Osnabrück Porsche-Produktion in Osnabrück: Eine On-Off-Beziehung geht zu Ende
Porsche und der Automobilstandort Osnabrück: Das ist eine On-Off-Beziehung, die bis zur Karmann-Zeit zurückreicht. Nun sind die letzten Fahrzeuge im VW-Werk im Fledder vom Band gerollt. Ein Blick zurück – und auf eine mögliche Ergänzung der Fahrzeugsammlung in Osnabrück.
Für die Beschäftigten ist ein Porsche auf dem Osnabrücker Produktionsband immer noch etwas Besonderes. „Jeder, der ein bisschen Benzin im Blut hat, kann das, glaube ich, nachvollziehen. Das sind schon einzigartige Fahrzeuge“, sagt Jens Gerber, stellvertretend für das Osnabrücker Porsche-Team. Gerber war Projektleiter für den nun abgeschossenen Bau der Porsche Boxster und Cayman in Osnabrück. Es sei schon sehr viel Wehmut dabei gewesen, als jetzt das letzte Fahrzeug das Produktionsband im Fledder verlassen habe, sagt er.
Seit Anfang 2023 lief das nunmehr letzte Projekt des Sportwagenherstellers aus Zuffenhausen in Osnabrück. Weniger als ein Jahr benötigte das Projektteam aus Osnabrückern und Zuffenhausenern, um vom Projektentscheid bis zum Start der Produktion (SOP) die ersten Kunden-Fahrzeuge in Osnabrück zu bauen. „Das war eine tolle Teamleistung in Rekordzeit, bei der alle mit angepackt haben“, erzählt Gerber nicht ohne Stolz. Bis Mitte Oktober wurden die 982er Boxster und Cayman gebaut – allerdings in 16 Modellvarianten vom Klassiker bis zu straßentauglichen Rennmodellen. Gerade letztere waren für Gerber ein Highlight.
Aber auch reine Rennsportfahrzeuge ohne Straßenzulassung, sogenannte Clubsport-Modelle, wurden in Osnabrück produziert. „Und das auf derselben Produktionslinie wie die anderen 15 Modellvarianten von Boxster und Cayman. Das sei sehr ungewöhnlich“, erzählt Gerber. Solche Fahrzeuge hätten wenig mit den Serienfahrzeugen zu tun. Denn bei der Montage würden sehr viele spezifische Rennsportteile in die Fahrzeuge eingebaut und das mit bereits eingeschweißtem Überrollkäfig, der die Zugänglichkeit sehr einschränke.
Bei Porsche ist man voll des Lobes für die Mannschaft am Standort Osnabrück. „Auf das Werk Osnabrück war immer Verlass: Mit hoher Fachkompetenz und Qualität, wenn es darum ging, einen komplexen Anlauf mit verschiedenen Modellen und Derivaten zu meistern“, sagt Albrecht Reimold, Vorstand Produktion und Logistik der Porsche AG. Und auch Christiane Engel, seit 2023 Sprecherin der Geschäftsführung der Volkswagen Osnabrück GmbH, ist stolz auf den Standort. „Osnabrück war nie nur Montage. Hier entstehen Lösungen, wenn andere an Grenzen stoßen – bei anspruchsvollen Derivaten, neuen Technologien oder individuellen Anforderungen. Das Projekt mit Porsche hat gezeigt, wie flexibel und lernfähig wir sind – und wie viel Erfahrung und Sorgfalt in dieser Mannschaft stecken.“
Erfahrung, die weit zurückreicht. In der Automobilsammlung am Standort steht das feuerrote 356B Hardtop-Coupé, mit dem 1961 alles begann. Damit haben die Sportwagen mehr als die Hälfte der knapp 125-jährigen Automobilstandort-Geschichte in Osnabrück begleitet.
Wie es dazu kam, hat auch eine persönliche Komponente: Ferry Porsche, Sohn und Nachfolger von Porsche-Gründer Ferdinand Porsche, habe höchstselbst mit Wilhelm Karmann die Fertigung von Porsche-Fahrzeugen in Osnabrück beschlossen, heißt es auf der Erläuterungstafel der Automobilsammlung am „ersten“ Porsche-Fahrzeug aus Osnabrück. Die beiden Männer seien befreundet gewesen und hätten sich gegenseitig Unterstützung zugesichert.
„Ungefähr 1700 dieser Fahrzeuge sind hier gebaut worden“, weiß Marcel Leifer. Er verantwortet die Automobilsammlung und ist damit Herr über die alten Schätze der Osnabrücker Automobilgeschichte. „Das ist eigentlich eine Cabrio-Karosserie, wo man ein Hardtop fest mit der Karosserie verbunden hat.“ Nur knapp zwei Jahre, von 1961 bis 1962, wurde das Coupé gebaut.
Der ab 1965 aufgelegten Porsche 912, der „Einstiegs-Porsche“, wurde bis Ende Juli 1969 nur bei Karmann gebaut. „Die Besonderheit ist, dass es den nur mit einem Vier-Zylinder-Motor gab“, weiß Leifer.
Und auch beim ikonischen 911er hatten die Osnabrücker ihre Hände im Spiel. „Wir haben Teile der Produktion begleitet, um die hohe Modell-Nachfrage abzufedern“, erzählt Leifer. Das heißt konkret: Karosserien wurden „in beachtlicher Stückzahl“ nach Stuttgart geschickt, wo die Endmontage mit Fahrwerk und Motor stattfand. Insgesamt lieferte Karmann zwischen 1967 und 1971 221.778 solcher Einheiten (911 und 912) nach Stuttgart.
Und so schrieb sich die Porsche-Geschichte stetig fort: Vom 914er, dem „Vo-Po“ oder auch „Volksporsche“ wurden rund 125.000 Fahrzeuge in Osnabrück gefertigt. „Das Besondere ist hier der Mittelmotor. Er sorgt für besonders gute Fahreigenschaften“, erklärt Leifer. Und: Der Zweisitzer hat – anders als die vorherigen Modelle – einen Mittelmotor. Die Produktion der anfänglich 80 bis 100 PS starken Vierzylinder-Modelle findet ausschließlich bei Karmann statt. „Die Sechszylinder-Modelle hat Porsche selbst montiert. Von ihnen haben wir die Karosserien teilmontiert angeliefert“, so der Experte für die Automobilsammlung.
Auch das frühere Karmann-Werk in Rheine hat vom Porsche profitiert und den Karosseriebau für den Porsche 968 übernommen.
Es sind diese „alten“ Porsche, die für Jens Gerber die „schöneren“ Modelle sind. Am Standort Osnabrück hat er nicht nur das letzte Projekt begleitet, sondern acht Jahre als Leiter des Karosseriebaus auch vorherige. Denn: Seit der Übernahme von Karmann durch Volkswagen im Jahr 2010 hat das Werk auch weiterhin für die Zuffenhausener gefertigt.
„Neben dem Käfer wurde ab Anfang 2012 auch der 981 Boxster gebaut“, erinnert sich Gerber. 2013 kam der 981 Cayman hinzu, gefolgt von dessen Nachfolger ab 2017. „Den Cayman S gab es am Anfang erst ohne Automatikgetriebe. Vielleicht wäre er sonst auf der Rennstrecke schneller gewesen als der 911“, erzählt Leifer mit einem Augenzwinkern. Kurzfristig wurde auch der Cayenne in Osnabrück montiert.
Es gab jedoch auch kurze Phase ohne Porsche, in 2019 beispielsweise, als der Cayman erst zurück nach Zuffenhausen ging und dann wiederkam. Und auch in der Coronazeit wurde kein Porsche gebaut. Bis die 982er Boxster und Cayman schließlich 2023 zurückkehrten.
Mehr als 700 Leiharbeiter wurden in mehreren Etappen für den Porsche-Auftrag eingestellt. „Sie zu qualifizieren war eine große Herausforderung – zumal sie in vielen Bereichen des Unternehmens eingesetzt wurden, vor allem in der Produktion“, blickt Gerber zurück. Der Fertigungsauftrag war von Beginn an befristet und hatte ein festes Enddatum. „Unsere Personalabteilung hat deshalb darauf geachtet, nur Mitarbeiter einzustellen, die dafür keine feste Stelle aufgeben mussten“, sagt Gerber. „Wir haben gezielt bei Unternehmen in der Region geworben, bei denen zur gleichen Zeit Arbeitsplätze weggefallen sind.“
Christiane Engel lobt ihre Mannschaft: „Was mich beeindruckt, ist der Zusammenhalt hier. Die Mannschaft hat Außergewöhnliches geleistet – neue Prozesse aufgebaut, höchste Anforderungen erfüllt und dabei immer als Einheit gehandelt“, sagt sie. Alle würden an einem Strang ziehen und dranbleiben, bis das Ergebnis stimme. „Genau dieser Teamgeist macht Osnabrück aus.“
Denn trotz der detailliert geplanten Produktionsabläufe war die Fertigung kein Selbstläufer. Vor allem die große Modellvielfalt brachte eine enorme Varianz mit sich. Zusätzlich wurden zwei Außenlager in Melle und Rieste betrieben. Grund war die Parallelfertigung des T-Roc Cabriolets und des Arteon Shooting Brake, der zwischenzeitlich nicht nur in Emden, sondern auch in Osnabrück montiert wurde. Dafür wurden mehr Lagerflächen für Bauteile benötigt, die dann über die Entfernung hinweg punktgenau zur richtigen Zeit ans Band gebracht werden mussten.
Nun ist die Ära Porsche in Osnabrück zu Ende. Der Auftrag, künftig auch einen Elektro-Porsche in Osnabrück zu bauen, hatte sich vor rund einem Jahr zerschlagen. „Es wäre natürlich schön gewesen, wenn die Porsche-Geschichte in Osnabrück noch mehr Kapitel gehabt hätte“, sagt Jens Gerber.
Wobei, so ganz weg sind die Sportwagen noch nicht. Die letzten Fahrzeuge werden in diesen Tagen noch fertiggestellt. Besonderes individuell konfigurierte Fahrzeuge, oft echte Einzelstücke „Bemerkenswert ist, welche Sonderwünsche wir umgesetzt haben: von exklusiven Außendesigns bis hin zu Innenräumen mit hochwertigen, teils außergewöhnlichen Materialien.“
Das gilt auch beim Lack. Während das Straßenbild oft von den klassischen Autofarben weiß, grau und schwarz geprägt ist, ist das bei Porsche anders. Für die Osnabrücker Modelle standen 16 Serienfarbtöne aus der automatisierten Großlackiererei zur Wahl und zusätzlich 116 Sonderfarbtöne, die von Handlackierern individuell aufgetragen wurden.
Zumindest in der Automobilsammlung soll die Porsche-Geschichte weitergeschrieben werden. Denn das allerletzte Kapitel fehlt noch. „Wie es schon immer Usus war, wird auch ein Osnabrücker Porsche-Modell am Standort bleiben. Als Teil der Automobilsammlung – und damit als Teil der 125-jährigen Automobilgeschichte Osnabrücks“, so Gerber.
Was der Fahrzeugproduktion nun bis Spätsommer 2027 bleibt, ist das T-Roc-Cabrio. „Klar ist, dass wir den Wegfall des Porsche-Auftrags spüren werden. Gleichzeitig wissen wir, was wir können – und wir arbeiten gemeinsam an einem tragfähigen Konzept für den Standort“, sagt Christiane Engel. „Ziel ist es, eine nachhaltige Lösung zu finden, die die Interessen des Unternehmens und der Beschäftigten in Einklang bringt.“