Hamburg  Waghalsige Rennradfahrer und Mittelfinger: Das erleben Landwirte auf unseren Straßen

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 05.11.2025 06:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Manchmal wird‘s knapp! Landwirte wie Christian May berichten, was sie auf der Landstraße alles erleben. Foto: Ankea Janßen
Manchmal wird‘s knapp! Landwirte wie Christian May berichten, was sie auf der Landstraße alles erleben. Foto: Ankea Janßen
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Auf Deutschlands Landstraßen wird es eng: Trecker, Lkws, Radfahrer, Motorräder und Autos teilen sich oft nur eine Spur. Zwei Landwirte aus Norddeutschland erzählen, wie sie diesen täglichen Verkehrsmix meistern, welche Konflikte aufflammen – und warum Geduld die einzige Lösung ist.

Landwirtschaft und Straßenverkehr – zwei Welten, die sich täglich begegnen. Um zu ihren Feldern zu gelangen, sind Landwirte täglich mit schwerem Gerät auf Landstraßen unterwegs. Zwei von ihnen schildern, wie sie mit Konflikten auf engen Landstraßen umgehen, den täglichen Balanceakt zwischen Acker und Asphalt erleben und weshalb Verständnis auf beiden Seiten gefragt ist.

Thomas Schröder (46) aus Quickborn (Kreis Pinneberg), betreibt auf dem Hof Bilsener Wohld einen Betrieb mit Rinderzucht, Futterbau und einer Biogasanlage.

„Mit meinen Traktoren bin ich im Schnitt mit 40 Kilometer pro Stunde unterwegs. Viele wundern sich, dass schon 16-Jährige große Maschinen mit 40 Tonnen fahren dürfen. Aber die meisten wachsen damit auf – so war es auch bei mir. Erst saß ich als Beifahrer neben meinem Vater, später durfte ich auf dem Feld und schließlich mit der gültigen Fahrerlaubnis auch auf der Straße fahren. Den Umgang mit den Fahrzeugen lernen wir Landwirte von klein auf.

Seit der Corona-Zeit habe ich das Gefühl, dass immer mehr Verkehrsteilnehmer keine Geduld mehr haben. Viele sind gestresst, gestikulieren wild, manchmal wird auch der Mittelfinger gezeigt. In solchen Momenten wünsche ich mir manchmal einen Beifahrer, der das Kennzeichen notiert, damit ich das zur Anzeige bringen kann, aber im Alltag bleibt dafür keine Zeit.

Was viele nicht wissen: In unseren landwirtschaftlichen Fahrzeugen haben wir keinen Rundumblick. Wenn kein Augenkontakt möglich ist, sollte man lieber kurz anhalten und Rücksicht nehmen. Das gilt auch für die Autofahrer hinter dem Trecker: Besonders heikel wird es beim Linksabbiegen. Ich setze den Blinker, schaue in den Spiegel und hoffe, dass die Autofahrer nicht einfach überholen.

Es stimmt: Unsere Fahrzeuge sind größer geworden und passen kaum noch zu den engen Landstraßen. Aber dieser Fortschritt ist nötig, um bodenschonend zu arbeiten und die Ernte effizienter einzubringen.

Ich wünsche mir mehr Verständnis für unsere Arbeit. Wir fahren nicht aus Jux und Dollerei über die Straßen – wir brauchen sie, um zu den Feldern zu gelangen und Lebensmittel zu produzieren.

Entscheidend ist am Ende immer der Mensch hinter dem Steuer – seine Stimmung, seine Geduld, sein Respekt. Davon hängt ab, ob Begegnungen im Verkehr ruhig bleiben oder eskalieren.“

Christian May (33) aus Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg) führt mit seinem Bruder das Lohnunternehmen May mit angegliederter Landwirtschaft in dritter Generation:

„Auf unserem Hof stehen rund 20 Traktoren, vier Feldhäcksler, sieben Mähdrescher und etwa 20 Anhänger. Mit diesen Maschinen sind wir für unsere Kunden von der Elbmarsch bis Fehmarn unterwegs – meist mit 20 bis 40 Kilometern pro Stunde.

Auf den vielen Fahrten erlebt man einiges. Autofahrer wollen so schnell wie möglich vorbei, Mitarbeiter aus der Logistikbranche haben Termindruck und immer mehr Menschen starren während der Fahrt aufs Handy. Von meiner erhöhten Position sehe ich das genau. Einmal wurden einem unserer Traktoren die Spiegel abgefahren, weil der Autofahrer aufs Smartphone statt auf die Straße schaute.

Auch schwere Unfälle passieren. Einem unserer Mitarbeiter fuhr beim Linksabbiegen ein Wagen direkt in den Tank. Der Schaden belief sich auf 36.000 Euro. Zum Glück waren wir gut versichert.

Unsere Mähdrescher und Häcksler wirken mit ihren 3,50 Metern Breite imposant, aber sie sind selbstverständlich zugelassen. Wir halten uns an die Straßenverkehrsordnung, alle Fahrzeuge müssen regelmäßig zum TÜV, und der bürokratische Aufwand ist groß. Bevor ich vom Hof fahre, prüfe ich Licht, Blinker, Spiegel und Scheiben – das verlange ich auch von meinen Mitarbeitern und Auszubildenden. Sicherheit steht an erster Stelle.

Was viele vergessen: Ohne Landwirte wäre die Versorgung schnell in Gefahr. Wenn wir nicht unterwegs wären, gäbe es keine Butter, kein Brot, keine Milch im Regal. Ich wünsche mir, dass das mehr Menschen bewusst ist. Wir fahren nicht zum Spaß über die Straßen – wir ernähren die Bevölkerung.

Manchmal fehlt es auch an Wertschätzung. Immer wieder sehe ich Eltern, die ihren Kindern Zeichen geben, sich Nase und Ohren zuzuhalten, wenn wir vorbeifahren. Dabei fahren wir nicht mal Gülle. Das verletzt, denn es vermittelt: Der Bauer ist laut und stinkt. Dabei sollten gerade Kinder lernen, woher ihre Lebensmittel kommen. In den meisten Fällen freuen sich Kinder sehr, wenn sie uns mit Treckern und Mähdreschern sehen und ich drücke dann auch mal extra für sie auf die Hupe.

Trotz Konflikten versuche ich ruhig zu bleiben. Die meisten schimpfen, hupen oder zeigen den Stinkefinger, doch zum Glück bleibt es bei Gesten. Es gibt aber auch viele positive Begegnungen: Autofahrer, die zur Seite fahren oder mit der Lichthupe signalisieren, dass man vorbeikann. Ist es mir möglich, versuche auch ich Platz zu machen, indem ich selbst mal an einer Bushaltestelle oder Parkbucht anhalte, wenn sich der Verkehr hinter mir staut. Das ist aber nicht immer möglich, denn Zeit und Wetter sitzen uns Bauern im Nacken.

Besonders kritisch erlebe ich Motorrad- und Rennradfahrer. Viele überholen riskant, wollen ihre Maschinen ausfahren oder fahren mittig auf der Fahrbahn, sodass ein sicheres Vorbeikommen kaum möglich ist. Manchmal hängen sich Radfahrer sogar in den Windschatten – dann sehe ich sie im Rückspiegel nicht mehr. Das ist brandgefährlich.“

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