Hannover Dürfen Lehrer vor der AfD warnen, Frau Kultusministerin?
Kinder mit Sprachdefiziten später einschulen? Falsch, sagt Kultusministerin Julia Willie Hamburg im Interview – und erklärt, was KI im Klassenzimmer bringt, warum Schüler kein KZ besuchen müssen und warum Oberstufenkurse oft voller sind, als sie selbst es eigentlich vorschreibt.
Frage: Frau Hamburg, im Jahr 2022 startete jedes vierte Kind bereits mit Sprachdefiziten in die Grundschule – und dadurch mit einem großen Nachteil. Woran liegt das?
Antwort: Wir erleben, dass Sprachverzögerungen durch verstärkten Medienkonsum und zu wenig Interaktionen bei Kindern zunehmen. Diese werden häufig schon in Schuleingangsuntersuchungen etwa ein Jahr vor der Einschulung festgestellt. Wir fördern diese Kinder dann in der Kita und in der Schule. Ich sehe aber auch die Erziehungsberechtigten in der Verantwortung und kann deshalb nur motivieren: Sprechen Sie mit Ihren Kindern, lesen Sie ihnen vor! Das hilft für eine gesunde Sprachentwicklung und die brauchen Kinder, bevor sie in die Schule kommen.
Frage: Endet die Chancengleichheit also schon in der ersten Klasse?
Antwort: Bildungsungleichheit beginnt oft schon vor Schuleintritt. Wir können feststellen: Kinder, die eine Kita besucht haben, sind meist besser vorbereitet auf die Schule. Deshalb müssen wir ab dem ersten Tag in der Schule ausgleichen und manche besonders fördern. Besser aber schon vorher. Damit Bildungserfolg zukünftig weniger von der sozialen Herkunft abhängt, nehmen wir in der Landesregierung die frühkindliche Bildung besonders in den Blick.
Frage: Vor der Einschulung gibt es zwar verpflichtende Sprachtests, die sind aber nicht einheitlich. Die CDU will Kinder, die den Test nicht bestehen, ein Jahr später einschulen. Klingt doch vernünftig?
Antwort: Die betroffenen Kinder kommen ja selten aus bildungsaffinen Elternhäusern. Und wenn man die Kinder mit Sprachdefiziten noch ein Jahr zu Hause ließe, lernen sie dort auch nicht mehr. Deshalb wäre es kontraproduktiv, sie auszuschließen oder länger zu Hause zu lassen. Sie lernen dann eher durch Sprachvorbilder und Freunde in der Schule. Stattdessen erhalten die Kinder im Jahr vor der Einschulung eine gezielte Förderung und gegebenenfalls dann auch im ersten Schuljahr gezielte Förderung. Wir kümmern uns also um sie.
Frage: Lehrer kümmern sich um sie. Und mindert das nicht die Qualität des Unterrichts für die anderen Kinder?
Antwort: Wir haben in Grundschulen ohnehin sehr unterschiedliche Leistungsstände: vom Kind, das kaum einen Stift halten kann, bis zu dem, das schon liest und im Zahlenraum bis 50 rechnet. Die Schulen kennen das und gehen damit professionell um. Außerdem geben wir seit vergangenem Schuljahr zusätzliche Stunden für Deutsch, Mathe und soziales Lernen, um das besser abzufedern. Zugleich zeigen uns die zunehmende Heterogenität in den Schulen, aber auch die Schnelllebigkeit der gesellschaftlichen Entwicklungen, dass es anderer Unterrichtskonzepte bedarf, die die konkrete Situation vor Ort berücksichtigen. Schulen benötigen daher Spielräume und Freiheiten, um Unterricht und Schulleben nach ihren Bedarfen zu gestalten und alle Kinder und Jugendlichen bestmöglich auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen. Deshalb habe ich den Freiräumeprozess initiiert. Damit möchte ich Schulen den Raum geben und sie dabei unterstützen, Neues auszuprobieren und Unterricht und Schulleben nach ihren spezifischen Bedarfen zu gestalten.
Frage: Trotzdem, es gibt fast 100.000 Schüler mehr als prognostiziert und viele niedersächsische Grundschulen sind bereits überlastet. Wer soll die Kinder unterrichten und dabei noch fördern?
Antwort: Wir stellen jedes Jahr mehr Lehrkräfte ein, als den Schuldienst verlassen. Wir haben in Niedersachsen so viele Lehrkräfte wie nie zuvor. Die Betreuungsrelation, also wie viel Zeit eine Lehrkraft pro Schülerin und Schüler hat, verbessert sich kontinuierlich. Dieser Wert sagt viel mehr über die tatsächliche Qualität in Schule aus als der reine Wert der Unterrichtsversorgung. Und dennoch bleiben die Herausforderungen riesig: Bis 2030 werden wir über eine Million Schülerinnen und Schüler haben, fast 100.000 mehr als heute. Deshalb wollen wir auch 2026 wieder zusätzlich 1350 neue Stellen schaffen, um die Unterrichtsversorgung zu stabilisieren.
Frage: Sie bereiten deshalb einen Quereinstiegs-Masterstudiengang vor. Wie unterscheidet er sich vom regulären Lehramtsstudium?
Antwort: Wir wollen Menschen mit Bachelorabschluss, die bereits als Vertretungslehrkräfte arbeiten, eine Rückkehr ins Studium ermöglichen, damit sie sich vollständig qualifizieren können. Man kann dann über einen Master ins Lehramt kommen, selbst wenn die Fächerkombination nicht perfekt passt.
Frage: Beeinträchtigt das nicht die Attraktivität des klassischen Lehramtsstudiums?
Antwort: Nein. Wer sich früh fürs Lehramt entscheidet, hat im Master weniger nachzuholen. Für Quereinsteigende wird der Master dann anspruchsvoller. Wir wollen die Lehrkräfteausbildung nicht vereinfachen, sondern nur flexibler gestalten. So bleibt der Weg offen, auch später noch Lehrkraft zu werden. Auch die Attraktivität des klassischen Studiums mindert dies nicht. Wir erweitern eher die Möglichkeiten in Zeiten des Fachkräftemangels, um in diesen schönen Beruf zu kommen.
Frage: Manche Lehrkräfte fürchten eine Entwertung der Ausbildung durch Quereinsteiger.
Antwort: Der Quereinstiegs-Master senkt die Anforderungen nicht. Und die Quote an Quereinsteigern, die nach dem Referendariat dazukommen, ist sehr niedrig. Die weitaus meisten Quereinsteigenden absolvieren übrigens ein Referendariat und sind damit voll ausgebildete Lehrkräfte. Zu diesem Halbjahr haben wir übrigens bisher 74 Quereinsteigende neu aufgenommen und die leisten gute Arbeit.
Frage: Sie wollen auch ausländische Lehrer anerkennen. Die haben aber oft eine ganz andere Ausbildung. Woher sollen die Lehrer also kommen?
Antwort: Das ist tatsächlich komplex. Innerhalb, aber auch außerhalb Europas gibt es hochwertige Lehramtsausbildungen. Aber in vielen Ländern wird nur ein Fach studiert, nicht zwei wie bei uns. Deshalb bieten wir berufsbegleitende Programme an, um ein zweites Fach nachzuholen. Und die Bewerberinnen und Bewerber müssen Deutsch auf Unterrichtsniveau beherrschen, es gibt bisher aber kaum berufsspezifische Sprachkurse. Das wollen wir ändern.
Frage: Bekommen dann auch Gymnasien mehr Lehrkräfte? Laut einem Runderlass von Ihnen soll ein Oberstufenkurs 18 bis 20 Schüler umfassen. Viele Lehrer berichten aber von deutlich volleren Kursen.
Antwort: Der Richtwert 18 bis 20 gilt, aber es gibt Flexibilität. Schulen erhalten für jede Schülerin und jeden Schüler je nach Fächerstruktur einen gewissen Stundenpool. Wie sie den verteilen, entscheiden sie selbst. Manche Kurse sind deshalb klein und speziell, andere größer. Kleine Schulen haben weniger Lehrkräfte und deshalb weniger Spielraum bei den Oberstufenkursen als große. Deshalb empfehlen wir bei Gesamtschulen eine Mindestzügigkeit, um in der Oberstufe ein breites Angebot zu sichern. Ich möchte aber auch deutlich betonen, dass es nach wie vor die Gymnasien in Niedersachsen sind, die landesweit einen überdurchschnittlichen UV-Wert erreichen.
Frage: Bräuchten wir dann nicht weniger, aber dafür größere Schulen?
Antwort: Das entscheiden die Schulträger vor Ort.
Frage: Aber als Kultusministerin dürfen Sie dazu ja eine Meinung haben.
Antwort: Ich halte Kooperationen für sehr sinnvoll. Einige Schulträger bündeln Oberstufen mehrerer Schulen – das funktioniert gut. Manchmal ist es auch klug, Schulen zusammenzulegen. In der Regel gilt: je größer die Schule, desto mehr Lehrkräfte, desto attraktiver die Angebote, desto größer die Möglichkeiten und die Flexibilität - und auch die Arbeitsteilung im Kollegium. Es gibt aber auch kleine Schulen mit starkem Profil. Entscheidend ist, was vor Ort passt. Das kann man so pauschal nicht sagen.
Frage: Vielleicht kann ja bald auch künstliche Intelligenz die Lehrer entlasten?
Antwort: Das ist schon jetzt möglich. Wir können durch KI beispielsweise Stundenpläne vorstrukturieren, Materialien an Leistungsstände anpassen oder Bewerbungsgespräche simulieren. An berufsbildenden Schulen wird KI bereits für Bewerbungstrainings und Sprachförderung genutzt. Es gibt Apps, die Minitests auswerten und für jedes Kind gezielte Übungsblätter generieren. Das entlastet Lehrkräfte und individualisiert Unterricht.
Frage: Immer mehr Schüler nutzen KI für Hausaufgaben. Ist das ein Problem?
Antwort: Nein, solange sie es transparent machen. Wie beim Zitieren gilt: Geistiges Eigentum muss kenntlich sein. KI ist ein Impulsgeber, ein Werkzeug, kein Ersatz für eigenes Denken.
Frage: Viele Schüler fragen sich: Warum noch lernen, wenn KI alles kann?
Antwort: KI kann uns dabei helfen, effizienter zu arbeiten, komplexe Aufgaben zu lösen und Daten zu verarbeiten. Aber letztendlich bleibt sie immer nur ein Werkzeug, das von uns gesteuert und interpretiert werden muss. Insofern bleibt es unerlässlich, dass Schülerinnen und Schüler lernen müssen, Ergebnisse kritisch zu prüfen und richtig zu prompten. Denn man muss verstehen, was man anwendet. Wer Formeln oder Grammatik nie gelernt hat, kann KI-Ergebnisse nicht beurteilen. Grundlegendes Wissen ist Voraussetzung, um digitale Werkzeuge mündig zu nutzen. Deshalb stellen wir Schulen im Rahmen eines Modellprojekts sichere KI-Umgebungen zur Verfügung.
Frage: Apropos mündig, dürfen Lehrer im Unterricht vor der AfD warnen?
Antwort: Lehrkräfte dürfen Position beziehen, müssen aber die Vielfalt politischer Meinungen darstellen. Wo Aussagen aber gegen Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, müssen sie das klar benennen. Es gibt kein Recht auf eine Meinung, die dem Grundgesetz widerspricht.
Frage: Also ja?
Antwort: *Beamte haben die Pflicht zu widersprechen, wenn Grundrechte angegriffen werden. Lehrkräfte sollen Schülerinnen und Schüler befähigen, zwischen Meinungsfreiheit und Verfassungsfeindlichkeit zu unterscheiden. Wir haben allen Schulen einen Brief geschrieben in meinem Namen, in dem wir noch mal erklären, dass es eine Verpflichtung von Beamten gibt, Dinge richtigzustellen, dass Neutralitätspflicht nicht verfassungsfeindliche Positionen beinhaltet. Die Schulen können dann einfach den Eltern oder Onkels, Tanten, Politikern diesen Brief in die Hand drücken und sagen, ich verhalte mich so, wie meine Chefin das sagt. Damit stärken wir ihnen den Rücken für solche Konflikte.
Frage: Wieso müssen Schüler in Niedersachsen eigentlich nicht verpflichtend eine KZ-Gedenkstätte besuchen?
Antwort: Besuche wirken nur, wenn sie freiwillig und gut vorbereitet sind. Wir fördern Gedenkstättenbesuche über die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, aber es gibt auch viele lokale Orte der Erinnerung. Die Lehrkräfte entscheiden, was für ihre Schülergruppe passt.
*In unserem Interview mit Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg zum Umgang mit der AfD ist uns ein Fehler unterlaufen. Die Ministerin hatte vor rund vier Wochen auf die Frage, ob Lehrer im Unterricht vor der AfD warnen dürfen, geantwortet: „Wo Aussagen aber gegen Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, müssen sie das klar benennen. Es gibt kein Recht auf eine Meinung, die dem Grundgesetz widerspricht.“
Auf die Frage, ob das ein „Ja“ bedeuten würde, war Julia Willie Hamburg mit der Antwort zitiert worden: „Sie müssen sogar.“ Die Ministerin hatte diesen Satz jedoch auf Meinungsäußerungen bezogen, in denen „gegen Menschenwürde oder Demokratie verstoßen“ werde – nicht darauf, dass Lehrer grundsätzlich vor der AfD warnen müssten. Um dieses Missverständnis zu vermeiden, hatte die Kultusministerin die Aussage bei der Autorisierung des Interviews gestrichen. Die Redaktion versäumte es jedoch, diese Streichung vor der Veröffentlichung des Interviews zu übernehmen. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.