sein: Das Konzept des neuen Treffs
Das Thema Einsamkeit ist gesellschaftlich so präsent, dass sogar die Bundesregierung eine „Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit“ entwickelt hat – und seit 2024 sogar ein Einsamkeitsbarometer herausgibt. Darin wird in Zahlen sichtbar, wie einsam sich die Deutschen fühlen. Untersuchungen des Kompetenznetzes Einsamkeit zeigen, dass Angebote am wirksamsten gegen Einsamkeit helfen, bei denen sich Menschen einbringen und mitgestalten können.
Genau das wollen Adele Bleeker und Imke Raabe-Scheibling mit dem neuen Treffpunkt ermöglichen – unabhängig von Alter, Herkunft und Kirchenzugehörigkeit. Unterstützt werden sie dabei von Elke Gode, die im Sommer 2023 mit ihrem Mann nach Ostgroßefehn gezogen ist. Der Umzug ist für die Godes ein kompletter Neuanfang – nicht zuletzt, weil ihr Mann nach einer Operation gehbehindert ist. Elke Gode weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein kann, in einer neuen Umgebung Anschluss zu finden, besonders wenn gesundheitliche Einschränkungen dazukommen.
Ein Treffpunkt für alle Generationen in Ostgroßefehn
„Wir, die noch ein bisschen fitter sind, haben auch eine Verantwortung“, sagt Elke Gode. Deshalb will sie helfen, einen Treffpunkt für alle aufzubauen. Für sie ist klar: Gemeinschaft entsteht nicht von allein, sondern weil Menschen den Mut haben, aufeinander zuzugehen. Der Treffpunkt in Ostgroßefehn ist als Einladung an alle gedacht, die Lust auf Begegnung und ein bisschen Gesellschaft haben.
Zum Regionalbüro Wiesmoor-Großefehn im Kirchenkreis Aurich gehören mehrere evangelisch-lutherische Kirchengemeinden. Thea Saathoff beantwortet dort Fragen zum Gemeindeleben, Anmeldungen zu Veranstaltungen sowie Taufen und Trauungen, Beantragung von Patenscheinen und Mitgliedschaftsbescheinigungen. Das Büro befindet sich an der Kanalstraße Nord 81 in 26629 Großefehn. Es öffnet Montag und Freitag von 9 bis 11.30 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag von 16 bis 18.30 Uhr. Kontakt ist auch per Mail an regionalbuero.wiesmoor-grossefehn@evlka.de und telefonisch unter 04943/1011 möglich.Regionalbüro Wiesmoor-Großefehn
Wer möchte, kann sich einbringen. Wer lieber erst mal nur zuhört, ist genauso willkommen. „Gerade für diejenigen, die nicht mehr so leicht aus dem Haus kommen, ist es wichtig, dass sie trotzdem dabei sein können“, sagt Elke Gode. Das Gemeindehaus ist barrierefrei. Wer nicht mehr mobil ist und Unterstützung bei der Anreise braucht, kann sich im Regionalbüro Wiesmoor-Großefehn melden – dann werden Fahrdienste organisiert.
Startschuss am 13. Dezember mit generationsübergreifenden Ideen
„Die Teilnahme ist für alle offen, egal, welcher Religion sie angehören und woher die Teilnehmer kommen“, sagt Imke Raabe-Scheibling. Eine kurze Anmeldung im Regionalbüro hilft bei der Planung. Bevor das neue Begegnungsangebot der Kirchengemeinde Ostrhauderfehn im Januar offiziell startet, gibt es bereits im Dezember einen ersten Vorgeschmack: Am Samstag, 13. Dezember 2025, lädt die Gemeinde von 14 bis 17 Uhr ins Gemeindehaus ein.
Bei Punsch, Glühwein und selbst gebackenem Kuchen können Interessierte ins Gespräch kommen, sich über das neue Projekt informieren und austauschen. Im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung steht eine große Verlosung, deren Erlös als Startkapital für den neuen Treffpunkt dient. Die Lose kosten zwei Euro pro Stück und sind sowohl im Vorfeld bei den Organisatorinnen als auch während der Veranstaltung und Gottesdienste in der Kirchengemeinde erhältlich. Lokale Unternehmen und Geschäfte haben dafür Sachpreise und Gutscheine gespendet.
Jugend und Senioren: Gemeinsam das Dorfleben gestalten
Ein Teil des Erlöses aus der Verlosung kommt der Jugendarbeit in der Kirchengemeinde zugute. Imke Raabe-Scheibling ist überzeugt: Damit Gemeinschaft im Ort lebendig bleibt, müssen auch die Jüngeren ihren Platz finden. „Wir möchten, dass sich nicht nur die Älteren, sondern auch die Jugend vom neuen Treffpunkt angesprochen fühlt“, sagt die Pastorin. Wie das gelingen kann, zeigt ein anderes Projekt: Bei der „Kirche Kunterbunt“ engagieren sich Jugendliche, betreuen Workshops für Kinder oder backen Waffeln für die Gäste.
Solche generationsübergreifenden Aktionen können zukünftig auch den neuen Treffpunkt bereichern – etwa, indem die Jugendgruppe beim Kochen hilft, Ideen bei der Raumgestaltung einbringt oder gemeinsame Nachmittage organisiert. Die Hoffnung: dass aus dem neuen Treffpunkt ein lebendiger Ort wird, an dem Alt und Jung voneinander lernen und gemeinsam das Dorfleben bereichern.
Adele Bleeker weiß, dass es Mut braucht, sich auf neue Begegnungen einzulassen – besonders, wenn man lange allein war oder sich unsicher fühlt. Sie hofft, dass der neue Treffpunkt auch diejenigen erreicht, die sich sonst vielleicht nicht trauen würden, unter Leute zu gehen. Ihr Wunsch: dass möglichst viele den Mut finden, es einfach einmal auszuprobieren. Oder warum nicht mit der Nachbarin oder dem Nachbarn gemeinsam zum Treffpunkt fahren? Denn oft ist es viel leichter, den ersten Schritt zu machen, wenn man ihn nicht allein gehen muss. So soll der neue Treffpunkt in Ostgroßefehn ein Raum für alle werden, die Lust auf Gemeinschaft, neue Begegnungen und ein bisschen mehr „Wir“ im Alltag haben.