Osnabrück  Start-up Seedalive: Wir brauchen Berlin nicht, wir sind in Osnabrück genau richtig

Nina Kallmeier
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Von Nina Kallmeier
| 19.11.2025 16:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Jens Varnskühler und Klaus Mummenhoff haben vor einigen Jahren Seedalive gegründet. Mit Dinesh Palli will das Start-up nun auch in Indien durchstarten. Foto: Jörn Martens
Jens Varnskühler und Klaus Mummenhoff haben vor einigen Jahren Seedalive gegründet. Mit Dinesh Palli will das Start-up nun auch in Indien durchstarten. Foto: Jörn Martens
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Jens Varnskühler und Klaus Mummenhoff sind nicht die typischen Gründer. Mit Seedalive haben sie die beiden Osnabrücker dennoch ein Start-up aufgebaut, das jetzt auch in Indien durchstarten will. Worum es geht? Die Ernährung im weitesten Sinne. Und die Frage, wie keimfähig Saatgut ist.

Mit seinem rosa Koffer ist Jens Varnskühler in den vergangenen Jahren aufgefallen, wenn er mit der Bahn durch die Republik gefahren oder durch die Weltgeschichte geflogen ist. „Seedalive“ steht auf dem großen Aufkleber an der Seite – der Name des Start-ups, das er vor rund fünf Jahren zusammen mit Klaus Mummenhoff gegründet hat. Allerdings: So ganz ins Klischee des Start-up-Gründers – jung, dynamisch, am Anfang des Berufslebens – passen Mummenhoff (69) und Varnskühler (57) nicht.

In ihrer Begeisterung für die Sache steht das Duo den „jungen Wilden“, aber in nichts nach. Und sie sind ein Beispiel dafür, wie eine erfolgreiche Gründung in Osnabrück funktionieren kann. „Wir sind ein klassisches Science-Spin-Off aus der Uni“, erklärt Varnskühler. Klaus Mummenhoff hat die Technologie für den Schnelltest zur Keimfähigkeit von Samen – ohne diese zu zerstören – im Rahmen eines Grundlagenforschungsprojektes entwickelt.

Jens Varnskühler ist durch Zufall auf Facebook auf die Ergebnisse seines ehemaligen Professors gestoßen. „Es werden im Jahr Abermillionen von Keimfähigkeitstests durchgeführt“, sagt Jens Varnskühler zum großen Marktpotenzial des Start-ups aus Osnabrück. So war die Idee für Seedalive geboren.

Seither hat sich viel getan: Das Start-up ist nicht nur aus der Uni ausgezogen und hat mittlerweile eigene Räumlichkeiten inklusive Labor im Wissenschaftspark, auch der Fokus hat sich verschoben. „Ich hatte ursprünglich gedacht, dass die Methode für Genbanken ideal ist“, sagt Klaus Mummenhoff. Das viel größere Potenzial jedoch: unter anderem die Landwirtschaft, Saatgutaufbereiter und Händler. Denn Keimfähigkeit ist ein Qualitätsmerkmal von Saatgut. Aber auch Mälzereien gehören zu den potenziellen Kunden. Und das alles weltweit.

Dass der Bierkonsum zurückgeht, spielt für Seedalive keine Rolle, so Varnskühler. „Zum einen ist die Delle weltweit gesehen nicht groß. Und hinzu kommt: Getestet werden muss dennoch – wenn auch kleinere Chargen.“ Am meisten getestet werde mit den Schnelltests aus Osnabrück jedoch Getreide, Weizen und Gerste. Und demnächst auch Reis.

Denn das Osnabrücker Start-up will expandieren, und zwar nach Indien. Dafür wurde jüngst Dinesh Palli (29) eingestellt. „Reis ist für uns ein großes Thema. Im tropischen Klima ist das Saatgut nicht sehr lagerfähig“, sagt Varnskühler. Und der Flächenanbau riesig – und kleinteilig.

Eine Finanzierungsrunde habe Seedalive auch deshalb in diesem Jahr gemacht, um Geld einzusammeln und sein Patent international anzumelden. „Das war unsere bislang größte Einzelinvestition“, sagt Varnskühler. Ein Venture-Capital-Fonds (Wagniskapitalgeber) aus Hamburg ist eingestiegen. Zusammen mit den Investoren habe man eine Analyse angefertigt und unter anderem geschaut, welche Kulturen in welchen Ländern auf mehr als einer Million Hektar Fläche angebaut werden. Vor allem dort sieht das Osnabrücker Start-up Potenzial.

Dass der Keimfähigkeitstest, für den für jede Agrarkultur ein individuelles KI-Modell zur Auswertung trainiert wird, technisch funktioniert, habe man schon gezeigt. Die Herausforderung – wie auch bei anderen Kulturen: kommerzielles Saatgut in guter wie schlechter Qualitäten zu bekommen, um die KI zu trainieren. „Jetzt geht es darum, die Technik dort einzuführen“,

Das Interesse sei da, sagen Mummenhoff und Varnskühler. Wenn alles klappt, sei das Start-up dem Punkt, Gewinne abzuwerfen, einen Schritt näher. „Die Saison nächstes Jahr wollen wir mitnehmen. Die Analyse von Reisproben würde uns auch gleichmäßiger über das Jahr auslasten.“ Auch in China will das Start-up im kommenden Jahr den ersten Kunden im Bereich Reis haben.

Aktuell werden alle Testkits auch für die europäischen Märkte in Osnabrück gefertigt und verschickt. In Schweden, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Litauen, den Benelux und im Baltikum habe Seedalive schon Kunden. Ein Labor im Baltikum würde den „Seedalive-Test“ auch als Service anbieten. Ob mit Blick auf Indien – und Frachtkosten wie Zollgrenzen – dort eine Produktion hinzukommt, ist noch offen.

Aber auch in Deutschland hat Seedalive noch viel vor. Zusammen mit der Uni Osnabrück hat das Start-up ein neues Projekt gestartet, um bösartige Pilzinfektionen auf Weizensaatgut frühzeitig zu erkennen und die Auswirkung auf die Saatgutqualität zu analysieren. „Da haben wir schon gute Vorergebnisse, dass unser Test eine frühzeitige Infektion nachweisen kann. Das bedeutet, der Landwirt oder Händler hat Chancen, zeitig einzuwirken“, sagt Klaus Mummenhoff.

Es steckt also weiterhin auch eine Portion Wissenschaft im Start-up. „Das haben wir nicht verlernt“, betont Mummenhoff. Und weitere Agrarkulturen wollen die Osnabrücker noch stärker in den Blick nehmen, beispielsweise auf Gemüse. „Da ist das einzelne Korn noch deutlich mehr wert und der Bedarf an guten Daten umso wichtiger“, so Varnskühler. Insbesondere mit Blick auf Leguminosen als Proteinersatz, ergänzt Mummenhoff. „Das sind Märkte, die werden jetzt erst richtig erschlossen. Da haben wir auch schon Kunden.“

Anders als für andere Start-ups sieht Jens Varnskühler Osnabrück als idealen Standort für Seedalive. „Wir brauchen Berlin nicht, wir sind hier in Osnabrück genau richtig.“ Der Grund: „Wir haben mit Landwirten und der Agrarwirtschaft zu tun, das ist ideal“, sagt er und lobt auch das Start-up-Ökosystem in der Region. Über das Start-up-Zentrum Seedhouse, in dem die Gründer zu Beginn gefördert wurden, seien die Kontakte zu potenziellen Anwendern entstanden. „Das Entscheidende ist, früh aus dem Markt Feedback zu bekommen, ob das Produkt überhaupt gebraucht wird und hilft, ein Problem zu lösen“, ist Varnskühler überzeugt.

Und auch einer der ersten Investoren war 2021, ganz zu Beginn, mit Seedforward ein ehemaliges Seedhouse-Start-up, das sich auf die biologische Saatgutbehandlung spezialisiert hat – wenn die Keimfähigkeit sichergestellt ist. Ein strategisches Investment, um Synergien beispielsweise im Vertrieb zu heben, war das letztlich zwar nicht – beide Produkte seien zu erklärungsbedürftig, so Varnskühler. Aber: „Als ich früher schon einmal gegründet habe, gab es all diese Möglichkeiten nicht.“

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