Berlin Die Rot-Kreuz-Chefin fordert: Pflege darf keine Frage des Geldbeutels sein!
Steigende Pflegekosten belasten Pflegebedürftige und Angehörige spürbar – doch wie verhindern wir, dass Versorgung zur Kostenfrage statt zur Würdefrage wird? Im zweiten Beitrag unserer „360°-Kolumne“ zeigt DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt, wo Reformbedarf besteht.
3108 Euro pro Monat im deutschlandweiten Schnitt – so viel müssen laut einer Auswertung pflegebedürftige Menschen im ersten Jahr für ihre Pflege in einer stationären Einrichtung zahlen. Seit Jahren wird diese Eigenbeteiligung höher. Auch im Bereich der Pflege in den eigenen vier Wänden steigen die Kosten seit Jahren. Gerade bei pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörigen stellt sich deshalb zunehmend die Frage: Wie viel ist uns die Pflege wert?
Nur ein kleiner Teil in diesem Land verdient überhaupt mehr als 3000 Euro netto pro Monat, von entsprechend niedriger ausfallender Renten ganz zu schweigen. Die Pflege wird so für Menschen ohne große finanzielle Rücklagen zunehmend zu einer starken Belastung.
Auch bei der Pflege zu Hause, wo über 80 Prozent der Menschen gepflegt werden und wo viele An- und Zugehörige Enormes leisten, erleben wir zunehmend, dass Menschen Leistungen zurückschrauben. Es fehlt mitunter schlicht am Geld. Dabei ist professionelle Unterstützung bei der Pflege oft unersetzbar, auch zur Entlastung.
Damit lässt sich festhalten, dass auf der einen Seite immer öfter Menschen aufgrund der Pflegekosten vor großen finanziellen Herausforderungen stehen, denn immer wieder muss letztlich das Sozialamt für die Pflegekosten einspringen. Und auf der anderen Seite werden notwendige Leistungen nicht in Anspruch genommen. Dies können und sollten wir als Gesellschaft nicht einfach hinnehmen.
Wir dürfen aus meiner Sicht pflegebedürftige Menschen mit den steigenden Kosten nicht allein lassen und müssen uns entsprechend mit der Frage befassen, was uns die menschenwürdige Versorgung im Pflegefall als Gesellschaft wert ist. Die zu pflegenden Menschen haben sich oft ein ganzes Leben für die Gesellschaft eingebracht, in die Sozialversicherungen eingezahlt und dies sollten sie im hohen Alter auch spüren.
Um eins klar zu sagen: Ich plädiere nicht für eine Pflegevollversicherung, die alle Leistungen bezahlt. Diese wäre schwierig zu finanzieren. Die Versicherung sollte aber auch in Zukunft dafür sorgen, dass die Pflegebedürftigen und deren Angehörige nicht überfordert werden.
Die Pflegeversicherung, wie wir sie bisher haben, hat sich im Kern bewährt. Aber nun gilt es, beherzt an gewissen Stellschrauben zu drehen, um gegenzusteuern. Hier muss man sich auch ehrlich machen. Natürlich würde uns das als Gesellschaft Geld kosten, aber die derzeitige Entwicklung darf sich nicht ungebremst fortsetzen.
Es liegen für mögliche Reformen zahlreiche Vorschläge auf dem Tisch und es freut mich, dass sich die Bundesregierung damit intensiver befassen will. Aus meiner Sicht sollte in Zukunft von den pflegebedürftigen Menschen eine festgelegte Eigenbeteiligung geleistet werden. Die darüber hinausgehenden Kosten wären durch die Pflegeversicherung bzw. den Staat zu tragen. So wären die Pflegekosten für die Bevölkerung auch kalkulierbarer.
Zudem sollten die Bundesländer endlich ihrer gesetzlichen Pflicht nachkommen, Investitionen in Pflegeeinrichtungen zu bezuschussen. Wir als DRK schlagen vor, dass die Länder verpflichtend einen festen Betrag für jeden Pflegebedürftigen für Investitionen in den Pflegeeinrichtungen beisteuern.
Außerdem sollten die Krankenkassen die Finanzierung der medizinischen Behandlung in den Pflegeeinrichtungen übernehmen – bisher ist das Sache der Pflegeversicherung und damit eine versicherungsfremde Kostenübernahme.
Dies sind einige Beispiele dafür, wie wir für eine spürbare finanzielle Entlastung bei pflegebedürftigen Menschen sorgen könnten. Denn Pflege sollte keine Frage des Geldbeutels sein. Der Umgang mit pflegebedürftigen Menschen geht uns alle an, nicht nur mit Blick auf die demografische Entwicklung, durch die das Thema in den kommenden Jahren weiter präsenter werden wird.
Die Pflegethematik ist in unser aller und somit von gesamtgesellschaftlichem Interesse. Genau so sollten wir diese angehen und sie auch gemeinsam bewältigen. Das sollte die Pflege uns wert sein.