Gericht in Aurich  Totschlag – Kinder belasten 81-Jährige schwer

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 06.11.2025 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine 81-jährige Auricherin steht wegen Totschlags vor Gericht. Das Foto zeigt die Angeklagte beim Prozessauftakt mit Verteidiger Joachim Müller. Fotos: Klaus Ortgies
Eine 81-jährige Auricherin steht wegen Totschlags vor Gericht. Das Foto zeigt die Angeklagte beim Prozessauftakt mit Verteidiger Joachim Müller. Fotos: Klaus Ortgies
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Eine 81-jährige Auricherin steht vor Gericht, weil sie ihren Mann umgebracht haben soll. Die Kinder der Angeklagten ließen im Zeugenstand kein gutes Haar an ihrer Mutter.

Aurich - Tod durch ein Apfelstück im Kehlkopf: Eine 81-jährige Auricherin soll ihren parkinsonkranken Ehemann am 13. Dezember 2023 durch ein Frühstücksmüsli ins Jenseits befördert haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Totschlag vor. Die Seniorin sieht sich ungerechtfertigt beschuldigt. Es gehe der Tochter ums Geld, ist sie sich sicher.

Bei der Fortsetzung des Prozesses am Donnerstag, 6. November 2025, vor dem Auricher Schwurgericht wurden zwei der drei Kinder der Angeklagten als Zeugen vernommen. Sie zeigten sich entsetzt und ließen kein gutes Haar an ihrer Mutter.

„Ich hatte das Gefühl, dass das nicht mit rechten Dingen zugegangen ist“

Die 56-jährige Tochter, im Prozess Nebenklägerin, hatte wie ihr Bruder eine Prozessbegleiterin dabei. Sie war emotional aufgewühlt und sagte unter Tränen aus. Sie habe vom Tod ihres 87-jährigen Vaters durch ihren Bruder aus Berlin erfahren, der sie trotz eines Verbots durch die Angeklagte telefonisch in Kenntnis gesetzt habe. „Ich bin noch nachts um zehn oder elf zur Polizei gefahren. Ich hatte das Gefühl, dass das nicht mit rechten Dingen zugegangen ist“, sagte sie.

Zum Verhältnis ihrer Eltern befragt, äußerte die Auricherin, Harmonie und Liebe habe es nicht gegeben: „Wenn die Zündschnur bei ihr zu kurz wurde, dann war’s nicht schön.“ Ihre Brüder hätten sich relativ schnell aus dem Staub gemacht. Ihre Mutter habe eine manipulative Art gehabt und den Vater immer wieder unter Druck gesetzt, weil sie eine Vorsorgevollmacht gehabt habe.

Angeklagte soll Mann mit Krücke geprügelt haben

Die Zeugin berichtete über gewalttätige Misshandlungen in der Kindheit durch die Angeklagte. Wegen Lappalien wie einer Bastelarbeit aus Wolle oder der Verweigerung einer Nudelsuppe habe sie wahllos auf sie eingeprügelt. Sie charakterisierte ihre Mutter als Person ohne soziale Kontakte und ohne Empathie. In Nordrhein-Westfalen, wo sie vorher gewohnt hätten, habe sie Ladendiebstähle begangen.

Im Jahr 2019 zog die Zeugin mit ihrer Familie auf einen Hof in Ostfriesland. Ihren Eltern hatte sie angeboten, dort eine Einliegerwohnung zu beziehen, um ihnen im Krankheitsfall unter die Arme greifen zu können. Das funktionierte nicht. Es kam zu zahlreichen Vorfällen mit Polizeieinsätzen. Unter anderem soll die Mutter, von Beruf Krankenschwester, ihren 2013 an Parkinson erkrankten Ehemann mit einer Krücke geprügelt, ihm Verletzungen zugefügt oder ihn mit einer Überdosis Beruhigungsmittel ruhiggestellt haben. 2022 mussten die Eltern nach einer Räumungsklage ausziehen. Ihrem Vater hatte die Tochter angeboten, unterstützt durch eine 24-Stunden-Pflege zu bleiben, doch er ging letzten Endes mit seiner Ehefrau mit.

„Wenn er in professionelle Hände gekommen wäre, würde er noch leben“

Ende 2022 soll die Angeklagte ihren Ehemann auf einem Supermarktparkplatz geschlagen haben. Sie erhielt einen Strafbefehl mit einer Verwarnung. In dem Verfahren teilte ihr Ehemann mit, er werde regelmäßig von seiner Frau geschlagen und wolle nicht mehr bei ihr leben. Am liebsten würde er zu seinem Bruder in die Eifel ziehen.

Dass es ihrem Vater plötzlich so schlecht gegangen ist, dass er bettlägerig wurde, vermochte die Zeugin kaum nachzuvollziehen. Er sei sein Leben lang kerngesund gewesen, habe sich gesund ernährt und noch alle Zähne gehabt. „Ich bin felsenfest davon überzeugt, wenn er in professionelle Hände gekommen wäre, würde er noch leben“, erklärte sie. Auf die Schulden in Höhe von 100.000 Euro angesprochen, die sie aufgrund des Hofkaufes bei ihren Eltern hat, erklärte sie, sie würde darauf einen monatlichen Abtrag leisten.

Abgemagerter Vater war in dunklem Kabuff ans Bett gefesselt

Ihr 62-jähriger Bruder bekundete im Zeugenstand, die Eltern Ende November 2023 nach vier Jahren besucht zu haben. Seinen abgemagerten Vater habe er in einem dunklen Kabuff mit rechtwinklig abgespreizten Armen ans Bett gefesselt vorgefunden. „Dieses Bild, es war so schrecklich“, sagte er bewegt. Seine Mutter habe ihren Mann losgebunden und im Rollstuhl auf die Terrasse gefahren.

Die Fixierung habe die Mutter damit begründet, der Vater sei so unruhig. „Er hat nur wenige Sätze gesprochen, langsam und stockend“, so der Zeuge. Seine Mutter habe seinem Vater eine Demenz unterstellt, doch er habe das Gefühl gehabt, er habe sich sehr klar ausgedrückt. Thema der Unterhaltung sei dessen Kindheit in der Nähe von Warschau gewesen.

Angeklagte bezichtigt ihre Kinder der Lüge

Er schilderte, seine Mutter habe immer schon unter emotionalen Ausbrüchen gelitten. Er sei als Kind mit einem Kleiderbügel oder einem Kochlöffel geschlagen worden. Die Angeklagte beschrieb er als hysterisch: „Ich habe gesagt: Suche dir Hilfe, denn du hast Probleme mit der Emotionskontrolle.“ Telefonisch habe er von „dem Kleinkrieg auf dem Hof seiner Schwester“ gehört. Es sei um häusliche Gewalt gegangen.

Die Angeklagte nahm zu den Aussagen ihrer Kinder Stellung. „Mir sträuben sich die Haare, wirklich ganz schlimm. Die hat da Lügen aufgetischt, um ihre Haut zu retten – die 100.000 Euro, die sie zurückzahlen müssen“, meinte sie zu den Angaben ihrer Tochter. Sie sei mit ihrem Mann 62 Jahre „mit Höhen und Tiefen“ verheiratet gewesen. Wenn ihm etwas an ihrer Pflege nicht gepasst hätte, hätte er seinen Bruder kontaktiert, der hätte ihn sofort abgeholt. Das Argument hatte sie bereits beim Prozessauftakt angeführt. Zu dem Auftritt ihres Sohnes äußerte sie: „Er kam mir vor, als stand er unter Drogen. Ich war ziemlich entsetzt, in welcher Verfassung ich ihn hier sitzen sah.“

Psychiater hält Angeklagte für voll schuldfähig

Der psychiatrische Sachverständige Professor Dr. Wolfgang Trabert schätzte die 81-Jährige mit einer leichten kognitiven Störung als voll schuldfähig ein. Sie neige dazu, Dinge auszublenden, die nicht ins eigene Bild passen – „das ist nichts Außergewöhnliches“, lautete seine Einschätzung. Der Gutachter gab wieder, was ihm die Angeklagte über den Tattag erzählt hatte.

Professor Dr. Wolfgang Trabert nimmt als psychiatrischer Sachverständiger an der Verhandlung vor dem Landgericht Aurich teil.
Professor Dr. Wolfgang Trabert nimmt als psychiatrischer Sachverständiger an der Verhandlung vor dem Landgericht Aurich teil.

Sie habe am Morgen duschen wollen und ihren Mann zur Sturzprophylaxe im Bett fixiert. Dann habe sie doch nicht geduscht, weil es zu spät gewesen sei. Sie habe vergessen, ihn loszubinden. Als sie ihn mit Müsli gefüttert habe, habe sie bemerkt, dass er nicht richtig schlucken konnte. Sie habe seinen Mund unter Einsatz eines Holzkeils offen gehalten und das Müsli herausgeholt. Dann sei er plötzlich regungslos gewesen, gegen 11 Uhr.

„Ja, es kann sein, dass ich ins Gefängnis muss“

„Völlig erstaunt war sie, als ich sie mit der Apfelspalte im tiefen Rachenraum konfrontierte“, berichtete Trabert. Ihm gegenüber habe die Frau ihre Fürsorglichkeit betont. Im Gespräch habe sie Gefühle wie Stolz, Empörung und Resignation gezeigt. Die Angeklagte habe geäußert: „Ja, es kann sein, dass ich ins Gefängnis muss.“ Das habe sie mit erstaunlicher Gleichmütigkeit erwähnt.

Der Prozess wird am 11. November 2025 um 13 Uhr in Saal 116 mit weiteren Zeugen fortgesetzt. Möglicherweise fällt an diesem Tag auch das Urteil.

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