Osnabrück Haftbefehl-Doku überrascht: Warum Chefredakteur Burkhard Ewert jetzt aufs Konzert will
„Kennste Reinhard Mey?“ Mit diesen Worten löste Gangsta-Rapper „Haftbefehl“ einen Hype um den 55 Jahre alten Klassiker „In meinem Garten“ aus. Wie die Doku über Aykut Anhan Chefredakteur Burkhard Ewert dazu bewegt, sein nächstes Konzert besuchen zu wollen.
Im Jahr 2002 habe ich den Film „8 Mile“ gesehen. Eminem, der weiße Junge aus Detroit, rappt sich aus dem Elend. Ich ging eher aus Zufall ins Kino und kam mit umso größerem Respekt wieder heraus. Für Eminem, für sein Talent, und für eine Musikrichtung, die ich bis dahin für ziemlich merkwürdig gehalten hatte.
„Lose Yourself“ lief danach in Dauerschleife, und ich schämte mich für meinen Hochmut. Bis heute höre ich den Song sehr gerne, vor allem, wenn er laut genug ist.
Diese Woche ist mir etwas Ähnliches passiert, mit „Haftbefehl“. Netflix zeigt eine Dokumentation über den Rapper aus dem Rest der Republik, gedreht unter anderem von Juan Moreno – dem Reporter, der einst den „Spiegel“-Hochstapler Claas Relotius auffliegen ließ.
Moreno ist keiner, der sich leicht blenden lässt. Und doch spricht er mit Respekt über Aykut Anhan, wie „Haftbefehl“ bürgerlich heißt. Absturz, Schusswunde, Unfallfahrten, Drogen, Texte mit „Nutten“ und anderen schwierigen Begriffen – alles richtig. Aber eben nicht alles, was Anhan ausmacht.
Denn da gibt es diese Szene, in der er zusammengesunken in der Ecke sitzt, die Kapuze bis über die Nase gezogen auf seinem Handy scrollt und plötzlich Reinhard Meys Lied „In meinem Garten“ abspielt. „Kennste Reinhard Mey?“, wispert er und stimmt textsicher ein, mitsamt altertümlichen Dativ-Konstruktionen, komplexem Reimschema, filigranen Moll-Akkorden.
Dort der klare Gesang, hier das heisere Brummen, dort der Barde, hier der Gangsta, dort der Mann aus Alemania, hier der kurdischstämmige Migrant. „Brutaler Song, Alter“, sagt der Rapper, und man spürt genau, was er meint. Die Musikalität der beiden vermeintlich fremden Männer springt einen an, mitsamt einer Kraft, die sie unter der Oberfläche vereint.
Darin nur eine berührende Randnotiz oder Illustration von Integration zu sehen, greift zu kurz. Hier geschieht Magie, so viel ist klar. Millionen haben sie gespürt und erweisen dem 82-jährigen Mey die Ehre, so wie es Anhan tat.
55 Jahre nach seiner Veröffentlichung wird das melancholische Gartenlied in der Folge zum Chart- und Streaming-Hit – getragen von einem Gangsta-Rapper, der darin Trost findet. Der einen zarten Moment in einem harten Leben erlebt. Gastarbeiterkindheit, Verurteilung, Schießerei, Szene-Ruhm. Jetzt ein Netflix-Gassenhauer, und mittendrin dieses fast vergessene Lied aus Meys Frühwerk, das von der Vergeblichkeit des Versuches erzählt, das Schöne zu bewahren.
Obwohl das lyrische Ich den Garten pflegt, geht der Rittersporn ein, verlässt der Rabe sein Nest. Obwohl oder weil man sich doch viel Mühe gibt, vergehen die Dinge – auch die Momente, die kurz ein Licht bringen in ein dunkles Leben wie die Geburt seiner Kinder, die, so erfährt man, von ihrem kaputten Drogenvater wenig haben („Ich bin Dreck“).
Der eigene Vater brachte sich um, als Anhan 14 Jahre alt war. An dem Tag, an dem „Haftbefehl“ Reinhard Mey nachbrummt, hat seine eigene kleine Tochter Geburtstag, wo immer sie ist, wo immer er ist.
Nun ist das Netz voller junger Fans, die „In meinem Garten“ nachsingen. Eine neue Generation lernt den alten Meister kennen. Die Reverenz adelt den Liedermacher, doch umgekehrt kann man es ganz genauso betrachten.
Und was sagt Reinhard Mey? Manchmal schreibt er mir auf meine Newsletter hin. Dann entsteht ein kleiner Austausch, und so habe ich ihn diesmal nach seinen Gefühlen von damals und heute gefragt. In seiner Antwort erzählt er ein wenig, aber, wer will es ihm verdenken, den Zauber des Augenblicks, als „Haftbefehl“ in sein Lied einstimmt, möchte er nicht zerreden.
Kein Pathos, keine Analyse, keine Scherze schreibt er mir zurück, sondern nur einen Satz möchte er gerne zitiert wissen: „Danke, Aykut, für Deine Zuneigung und all das, was gerade daraus in unserem Garten erblüht.“
Ich freue mich so, über diese Menschen, für diese Menschen, über Multikulti, für Multikulti, über die Musik, für die Musik, so hart der Film auch ist, so hart das Leben auch ist. Und werde mal gucken, ob „Haftbefehl“ bei seinem nächsten Konzert „In meinem Garten“ singt. Jedenfalls gehe ich hin.