Osnabrück Rassismus und verschwundene Leichen im neuen "Tatort: Mike und Nisha"
Ein Mord ohne Leiche und ein Liebespaar auf der Flucht – Der neue „Tatort: Mike und Nisha“ fängt bärenstark an und lässt leider ebenso nach.
Sie sind jung. Sie sind verliebt. Und jetzt werden sie sogar Eltern. Ist ja klar, dass nun auch geheiratet wird. Mike Schaub (Jeremias Meyer) kann es kaum abwarten, diese frohe Botschaft seinen Eltern mitzuteilen. Also macht er sich kurzerhand mit seiner Verlobten Nisha Nevarin (Amina Merai) auf den Weg, um ihnen die zukünftige Schwiegertochter vorzustellen.
Die reagieren aber alles andere als freudig auf die gute Nachricht, was erkennbar nicht am Stress der Urlaubsvorbereitungen liegt, in denen sie gerade stecken. Schon der Empfang erweist sich als extrem unterkühlt. Die Mutter sorgt sich offenbar einfach nur um den „Bub“, weil der plötzlich „ein Mädel mitbringt“. Am Speisetisch beginnt die Situation dann zu eskalieren.
Der Vater überzieht Nisha, deren Mutter damals während der blutigen Islamischen Revolution nach Deutschland geflüchtet ist, mit rassistischen Beleidigungen. Eine Heirat komme auf gar keinen Fall infrage. Und Nisha solle selbstverständlich auf der Stelle abtreiben. Dann wird es handgreiflich. Und kurz darauf liegen die Eltern blutüberströmt und mausetot am Boden.
Regisseur Didi Danquart gelingt nach dem Drehbuch von Annette Lober ein erstklassiger Einstieg in den neuen Odenthal-„Tatort: Mike und Nisha“. Der lässt sich fast eine halbe Stunde Zeit für eine einführende Charakter- und Sozialstudie rund um die beiden Hauptfiguren und die trügerische Vorstadt-Idylle, in der das Drama seinen Lauf nimmt.
Nachbar Erwin (Wolf Bachofner), ruppiger Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker, lauscht mit seinem Richtmikrofon neugierig dem lautstarken Streit im Haus der Familie Schaub. Gerlinde Wagner (Anna Stieblich), die labile Alkoholikerin im Haus auf der anderen Seite, ruft indessen die Polizei. Die lässt sich Zeit. Familienstreit? Och nö, kann warten. Und als Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) endlich mit ihrer Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) die Ermittlungen aufnimmt, ist es längst zu spät. Die Eltern von Mike und Nisha sind spurlos verschwunden. Angeblich im Urlaub. Deren Handy? Ausgeschaltet. Wenn es ein Mord war, wo um alles in der Welt sind dann die Leichen?
Aus unerklärlichen Gründen beginnt dieser „Tatort“ mit der Aufnahme der Ermittlungsarbeit zu schwächeln. Was angesichts des wirklich starken Einstiegs umso deutlicher auffällt. Richtig stark bleibt dieser Krimi eigentlich immer nur dann, wenn sich die tragischen Titelhelden Mike und Nisha immer tiefer ins Verderben reiten. Die beiden Episodenhauptdarsteller Meyer und Merai erweisen sich als Idealbesetzung und überzeugen von der ersten bis zur letzten Einstellung. Folkerts bleibt hingegen ziemlich blass zurück, was allerdings auch dem Drehbuch geschuldet ist.
Interessant erscheint hier die Weiterentwicklung der beiden neueren Kollegen Mara Hermann (Davina Chanel Fox) und Nico Langenkamp (Johannes Scheidweiler). Diesmal darf vor allen Dingen Scheidweiler als schlonziger Assistenz-Anwärter Langenkamp mit Polizei-Kantinenausweis als Dienstausweis-Ersatz punkten. Sollte sich die dienstälteste „Tatort“-Kommissardarstellerin Folkerts jemals von ihrer Rolle trennen, dann wäre das Trio Bitter, Fox und Langenkamp eine ideale Besetzung für künftige „Tatort“-Krimis aus Ludwigshafen am Rhein.
Leider stellt die Episode um „Mike und Nisha“ für eine tragikomisch gemeinte, allerdings auch unnötige Pointe am Ende die eigene Glaubwürdigkeit infrage. Was sich da plötzlich für Zufälle im Personengeflecht tummeln, ist unterm Strich einfach nicht mehr Ernst zu nehmen. Das Finale mit einer groben Anspielung an einen Hollywood-Klassiker macht dann endgültig alles kaputt. Wirklich schade.
„Tatort: Mike und Nisha“. Sonntag, 09. November, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek.