Osnabrück Sinfoniekonzert in Osnabrück mit Philip Amadeus Hahn: Der Jugend eine Chance
Mehr Amadeus war nie: Beim zweiten Sinfoniekonzert der Saison spielt der 16-jährige Philip Amadeus Hahn ein Klavierkonzert des 17-jährigen Wolfgang Amadeus Mozart. Am Ende jubelt das Publikum.
Das Konzept ist schlüssig und rund: Fürs zweite Sinfoniekonzert seiner Ära hat der neue Generalmusikdirektor Christopher Lichtenstein Jugendwerke aufs Programm gesetzt. Für die Ausführung hat er den jungen Dirigenten Nathanaël Iselin engagiert, wobei „jung“ relativ ist: Iselin ist Anfang dreißig, der Solist Philip Amadeus Hahn ist gerade mal 16 Jahre alt. Ihn hat Lichtenstein für den Klavierpart in Mozarts Klavierkonzert KV 175 engagiert, ein Werk, das Mozart mit 17 komponiert hat.
Für den Normalsterblichen klingt das alles sehr außergewöhnlich: Teenager, die für ganze Sinfonieorchester komponieren und ein sehr erwachsenes Publikum unterhalten, und zwar auf einem Niveau, das die meisten Gäste ihr ganzes Leben lang nicht erreichen werden. Jedenfalls findet man das faszinierend, und das dürfte ein Grund sein, warum der Europasaal der Osnabrückhalle an diesem Montagabend gefüllt ist wie selten bei einem Konzert des Osnabrücker Symphonieorchesters.
Nun ist eben dieses D-Dur-Klavierkonzert des jungen Mozart recht undankbar: Der Zauber, für den die Musikwelt Mozart zu Recht vergöttert, klingt hier kaum an. Auch kommt der Klavierpart schlecht zur Geltung, weil er über weite Strecken mit dem Orchester verschmilzt. Hahn macht das Beste aus der Situation: Er verfügt über die nötige Leichtigkeit, um die Musik zum Funkeln zu bringen. Aber als pianistischer Überflieger kann er sich nicht profilieren – weshalb er als Zugabe die erste Nummer aus der Etüdensammlung op. 10 von Frédéric Chopin nachreicht. Diese Tonkaskaden machen Effekt, sind aber doch recht dornige Chancen, die den jungen Pianisten sicher noch einige Zeit beschäftigen werden.
Begonnen hatte der Abend mit der ersten Streichersinfonie des zwölfjährigen Felix Mendelssohn Bartholdy – und auch da gilt: Sie lässt den vollendeten Komponisten erahnen, ist aber doch eher eine – wenn auch ausgefuchste – Kompositionsstudie, wo Mendelssohn zeigt, wie gut er seine Kontrapunktstudien verinnerlicht hat. Doch Geniestreiche wie das Oktett, das er mit 16 komponiert hat, oder die berühmte Musik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ des 17-Jährigen sind doch noch ein Stück entfernt.
Die Krone der besten Jugendkomposition gebührt deshalb an diesem Abend der Sinfonie C-Dur op. 6 von Georges Bizet. Der hat kurz vor Ende seines Lebens mit der Oper „Carmen“ einen Welthit geschrieben; aber schon die einzige Sinfonie des 17-Jährigen steckt voller zündender Melodien und funkelnder Einfälle.
Unter dem jungen Gastdirigenten Iselin klingt das Osnabrücker Symphonieorchester dabei spritzig wie guter Champagner. Die Oboen bringen traumschöne Melancholie ins Spiel, es gibt folkloristische Anklänge und viel, viel musikalischen Sonnenschein – und das tut den Ausführenden und den Zuhörern gut, gerade mitten im grauen November.