Streit in Emden Realschule oder IGS? Erste Entscheidung
Fast drei Stunden lang wurde im Schulausschuss des Emder Rats informiert, diskutiert, ausgebuht, geklatscht – und schließlich abgestimmt. Einige Vertreter von SPD, CDU und FDP bekamen viel Gegenwind.
Emden - Gegröhle, Zwischenrufe, Ausbuhen, Applaus: Was nach aufgeschaukelter Stadion-Atmosphäre klingt, war jetzt Realität im Schulausschuss des Emder Rats. Ausschussvorsitzende Doris Kruse (SPD) hatte zu Beginn der Sitzung am Dienstag, 18. November 2025, noch um gegenseitigen Respekt und Sachlichkeit in der Schul-Debatte gebeten. Doch vergebens. Fast drei Stunden ging es in dem völlig überfüllten Saal wie in einem Schlagabtausch zu, dabei drehte sich die Diskussion oftmals im Kreis, bis es endlich zu einer ersten Entscheidung kam.
Zum Hintergrund: Die Stadtverwaltung hatte 2019 zuletzt eine Schulentwicklungsplanung erstellt. Die ist alle sechs Jahre Pflicht. Damit soll auf aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen reagiert werden. Statt ein externes Büro mit der Untersuchung zu beauftragen, hatte die Stadt über zwei Jahre lang in vier Workshops mit Vertretungen unter anderem der Politik, Schulen und Eltern Szenarien diskutiert, die die Stadtverwaltung schließlich in einen Vorschlag zum Beschluss zurück in die Politik geben wollte. Bevor es so weit war, hatte aber schon die Herrentorschule Alarm geschlagen.
Plötzlich war der Vorschlag zur Realschule auf dem Tisch
Der Grund: In dem von der Stadtverwaltung vorgeschlagenen Szenario wird die Oberschule Herrentor zur Erweiterung der Integrierten Gesamtschule (IGS) umgewandelt. Die IGS laufe über, die Herrentorschule habe rückläufige Zahlen, zeige die Prognose, hieß es. War zunächst der Gegenwind von der Herrentorschule, aber teils auch von der IGS gekommen, entschieden sich Teile der Politik plötzlich für einen ganz neuen Vorschlag. Einige Vertreter der CDU, SPD und FDP schlugen vor, die Herrentorschule wieder in eine Realschule umzuwandeln. Damit wollten sie auch dem Problem der vermehrten Schulabgänge ohne Schulabschluss in Emden begegnen, hieß es. Man sei gegen eine „Großstadtschule“ mit bis zu acht Klassen pro Jahrgang, sagte Wilke Held (CDU).
Die Stadtverwaltung aber lehnt das klar ab. Stadtrat Volker Grendel erklärte im Ausschuss: Ja, es gebe zunehmend Schüler ohne Abschluss. Das Problem müsse aber bereits in der Grundschule angegangen werden. Eine Realschule würde diese Schüler nicht berücksichtigen, so Grendel. Viele der betroffenen Schüler hätten einen Flucht- oder Migrationshintergrund und könnten in den wenigen Jahren bis zum möglichen Abschluss oftmals nicht die Schrift, Sprache und Inhalte so schnell lernen, dass es bis zum Abschluss reiche. Die Zuwanderungswellen 2015/16 und 2022 seien hier bemerkbar. Wie die Zuwanderung in Zukunft sein werde, sei offen. Im Grundschulbereich habe Emden schon so hohe Anmeldezahlen allgemein wie noch nie, sagte Michael Groeneveld, Leiter des Fachdienstes Schule, Bildung und Sport. Das werde sich auch in den weiterführenden Schulen bemerkbar machen.
Grendel: Realschule würde Schüler von der IGS abziehen
Auch würde eine Realschule Schüler aus dem mittleren Feld von der IGS abziehen, obwohl die Gesamtschülerzahl in Emden das nicht hergebe. „Dann hätte wir mehrere Schulsysteme, die nicht funktionieren.“ Die IGS sei mühevoll aufgebaut worden, werde vom Land auch finanziell stärker unterstützt als eine Realschule und könne aktuelle Herausforderungen besser angehen.
Zum Argument einer „Großstadtschule“, sagte er: Das Johannes-Althusius-Gymnasium (JAG) sei teilweise siebenzügig, also auch eine Großstadtschule? „Die IGS wird auch nicht direkt achtzügig“, betonte er. Er gehe eher von zwei Zügen mehr aus, die sich Stück für Stück entwickelten. Die aktuell angemeldeten Schüler der IGS und Herrentorschule würden die Umsetzung des Schulentwicklungsplans nicht mehr bemerken.
Grendel: Die Eltern der Schulkinder sind das Problem
Auf die Frage von Lars Mennenga (Linke) hin, ob es nicht eine Bürgerbefragung zum Thema geben könnte, sagte Volker Grendel: Er halte es für nicht zielführend, wenn beispielsweise 80-Jährige, die nichts mit dem Thema zu tun hätten, über die Zukunft der Schullandschaft abstimmen würden. Auch Eltern seien eigentlich gerade die Falschen für die Entscheidung. Es sei schließlich der Elternwille, der überhaupt zu einigen der Herausforderungen führe. Denn: Wurden die Kinder früher relativ gleichmäßig auf die Schulformen Gymnasium, Real- und Hauptschule verteilt, gingen schon in der Alterstufe der heute 25- bis 34-Jährigen gut 57 Prozent der Kinder aufs Gymnasium. „Die Schüler sind nicht wesentlich schlauer, es ist eine Verschiebung des Niveaus“, sagte er. Und: Die Rückläufe von den Gymnasium seien fast zwei Klassen stark, als fast 60 Kinder. Die wechseln dann zur IGS oder, wenn die IGS voll ist, zu den Oberschulen.
Für den Antrag von SPD, CDU und FDP unter anderem zur Gründung einer Realschule stimmten am Ende vier Ratsmitglieder, zehn waren dagegen, es gab eine Enthaltung. Für den Vorschlag der Stadtverwaltung, also die Umwandlung der Herrentorschule zur IGS-Schwesternschule oder -Außenstelle, stimmten zehn Ausschussmitglieder. Vier waren dagegen. Es gab eine Enthaltung.
Damit ist die Sache aber noch nicht erledigt. Der Rat als höchstes Gremium der Stadtpolitik muss noch darüber abstimmen. Die nächste Sitzung ist am 11. Dezember, ab 18 Uhr. Sie ist öffentlich, alle Interessierten können kommen und in der Einwohnerfragestunde auch Fragen stellen, wenn sie Emder sind. Wenn die Schulentwicklungsplanung dann beschlossen ist, geht es nicht direkt in die Umsetzung. Sie ist eine strategische Planung, eine Absichtserklärung von Verwaltung und Politik, so Grendel. Weitere konkrete Schritte müssen im Verlauf gegebenenfalls wieder von der Politik beschlossen werden.
Mehrheits-Entscheidung akzeptieren!
Ein Kommentar von Mona Hanssen
Demokratie macht nicht immer Spaß, das ist klar. Klar ist aber auch, wenn eine Mehrheit eine demokratische Entscheidung getroffen hat, dann muss die Minderheit das zwar nicht toll finden, sie sollte es aber dennoch akzeptieren und nicht weiter ungebremst auf die Barrikaden gehen. Sonst können wir – salopp gesagt – den Laden gleich dicht machen. Zu mehr Akzeptanz demokratischer Prozesse rief auch Stadtrat Volker Grendel im Schulausschuss auf. Hier wurde der Vorschlag der Stadtverwaltung zur Schulentwicklungsplanung mehrheitlich beschlossen. Er muss noch im Rat final abgenickt werden. Es wäre wünschenswert, dass dann die hitzigen Diskussionen, teilweise Vorwürfe unter der Gürtellinie, Aufpeitschen in den sozialen Medien und mitunter peinliches Auftreten ein Ende haben. Es ist ein emotionales Thema, natürlich. Das verstehe ich persönlich – immerhin ärgere ich mich als ehemalige Schülerin des Gymnasiums am Treckfahrtstief (GaT) auch noch darüber, dass „meine“ Schule der damaligen Planung zum Opfer gefallen ist. Man kann auch später, wenn vielleicht das eingetreten ist, was man vor Umsetzung schon vorhergesehen hat, ein genugtuendes „Hab ich doch gesagt“ loswerden. Nach einer Mehrheits-Entscheidung wäre aber zunächst ein ostfriesisch-entspanntes „Nützt ja nichts“ angebracht.