Archäologie Überraschung – so alt ist Friedeburg-Marx wirklich
Die Ostfriesische Landschaft sichert historische Funde, ehe Grundstücke in einem neuen Baugebiet in Marx erschlossen werden. Die Grabung bringt Überraschendes zutage – und führt bei einigen zu Frust.
Marx - Selten liegen Freud und Leid so eng beieinander wie auf einer rund viereinhalb Hektar großen Fläche am Ortsrand von Friedeburg-Marx. Was den einen begeistert, frustriert den anderen: Während Bauwillige auf ein Grundstück für ihr neues Eigenheim im Grünen warten, entdecken die Archäologen der Ostfriesischen Landschaft immer neue spannende Funde. Mittlerweile sind es weit mehr als 1500 Funde am Börgerhörn in Marx – und einige davon überraschen selbst Fachleute.
Schon die Vielzahl der Hinweise auf früheres Leben ist bemerkenswert. „Damit haben wir nicht gerechnet. Es ist eine von nur zwei, drei Fundstellen in Ostfriesland, die so eine Dichte haben“, erklärt Dr. Sonja König, Leiterin des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft in Aurich. „Es ist unheimlich viel, es ist unheimlich komplex.“ Der Blick auf die derzeitige Grabungsfläche bestätigt das. Das Areal bietet ein ähnliches Bild wie ein benachbartes Feld, auf dem 2023 die Grabung begann: Überall im Boden sind nach dem Entfernen der oberen Erdschichten mit dem Bagger Verfärbungen zu erkennen.
Was der Boden den Archäologen verrät
Jede dieser Verfärbungen ist ein Hinweis darauf, dass hier zu einer früheren Zeit schon einmal Menschen lebten. „All die Schritte, die Menschen machen, hinterlassen Spuren“, berichtet Grabungsleiter Axel Prussat. „Diese Spuren muss man zu deuten wissen. Und das ist ja unser Job.“ Alles, was die frühen Marxer in den Boden einbrachten – in diesem Fall Brunnen und andere Bauwerke wie Mauern, Arbeitsplätze metallverarbeitender Handwerker, Tonscherben, Mühlensteinbruchstücke und Tierknochen –, wird wieder sichtbar.
Die Befunde, also die Strukturen in der Fläche, und Funde wie Scherben geben den Fachleuten Aufschluss über die früheren Bewohner und deren Zeit. Auch das ist eine kleine Sensation. Jede einzelne Fundstelle wird dabei sorgsam und in mühsamer Handarbeit freigelegt und untersucht. „Die Funde werden gesichert. Sie werden getrocknet und katalogisiert“, erläutert König. Gearbeitet wird meist auf den Knien. Bei Hitze ebenso wie bei Regen. „Das ist kein einfaches Geschäft.“ Die Summe der Funde und Befunde ist beachtlich; die beiden ersten Teilflächen wurden abschließend dokumentiert und freigegeben.
Verzweiflung und Frust bei Bauwilligen
Die genaue wissenschaftliche Untersuchung findet später in Aurich statt. Meist während der Wintermonate, in denen aufgrund der Witterung nicht gegraben wird. Schon jetzt müssen die Grabungshelfer oft genug das Regenwasser von der Fläche pumpen, um überhaupt arbeiten zu können. Ein Ende der Grabung auf einer Teilfläche des zukünftigen Baugebiets Börgerhörn ist weiterhin nicht in Sicht. Zwar geht die archäologische Untersuchung Ende November 2025 erst einmal in die Winterpause, doch im Frühjahr 2026 wird die Grabung fortgesetzt.
Als die Grabung nach einer Voruntersuchung 2022 im darauffolgenden Frühjahr begann, war man zunächst von drei Monaten ausgegangen. Jetzt ist die dritte Grabungssaison nahezu um. „Eigentlich sollte sich hier schon ein Baugebiet entfalten – um die Ortschaften lebendig zu halten“, fasst Friedeburgs Bürgermeister Helfried Goetz (parteilos) das Dilemma zusammen. Die Folgen für die Interessenten an den etwa 40 geplanten Grundstücken lässt der Marxer Ortsvorsteher Arthur Engelbrecht (CDU) bei einem Gespräch auf dem Bauland der Zukunft durchblicken: „Enttäuschung, dass es so lange dauert. Sie sind verzweifelt, sie sind frustriert. Einige sind auch schon nach Wiesmoor gezogen.“
1000 Jahre alte Wehranlage wurde sichtbar
Nicht zuletzt deshalb herrscht großes Unverständnis bei nicht wenigen Marxern, so Engelbrecht. Die Gemeinde Friedeburg will die Grundstücke auch weiterhin erschließen, versichert Goetz. Konkret wird jetzt eine Teilerschließung wahrscheinlich. Das Bestreben, in jeder Ortschaft Flächen für Bauherren bereitzustellen, ist in Marx besonders problematisch. Die Erweiterung des Gewerbegebietes gestaltet sich aus Naturschutzgründen schwierig.
Entgegen aller Hoffnungen auf einen frühen Baubeginn im Börgerhörn herrscht noch immer Stillstand. Die Gemeinde hat die Anzahl der Grabungshelfer von zunächst fünf auf mittlerweile acht aufgestockt. Und doch dauert es, all die Befunde im Boden freizulegen, zu kartieren und die Funde zu sichern. Denn das Gelände, was zuletzt Weideland war, war früher bereits gefragtes Bauland. Erst legten die Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes mithilfe der Grabungshelfer eine etwa 1000 Jahre alte Wehranlage aus dem Frühmittelalter samt Graben frei. Das ist ein für Ostfriesland außergewöhnlicher Fund, unterstreicht König. Anlagen wie diese muss es gegeben haben – doch bislang wurden keine dokumentiert.
2700 Jahre alte Siedlungsstruktur
Dieser Teilbereich ist inzwischen vollständig abgearbeitet. Hier soll ein Regenrückhaltebecken entstehen. Eine weitere Überraschung birgt der etwas näher an der Marxer Kirche gelegene Bereich, auf dem momentan die Flächengrabung stattfindet. Hier stießen die Archäologen auf Hinweise auf Leben aus der Zeit des Übergangs von der Bronzezeit zur Eisenzeit.
Was genau das bedeutet, erläutert Sonja König: „Die Siedlungsstruktur ist hier 2700 Jahre alt.“ Die für Ostfriesland vergleichsweise hohe Lage und überlieferte Flurnamen hätten zwar Hinweise auf zu erwartende interessante Funde gegeben – dennoch war das Ergebnis überraschend. Auf Teilen des Areals, auf dem zukünftige Bauherren ihr Häuschen errichten wollen, gab es einst bereits eine erste Siedlung. Im 9. und 10. Jahrhundert gab es Völkerwanderungen und eine starke Aufsiedlung. „Da wird es hier voll“, sagt König im Hinblick auf die neuesten Erkenntnisse.
Teilerschließung wird schnellstmöglich angepeilt
Dass so alte Hinweise auf eine Besiedlung nicht einfach später überbaut wurden, ist eine Seltenheit. Offenbar zogen die Menschen irgendwann einfach weiter. Vermutlich weidete hier also nicht nur in jüngster Vergangenheit Vieh. „In Friedeburg liegen im Untergrund Schätze“, sagt der Bürgermeister. Gewollt oder nicht, dem muss sich die Gemeinde nun stellen. Außergewöhnlich ist die gesamte bisher genauer untersuchte Fläche allemal: Während in einem Teil vor 2700 schon Menschen lebten, stand nebenan vor 1000 Jahren so etwas wie eine frühe Burg mit Hinweisen auf metallverarbeitendes Handwerk.
Und wieder direkt daneben haben die Archäologen kaum Hinweise darauf gefunden, dass sich dort jemals Menschen niedergelassen haben. Wer hier einmal baut, kann wohl mit Fug und Recht behaupten, einer der ersten Bewohner dieses Landes zu sein. Damit das möglichst schnell so weit ist, will man im Friedeburger Rathaus nun einen Plan erarbeiten, wie zumindest ein Teil der Fläche des zukünftigen Baugebietes schnellstmöglich erschlossen werden kann.