Sekundenschlaf  Leeraner Neurologin – „gewisse Fahrer besonders gefährdet“

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 10.11.2025 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Übermüdung am Steuer bedeutet akute Unfallgefahr. Foto: Dekra/Creading/SE
Übermüdung am Steuer bedeutet akute Unfallgefahr. Foto: Dekra/Creading/SE
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Ein Augenblick, der Leben zerstört: Sekundenschlaf kann zu schweren Unfällen führen. Prof. Dr. Sylvia Kotterba erklärt, wer gefährdet ist, wann die meisten Unfälle passieren und was man tun kann.

Leer - Wenige Momente können entscheiden: Sekundenschlaf fordert immer wieder Leben im Straßenverkehr. Kürzlich gleich mehrere bei einem Unfall in Pewsum. Wir haben mit Prof. Dr. Sylvia Kotterba, Chefärztin am Leeraner Klinikum für Geriatrie, Neurologie und dem Schlaflabor, gesprochen. Sie erklärt, wer besonders für Sekundenschlaf anfällig ist, was riskante Situationen sein können und welche Tipps und Mythen rund um Müdigkeit am Steuer etwas bringen und welche nicht.

Den Verkehr im Auge behalten: Schwer, wenn man übermüdet ist. Symbolfoto: Pixabay
Den Verkehr im Auge behalten: Schwer, wenn man übermüdet ist. Symbolfoto: Pixabay

Ohne Erkrankung: Wer ist besonders gefährdet?

„Wenn wir über gesunde Personen reden, die keine schlafmedizinische Erkrankung haben, ist Sekundenschlaf der Endpunkt einer Übermüdung, die wir ignoriert haben“, erklärt Kotterba. Besonders gefährdet seien also beispielsweise Personen, die in der Schichtarbeit tätig sind, aber auch Berufspendler. „Wer viel gegen die innere Uhr arbeiten muss, beispielsweise in der Nachtschicht, baut einen Schlafdruck auf“, sagt sie.

Mit Erkrankung: Wer ist besonders gefährdet?

Außerdem gebe es auch körperliche Prädispositionen, die Personen besonders anfällig machen können: „Tatsächlich betrifft das eine gar nicht so kleine Gruppe: Rund vier Prozent der Bevölkerung leiden unter Schlafapnoe. Sie haben Atemaussetzer. Diese führen zu einer schlechteren Versorgung mit Sauerstoff. Betroffene schlafen schlechter, sind tagsüber müde und haben Konzentrationsschwierigkeiten“, beschreibt die Ärztin.

Wer zu wenig schläft, baut einen Schlafdruck auf. Symbolfoto: Maximilian von Klenze/dpa
Wer zu wenig schläft, baut einen Schlafdruck auf. Symbolfoto: Maximilian von Klenze/dpa
Monotonie hielten diese Personen nur schlecht aus, ohne einzuschlafen. „Es kommen auch oft Taxi- oder LKW-Fahrer ins Schlaflabor, weil sie betroffen sind“, so die Ärztin. „Oft schrecken Sekundenschlaferlebnisse auf und sind die Initialzündung für den Weg zum Arzt, um alles schlafmedizinisch abklären zu lassen.“ Dies solle man ohnehin tun: „Langfristig kann dies gesundheitliche Risiken wie Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen.“ Symptome seien unter anderem lautes Schnarchen mit Atempausen.

Die Narkolepsie (Krankheit mit unüberwindlichen Schlafattacken) sei ebenfalls ein körperlicher Grund, besonders anfällig für Sekundenschlaf zu sein – Betroffene schliefen aber auch in der Uni ein, in der Schule. „Ein bis zwei Patienten aus ganz Deutschland kommen in der Woche mit der Krankheit in unser neurologisches Schlaflabor.“

Wann passieren die meisten Unfälle durch Sekundenschlaf?

„Am Freitagabend“, ist die Neurologin überzeugt. Das sei auch erklärbar: „Pendler sind nämlich eine weitere gefährdete Personengruppe. Es werden unter der Woche oft Überstunden gemacht, es wird wenig geschlafen. Und am Freitag will man nach Hause und am besten direkt nach der Arbeit los. Alles verständlich, aber riskant“, sagt die Neurologin. Das Schlafdefizit in Kombination mit Monotonie sei fatal. Auf längeren Strecken mit Staus oder auf eintönigen Autobahnen oder Landstraßen steige das Unfallrisiko durch Sekundenschlaf.

Manche Autos warnen die Fahrenden, wenn sie Müdigkeitsanzeichen zeigen. Symbolfoto: Pixabay
Manche Autos warnen die Fahrenden, wenn sie Müdigkeitsanzeichen zeigen. Symbolfoto: Pixabay

Welche Tipps und Mythen gibt es?

Fenster auf, Musik an und schon verschwindet die Müdigkeit – es kursieren eine ganze Reihe von Tricks, die angeblich Sekundenschlaf vorbeugen können. „Das funktioniert nicht, irgendwann sagt der Körper, nein.“ Musik, kalte Luft, ein bisschen Bewegung: Diese Dinge könnten alle kurzfristig helfen. „Man kann ja schlecht, wenn man müde wird, sofort auf der Autobahn bremsen und anhalten.“

Eine Sache, die eine kleine Überbrückungshilfe sein könnte, ist eine Kombination, die vielleicht erstmal ungewöhnlich klingen mag: „Kaffee oder etwas anderes Koffeinhaltiges trinken und dann 15 bis 20 Minuten ein Schläfchen halten“, rät die Neurologin. „Denn das Koffein braucht tatsächlich diese Zeit ehe es wirkt, man kann also normal einschlafen“, sagt sie. Aber auch das schaffe nur kurz Abhilfe und könne einen erholsamen Schlaf in der Nacht nicht ersetzen, „der Körper lässt sich nicht unbegrenzt austricksen“.

Kaffee und ein Nickerchen können nur kurzzeitig Abhilfe bei Müdigkeit am Steuer schaffen. Foto: Felix Kästle/dpa
Kaffee und ein Nickerchen können nur kurzzeitig Abhilfe bei Müdigkeit am Steuer schaffen. Foto: Felix Kästle/dpa

Was bringen technische Hilfen?

Viele Autohersteller bieten mit dem Müdigkeitswarner schon länger eine technische Lösung, die dem Sekundenschlaf vorbeugen soll. Seit Juli 2024 sind solche Systeme Pflichtausstattung für alle Neufahrzeuge in der EU, schreibt die Dekra (deutsche Prüfgesellschaft im Sachverständigenwesen). „Es gibt verschiedene Varianten. Einige Modelle messen beispielsweise wie monoton die Strecke ist, auf der man unterwegs ist. Andere messen das Blinzelverhalten, was schon etwas verlässlicher scheint“, so die Neurologin. Mit einem Signal wird der Fahrer bei Müdigkeit oder nach einer gewissen Fahrzeit gewarnt. „Dann heißt es: Pause machen für die Sicherheit“, man solle die Warnungen nicht auf die leichte Schulter nehmen, so die Dekra.

Gerade auf monotonen Strecken ist die Gefahr des Sekundenschlafes hoch. Symbolfoto: Pixabay
Gerade auf monotonen Strecken ist die Gefahr des Sekundenschlafes hoch. Symbolfoto: Pixabay

Was sind die Folgen?

Laut der amtlichen Unfallstatistik für 2023 war Übermüdung die Ursache von 1902 Verkehrsunfällen mit Personenschaden in Deutschland. 3010 Personen wurden dabei verletzt, 42 davon tödlich. Außerdem ereigneten sich 1456 Unfälle mit schwerwiegendem Sachschaden, berichtet laut Dekra das Statistische Bundesamt. „Unfallexperten gehen allerdings von einer weit höheren Dunkelziffer aus, da eine Übermüdung der Fahrenden oft nicht zugegeben oder nachgewiesen wird.“ Wer sich fahrunfähig ans Steuer setze, mache sich zudem strafbar und müsse mit drastischen Strafen rechnen, so die Dekra. Bei Gefährdung anderer können Geldbuße, Fahrverbot, Entzug der Fahrerlaubnis oder gar Freiheitsstrafe die Folge sein.

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