Osnabrück  Haftbefehl-Doku geht durch die Decke – weil Netflix sein Leid ausschlachtet?

Astrid Stoltenberg
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Von Astrid Stoltenberg
| 20.11.2025 07:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rapper Haftbefehl ist momentan wieder in aller Munde - vor allem wegen seines exzessiven Drogenkonsums, der in einer neuen Doku über ih thematisiert wird. Foto: Imago/Funke Foto Services
Rapper Haftbefehl ist momentan wieder in aller Munde - vor allem wegen seines exzessiven Drogenkonsums, der in einer neuen Doku über ih thematisiert wird. Foto: Imago/Funke Foto Services
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Der Rapper Haftbefehl feiert mit seinem Netflix-Biopic große Erfolge. Im Fokus steht dabei vor allem eines: seine Drogensucht. Die wird ungeschönt und bis ins kleinste Detail gezeigt. Ist das noch authentisch oder schon verantwortungslos?

Der Offenbacher Rapper Haftbefehl, von seinen Fans auch „Hafti“ oder „Baba Haft“ genannt, dominiert derzeit mit seiner Filmbiografie „Babo – Die Haftbefehl Story” die Netflix-Charts. Das Biopic wurde am 28. Oktober veröffentlicht und hält sich schon mehrere Wochen in den Top-Ten des Streaming-Anbieters.

Es werden sogar Stimmen laut, die fordern, dass Haftbefehls Texte im Unterrichte behandelt werden sollen: Demnach stellen seine Texte die „erdrückende Lebensrealität“ vieler Jugendlicher besonders gut dar, so etwa Offenbachs Stadtschulsprecher Luca Dobrita.

Die viel diskutierte Dokumentation gewährt tiefe Einblicke in das Leben von Aykut Anhan, wie Haftbefehl bürgerlich heißt: Vom Aufwachsen in einer Familie mit türkisch-kurdischen Wurzeln, der Jugend in einer ärmlichen Hochhaussiedlung bis zum nicht aufgearbeiteten Suizid des unter Spielsucht und Depressionen leidenden Vaters. Im Vordergrund steht aber die eigene Kokain-Sucht, der Anhan schon mit 13 verfällt und letztlich in einer türkischen Luxus-Klinik bekämpft.

Zwei Jahre lang wurde Anhan von einem Kamerateam begleitet. Teilweise werden dabei emotionale Momente gezeigt. Besonders beispielhaft dafür ist eine Szene, in der man den Künstler weinend sieht, sein Gesicht durch die Kapuze seines schwarzen Pullovers halb verdeckt. Er sitzt alleine auf einem Stuhl in der Ecke, sein Bein nervös zitternd. Es ist der Geburtstag seines Kindes. Nachdem er Reinhard Meys „In meinem Garten“ hört, bezeichnet er sich nur wenige Sekunden später beim Anblick seiner Kinder als „Dreck“.

An anderer Stelle wird der bereits sichtbar kranke Künstler im Arm seiner hilflosen Frau gezeigt: Aufgrund der von übermäßigem Kokaingebrauch eingefallenen Nase röchelnd und schnaufend. Die nachgestellten Rückblenden zeigen immer wieder offenen Konsum und selbstzerstörerisches bis suizidales Verhalten. Am Ende steht diese schonungslose Darstellung von Anhans Suchterkrankung und das damit einhergehende Leid von Anhan und seiner Familie im Vordergrund. Der einkalkulierte Schockmoment sitzt.

Neben der Sucht bietet der Film auch eine Erzählung über die Bedeutung des Rappers für die deutsche Rap-Szene an. 2013 wurde Haftbefehl mit dem Song „Chabos wissen, wer der Babo ist” deutschlandweit zum Rap-Star.

Die Netflix-Produktion geht noch einen Schritt weiter: Sie attestiert kurzerhand, Haftbefehl sei der größte Künstler, den die Deutschrap-Szene je hervorgebracht hätte. Sein erfolgreichster Song auf Spotify erschien jedoch bereits 2015, die Klickzahlen jüngere Lieder liegen weit dahinter. Wieso also bekommt Haftbefehl im Jahr 2025 seine eigene Heldenerzählung?

Der Grund dürfte im Format selber liegen. Die Germanistin Judith Königer verordnet Biopics als „hybrides Genre“ zwischen Wahrheit und Fiktion. In ihrer Dissertation zum Thema „Authentizität in der Filmbiografie“ betont sie, dass dabei Glaubwürdigkeit und „Empfinden von Authentizität“ entscheidend für die Zuschauer. In anderen Worten: Sich in allen Facetten zu zeigen, begeistert und erzeugt die Idee von Wahrheit – auch wenn die Geschichte, die erzählt wird, überhöht wird. Ob Haftbefehl also der „King of Rap“ ist, zu dem er stilisiert wird, bleibt offen.

Die Idee, Musiker-Biopics zu produzieren, liegt derzeit im Trend: Neben Haftbefehl bedienten sich jüngst auch Alt-Stars wie Bruce Springsteen oder Bob Dylan des Genres – oft gepaart mit der Neuauflage und Vermarktung alter oder kommender Alben. So auch bei Haftbefehl, dessen alte Songs nun auf dem neuen Album „Babo“ und in den Top 10 der Deutschen Charts zu finden sind.

Stimmen aus der Musikindustrie kritisieren jedoch die Art und Weise, mit der „Babo“ vermarktet wird. Künstler-Managerin Misla Tesfamariam, mittlerweile Managerin von Popsängerin Alli Neumann, kennt die Branche gut und begleitete Haftbefehl bereits 2016. Sie wirft dem Label Universal Music und dem Unternehmen Netflix Verantwortungslosigkeit vor. Aykut Anhan befinde sich offensichtlich in einem kritischen und besonders vulnerablen Punkt seines Lebens. „Den so zu beleuchten, ohne Abstand, das finde ich tatsächlich fast verantwortungslos, wenn ich ehrlich bin“, teile Tesfamariam in einer Instagram-Story mit.

Für Tesfamariam grenzt „Babo“ an „Zockerei“, denn der suchtkranke Haftbefehl habe sicherlich auch aus finanziellen Gründen die Verfilmung initiiert. Die letztlich zur Schau gestellte Glorifizierung von Sucht und Elend sei geschmacklos, schreibt Tesfamariam in einem Instagram-Post.

Andere Stimmen aus der Kultur- und Musikindustrie werfen Universal Music und Netflix gar vor, Haftbefehls Abrutschen in die Sucht mit angeheizt zu haben. Autor Mesut Bayraktar, selbst Kind türkischer Migranten, setzt sich verstärkt mit der medialen Darstellung von Armut, Gewalt und sozialen Ungleichheiten auseinander. Er kritisiert die generelle Verwertungslogik des „Showbusiness“. Ihn stört,„(...) dass die kapitalistische Kultur- und Musikindustrie Millionen aus ihm pumpt und Künstler wie ihn knechtet und zerstört (...).“

Die renomierte Musik- und Kulturjournalistin Aida Baghernejad sieht die Verantwortung auch bei Universal und Netflix, hinterfragt aber auch die Sensationslust der Fans. Die Doku sei auch „(...) Symbol einer Fankultur, die von Kunstschaffenden nie genug bekommt.“ Es bleibt abzuwarten, wie lange das Interesse um Haftbefehl anhält.

Derweil hat bereits der nächste Rapper ein Biopic angekündigt: „Capital Bra“. Auch dieser hatte in der Vergangenheit mit Drogensucht zu kämpfen. Es bleibt abzuwarten, worauf der Fokus diesmal liegt.

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