9. November 1938  1938 brannten auch in Ostfriesland die Synagogen

Tatjana Gettkowski Mona Hanssen Henrik Zein
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Von Tatjana Gettkowski, Mona Hanssen und Henrik Zein
| 09.11.2025 19:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Leer verlasen Schülerinnen und Schüler des Teletta-Groß-Gymnasiums die Namen der von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Leeranerinnen und Leeranern. Foto: Jonas Bothe
In Leer verlasen Schülerinnen und Schüler des Teletta-Groß-Gymnasiums die Namen der von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Leeranerinnen und Leeranern. Foto: Jonas Bothe
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Viele Ostfriesinnen und Ostfriesen haben am 9. November der Pogrome vor 87 Jahren gedacht. Sie legten ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus ab.

Ostfriesland - In Ostfriesland wurde am Sonntag, 9. November 2025, der Pogromnacht vor 87 Jahren gedacht. Damals zündeten die Nationalsozialisten auch in dieser Region die Synagogen an, zerstörten jüdische Geschäfte und misshandelten, verhafteten oder töteten jüdische Mitbürger. Mit den Gedenkveranstaltungen wurde nicht nur der Opfer gedacht, sondern auch ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus und für ein friedliches Miteinander abgelegt. Die Reichspogromnacht gilt als Wendepunkt, der in den Holocaust und die Ermordung von Millionen Juden mündete.

Zu Gast in Yad Vashem

Der Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, Lars Reckermann, ist vom 16. bis 21. November 2025 auf Einladung der Gedenkstätte Yad Vashem zu einer Studienreise in Israel. Er nimmt dort an einem speziellen Journalistenprogramm teil. Während seines Aufenthalts berichtet er live für diese Zeitung. Sein Liveblog kann ab dem 16. November auf oz-online.de verfolgt werden.

Yad Vashem ist die zentrale israelische Holocaust-Gedenkstätte und widmet sich der Erinnerung an die Opfer sowie der Aufarbeitung und Vermittlung der Geschichte des Holocaust.

Leer

“Nie wieder ist jetzt“ war die klare Botschaft der Gedenkveranstaltung in Leer. Zunächst wurde ein Gottesdienst in der Baptistenkirche gefeiert. Anschließend versammelten sich rund 250 Menschen am Synagogengedenkplatz an der Bummert-Kreuzung. Bürgermeister Claus-Peter Horst konnte auch den Ehrenbürger der Stadt und Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg begrüßen.

Zunächst gab es einen Gottesdienst in der Leeraner Baptistenkirche. Foto: Bodo Wolters
Zunächst gab es einen Gottesdienst in der Leeraner Baptistenkirche. Foto: Bodo Wolters

Die Rede hielt in diesem Jahr Landrat Matthias Groote. „Wir haben mit Albrecht Weinberg einen Zeitzeugen unter uns, der unermüdlich in seinen Vorträgen und Schulbesuchen den abstrakten Daten und Zahlen der damaligen Ereignisse ein Gesicht gibt.“

Die Rede in Leer hielt in diesem Jahr Landrat Matthias Groote. Foto: Jonas Bothe
Die Rede in Leer hielt in diesem Jahr Landrat Matthias Groote. Foto: Jonas Bothe

Auch jetzt werde er nicht müde, wenn es darum geht, darauf hinzuwirken, dass der ehemalige Syangogenstandort würdevoll gestaltet wird. „Ich hoffe, dass dieses Ansinnen Gehör findet und in die Tat umgesetzt wird“, betonte Groote. Vor dem Hintergrund zunehmender antisemitischer Gewalt rief er dazu auf: „Lassen Sie uns hinschauen und gegenhalten.“ Die Erinnerung und die Lehren daraus müssten lebendig bleiben. „Es kommt auf jeden Einzelnen von uns an“, betonte er.

Zum Abschluss sprach der Ehrenbürger der Stadt Leer und Holocaust-Überlebende, Albrecht Weinberg, das Kaddisch. Foto: Jonas Bothe
Zum Abschluss sprach der Ehrenbürger der Stadt Leer und Holocaust-Überlebende, Albrecht Weinberg, das Kaddisch. Foto: Jonas Bothe

Schülerinnen und Schüler des Teletta-Groß-Gymnasiums lasen die Namen der von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Leeranerinnen und Leeraner vor. Zum Abschluss sprach Albrecht Weinberg das jüdische Totengebet, das Kaddisch.

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Pogrom-Gedenken in Leer
09.11.2025

Weener

In Weener hatten der Arbeitskreis Synagogenbrand und die Stadt Weener zur diesjährigen Gedenkveranstaltung eingeladen – erstmals vor der neu eröffneten Begegnungsstätte in der Westerstraße 32. In unmittelbarer Nähe stand einst die Synagoge der jüdischen Gemeinde. In der Pogromnacht wurde sie von den Nazis in Schutt und Asche gelegt. Eine Dauerausstellung in der neuen Begegnungsstätte ist dem früheren jüdischen Leben in Weener gewidmet. Die Neugier auf diesen „Meilenstein der Gedenkarbeit“ wie Bürgermeister Heiko Abbas die Ausstellung nannte, könnte auch der Grund für die besonders starke Resonanz auf die Gedenkfeier gewesen sein.

Zu der Gedenkfeier in der Westerstraße in Weener kamen so viele Besucher wie schon lange nicht mehr. Foto: Tatjana Gettkowski
Zu der Gedenkfeier in der Westerstraße in Weener kamen so viele Besucher wie schon lange nicht mehr. Foto: Tatjana Gettkowski

Es dürften wohl deutlich mehr als 150 Teilnehmer aller Altersgruppen gewesen sein, die sich auf der Westerstraße versammelten. Bei der Gedenkfeier, die musikalisch vom Ensemble „Sax mal wieder“ umrahmt wurde, verlasen Schüler der Oberschule die Namen der jüdischen Männer, Frauen und Kinder aus Weener, die deportiert wurden und in den Konzentrationslagern starben oder von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Vor der Menora an Hauswand wurden Kränze niedergelegt.

Viele Besucher der Gedenkfeier in Weener folgten im Anschluss der Einladung von Bürgermeister Heiko Abbas, sich die neue Daueraustellung über das frühere jüdische Leben in Weener in der neu eröffneten Begegnungsstätte anzussehen. Foto: Tatjana Gettkowski
Viele Besucher der Gedenkfeier in Weener folgten im Anschluss der Einladung von Bürgermeister Heiko Abbas, sich die neue Daueraustellung über das frühere jüdische Leben in Weener in der neu eröffneten Begegnungsstätte anzussehen. Foto: Tatjana Gettkowski

Emden

In Emden kamen nach Einschätzung der Polizei mehr als 150 Menschen in der Bollwerkstraße zusammen, wo in der Pogromnacht vor 87 Jahren die Synagoge brannte. „Wir sprechen Worte des Gedenkens, entzünden Kerzen, legen Kränze nieder. Aber Gedenken allein reicht nicht. Wir müssen es ernst meinen mit unserem ‚Nie wieder‘“, sagte Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) und ging auf das Zitat von Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, ein: „Tote Juden beweint man, lebende lässt man im Stich. Wir Juden stören nur.“ Damit spreche Engel die wachsende Kluft zwischen den Gedenkfloskeln und der Realität jüdischen Lebens in Deutschland an – „einer Realität, in der jüdische Kinder von Schulen genommen werden, weil sie gemobbt werden, Menschen sich nicht trauen, eine Kippa zu tragen, und Synagogen nur unter Polizeischutz bestehen können“, so Kruithoff.

In Emden wurde an der Gedenk-Stele an der Bollwerkstraße, in der sich die Synagoge bis zum 9. November 1938 befunden hatte, ein Kranz niedergelegt. Foto: Mona Hanssen
In Emden wurde an der Gedenk-Stele an der Bollwerkstraße, in der sich die Synagoge bis zum 9. November 1938 befunden hatte, ein Kranz niedergelegt. Foto: Mona Hanssen



Julia Hinrichs, Imke Diekena und Finnja Brandt von der IG Metal Jugend in Emden fanden eindringliche Worte. „Wir sind die Zukunft. Ein Bewusstsein für die Geschichte gehört zur Zukunft“, sagte Hinrichs. Diekena und Brandt sprachen darüber, dass auch kleine Sprüche im Alltag zu Parolen werden können. „Die kleinsten Sprüche haben keinen Platz – nicht im Verein, im Betrieb und der Familie“, so Brandt. Heiko Dettmers, ebenfalls aus der Gewerkschaft, sang sein selbstgeschriebenes Lied „Wenn du eine gute Seele hast“. Ein Besuch im Konzentrationslager Ausschwitz hatte ihn dazu inspiriert. „Wenn du eine gute Seele hast, spürst auch du hier die Toten. Es drückt euch zu Boden, es ist kalt und es scheint, sie schauen zu.“

Heiko Dettmers sang in Emden den selbstgeschriebenen Song "Wenn du eine gute Seele hast" vor mehr als 150 Menschen. Foto: Mona Hanssen
Heiko Dettmers sang in Emden den selbstgeschriebenen Song "Wenn du eine gute Seele hast" vor mehr als 150 Menschen. Foto: Mona Hanssen
Von der IG Metal Jugend Emden sprachen Julia Hinrichs (Mitte am Mikrofon), Imke Diekena (rechts) und Finnja Brandt. Foto: Mona Hanssen
Von der IG Metal Jugend Emden sprachen Julia Hinrichs (Mitte am Mikrofon), Imke Diekena (rechts) und Finnja Brandt. Foto: Mona Hanssen

Rhauderfehn

In Rhauderfehn begann die Gedenkveranstaltung am Stolperstein für Walter Nochum Cohen an der Rhauderwieke/Ecke Neuer Weg. Bürgermeister Geert Müller erinnerte an die drei jüdischen Familien, die einst in Rhauderfehn lebten und deren Schicksal durch zehn Stolpersteine im Ort sichtbar gemacht wird. Schüler der Erich Kästner Schule trugen die Geschichte der drei Familien Cohen, Gumpertz und Weinberg vor. Besonders bewegend war die Anwesenheit des Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg, der aus Rhauderfehn stammt und mit seiner Partnerin Gerda Dänekas in Leer wohnt.

Albrecht Weinberg vor seinem Geburtshaus am Untenende in Rhauderfehn mit Schülern der Erich Kästner Schule. Sie hatten die Gedenkfeier mit organisiert. Foto: Henrik Zein
Albrecht Weinberg vor seinem Geburtshaus am Untenende in Rhauderfehn mit Schülern der Erich Kästner Schule. Sie hatten die Gedenkfeier mit organisiert. Foto: Henrik Zein

Ihrhove

Auch in Ihrhove wurde am Nachmittag der Opfer gedacht. Die Gemeinde Westoverledingen richtete die Gedenkfeier bereits zum sechsten Mal am Denkmal für die 13 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus, die bis 1933 in Ihrhove lebten und im Holocaust ermordet wurden. Die Veranstaltung in Ihrhove fand in Kooperation mit dem Schulzentrum Collhusen statt. Als Ehrengast nahm auch hier Albrecht Weinberg teil.

Die Veranstaltung in Ihrhove fand in Kooperation mit dem Schulzentrum Collhusen statt. Als Ehrengast nahm auch hier Albrecht Weinberg teil, der das Kaddisch-Gebet sprach. Foto: Marius Ammermann
Die Veranstaltung in Ihrhove fand in Kooperation mit dem Schulzentrum Collhusen statt. Als Ehrengast nahm auch hier Albrecht Weinberg teil, der das Kaddisch-Gebet sprach. Foto: Marius Ammermann

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