Berlin „In Krippen werden Kinderseelen zerstört“: Pädagoginnen warnen vor schlechter Betreuung
Die schlechte Qualität in Krippen gefährdet Kinder, sagen die Pädagoginnen Anke Ballmann und Claudija Stolz. Im Interview erklären sie, was in der Betreuung unter 3 Jahren falsch läuft, warum Morgenkreise oft sinnlos sind und woran man eine gute Krippe erkennt.
In ihrem Buch „Die Krippenlüge“ prangern Anke Ballmann und Claudija Stolz die schlechte Betreuung im U3-Bereich an. Ein Gespräch über Traumafolgen, schlimme Sätze, nicht erkannte Ängste und Basteleien als Show für Eltern.
Frage: Frau Ballmann, Frau Stolz, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass qualitativ gute Krippen die Ausnahme und die Zustände dort oft eine Zumutung sind. Müssen Tausende Eltern Angst um ihre Kinder haben?
Antwort: Claudija Stolz: Ich würde nicht sagen, dass sich alle Sorgen machen müssen. Aber Tausende Eltern sollten sich mehr Gedanken über die Qualität in Krippen machen und mehr hinterfragen.
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Es gibt Untersuchungen, dass die Mehrzahl der Krippen keine ausreichende Qualität hat.
Frage: Was bedeutet das?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Der Erzieher-Kind-Schlüssel lässt eine gute Arbeit oft nicht zu. Einerseits sind die Gruppen zu groß, andererseits treffen zu viele Kinder auf zu wenige gut qualifizierte Erwachsene.
Frage: Warum ist das so?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Es gibt immer noch keine verpflichtende Qualität in der Ausbildung für Menschen, die in Krippen arbeiten. Im Gegenteil, die Standards werden immer weiter heruntergeschraubt. Erst kürzlich hat unsere Bundesfamilienministerin Karin Prien gesagt, dass wir weniger auf Qualität achten können, weil wir flächendeckende Betreuung anbieten müssen.
Antwort: Claudija Stolz: Für unter dreijährige Kinder ist das eine Vollkatastrophe.
Frage: Warum braucht es denn unbedingt Fachkräfte? Reicht nicht eine freundliche Betreuerin, die Kinder mag?
Antwort: Claudija Stolz: Es ist ein großer Trugschluss, dass das reicht. Es ist ganz wichtig, tiefe Einblicke in die Entwicklungspsychologie zu haben, um zu wissen, was ein Kind wann braucht, und um es adäquat begleiten zu können.
Frage: Haben Sie ein Beispiel?
Antwort: Claudija Stolz: Ich bin selber Tagesmutter und hatte vor Kurzem ein Mädchen, das am Tisch saß und mit Karten gespielt hat. Es fing an, diese Karten zu falten, und ich habe gerufen: „Oh nein, nicht die Karten knicken!“ Sie guckte mich an und schob die Karten weg. Und ich sah, was in ihr vorging: In dem Moment tobt ein Sturm im Kind, was bedeutet, dass Kortisol und damit zu viel Stress im Gehirn ist. Es braucht dann einen Erwachsenen, der den Schreck erkennt und das Kind hindurchbegleitet. Ich habe mich neben sie gesetzt und gesagt: „Du hast dich erschrocken, oder? Die Claudia war gerade ganz schön laut.“ Und dann brach es aus ihr heraus. Sie hat bitterlich geweint, sich an mich geschmiegt, und es waren ungefähr fünf Minuten nötig, einfach da zu sein, ein Liedchen zu singen und zu fragen: „Geht‘s jetzt wieder besser?“ Danach hat sie wieder fröhlich gespielt.
Frage: Das Mädchen hatte Angst bekommen…
Antwort: Claudija Stolz: Genau, es hat Angst bekommen, und solche Gefühle gehören ja auch zum Leben dazu. Aber damit diese Angst nicht überwältigend wird, muss ein kleines Kind mit Hilfe eines anderen Menschen lernen, mit ihr umzugehen. Das kann es noch nicht allein.
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Wenn dieses Hindurchbegleiten bei den ganz jungen Kindern nicht passiert, ist das ein sogenanntes Versagen des emotionalen Echos. Kinder unter 18 Monaten identifizieren sich total mit den Personen, mit denen sie zu tun haben, und wenn ein Mensch sehr unfreundlich mit ihnen umgeht, saugen sie das richtig auf. Daraus können Traumafolgen entstehen, die sich durch ein ganzes Leben ziehen.
Frage: In ihrem Buch schildern sie kalte Erzieherinnen, die Kinder bestrafen, ausschimpfen und wenig Mitgefühl zeigen. Sind das nicht Ausnahmen?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Ich würde gerne sagen, dass es so ist. Aber es sind nicht die Ausnahmen. Untersuchungen zeigen, dass jede vierte Interaktion im Kita-Bereich gewaltvoll ist.
Frage: Was zum Beispiel?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Kinder werden hart gepackt oder am Arm durch die Gegend geschleift, das ist gar nicht mal so selten. Aber es gibt auch psychische Gewalt: Ich habe oft beobachtet, dass Kinder zur Strafe aus dem Raum müssen. Sie werden beschimpft, bloßgestellt, gedemütigt oder mit anderen verglichen. Oder es fallen Sätze wie „Böse Kinder hat niemand lieb“ oder „Wenn du nicht aufisst, bekommst du keinen Nachtisch.“
Frage: Was ist so schlimm daran, wenn ein Kind erst Pudding bekommt, wenn es sein Gemüse gegessen hat?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Für ein Kind im Krippenalter ist das eine Bloßstellung, eine Erpressung. In dem Moment fühlt das Kind sich falsch, es fühlt Schmerz und schüttet Stresshormone aus.
Frage: Was läuft noch schief?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Ich denke, die meiste Gewalt passiert in Bring- und Abholsituationen, etwa während der Eingewöhnung. Ich habe ganz oft beobachtet, dass Kinder geschimpft werden, wenn ihre primäre Bindungsperson, Mutter oder Vater, geht: „Stell dich nicht so an!“ Dabei haben Kinder, die unter 18 Monate sind, noch keine Objekt- und Personenpermanenz. Das bedeutet: Wenn die Eltern zur Tür rausgehen, sind sie für die Kinder nicht mehr existent. Die haben dann wirklich Todesangst. Irgendwann hören diese Kinder auf zu weinen, aber nicht, weil sie sich reguliert haben – das können sie in dem Alter noch nicht allein. Sondern weil sie aufgegeben haben. Wenn Erzieher darauf nicht adäquat reagieren, ist das wirklich gefährlich. So ein Trauma bleibt hängen.
Antwort: Claudija Stolz: Hinzu kommt, dass es in Krippen oftmals nicht die Möglichkeit gibt, sich richtig um ein Kind zu kümmern, weil noch fünf, sechs andere da sind. Und: Wenn ein Kind eine tragfähige Beziehung zu einer Fachkraft aufgebaut hat, ist diese auch schon mal nicht da, weil sie zum Beispiel nur einige Stunden am Tag arbeitet. Kontinuität ist aber sehr wichtig.
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Kinder werden auch oft sehr grob gewickelt. Oder die Morgenkreise! Da werden sie geschimpft, wenn sie nicht sitzen bleiben…
Frage: Aber der Morgenkreis ist doch ein schönes Ritual…
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Ich finde Morgenkreise ganz wunderbar! Aber wir müssen unbedingt unterscheiden zwischen einem sechsjährigen Kind und Krippenkindern. Kinder in dem Alter können ihren Körper noch nicht so kontrollieren, dass sie eine halbe Stunde still sitzen. Deshalb braucht es in der Krippe bewegte Morgenkreise, bei denen die Kinder klatschen und tanzen dürfen.
Frage: In Ihrem Buch schreiben Sie von Basteln als „Pflichtübung“. Eltern freuen sich aber doch sehr über etwas Gebasteltes zu Weihnachten oder zum Muttertag. Was ist daran schlecht?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Daran ist gar nichts schlecht, wenn die Pädagogen sich die Zeit nehmen, sich gut um die Kinder zu kümmern. Wenn es nur darum geht, dass Dinge erledigt werden, wäre mir das Wohlbefinden der Kinder wichtiger als das Muttertagsherz.
Antwort: Claudija Stolz: Vor allen Dingen können Krippenkinder ja noch gar nicht richtig basteln.
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Genau. Ein Kind wird sicher nicht traumatisiert, wenn man ihm die Hand anmalt und sie auf ein Papierherz drückt. Aber die Frage ist: Warum tun wir das? Für wen ist die Krippe gemacht? Ist sie für die Kinder gemacht oder werden Dinge produziert, damit Eltern glücklich sind? In Krippen werden oft Pflichtprogramme abgeleistet: Wir haben Ausflüge gemacht, wir haben gebastelt, wir haben Projekte gemacht. Aber das ist eine Show, die für die Eltern abgeliefert wird. Der Alltag von Kindern im Krippenalter ist so herausfordernd, dass es das gar nicht braucht.
Frage: Sie finden, dass Kinder in Krippen einfach spielen und selbst bestimmen sollten, was sie machen. Aber lernen sie dann überhaupt, dass sich nicht alles um sie selbst dreht und sie ihre eigenen Bedürfnisse auch mal zurückstellen müssen?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Natürlich sollen sie das lernen! Aber Bedürfnisse zurückstellen kann ein Mensch frühestens mit drei Jahren. Bis dahin muss ein Kind darauf vertrauen, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden. Sonst geht es nicht mit Urvertrauen, sondern mit Urmisstrauen in die Welt. Ganz wichtig: Es geht nicht darum, Kindern alle Wünsche zu erfüllen. Sondern darum, sie sensibel zu begleiten. Und in Krippen werden Kinderseelen zerstört, weil dort oft keine guten Bedingungen herrschen.
Antwort: Claudija Stolz: Noch etwas ist mir sehr wichtig. Wir alle haben unsere teils traumatischen Erlebnisse in der Kindheit gehabt – auch das Krippenpersonal. Und egal, wie engagiert eine Pädagogin ist: Unter Stress macht sie Dinge, die sie eigentlich nicht machen möchte. Packt das Kind zu fest, wird laut. Deshalb sollte Kitapersonal während der Ausbildung psychologisch begleitet werden, damit es seine eigenen biographischen Erlebnisse aufräumt.
Frage: Wie erkennen Eltern eine gute Krippe?
Antwort: Claudija Stolz: Man sollte in der Einrichtung, wenn möglich, hospitieren, die Menschen kennenlernen. Wie ist die Interaktion der Kinder mit den Betreuern? Und wenn Sie Fragen haben: fragen Sie! Lassen Sie sich nicht abwimmeln!
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: Sie sollten das Verhalten Ihres Kindes beobachten. Wenn ein Kind schlecht schläft, wenn es nicht in die Krippe will, wenn es sich immer mehr zurückzieht oder aggressives Verhalten zeigt, könnte es an der Krippe liegen. Ich würde mein Kind nicht einfach irgendwo hinbringen, wo ich nicht weiß, wie mit meinem Kind umgegangen wird. Und ich finde, Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass es ihren Kindern in Krippen gut geht. Deshalb brauchen wir eine Pädagogik des Mitgefühls.
Antwort: Claudija Stolz: Frau Ballmann sagt immer... Wie sagst du immer?
Antwort: Dr. Anke Elisabeth Ballmann: An zu viel Liebe ist noch niemand gestorben. An zu wenig schon. Das ist einfach so wichtig.
Die Krippen-Lüge: Unsichere Bindung, fehlende Geborgenheit – so stärken wir trotz Fremdbetreuung das Urvertrauen unserer Kinder. Goldegg Verlag 2025, ISBN 978-3990605240