London Wo Rauchen noch Stil hat – Hier ging Churchill ein und aus
In Londons Stadtteil St. James’s führt der Laden James J. Fox in eine vergangene Welt: Wo Winston Churchill seine Zigarren wählte, lebt die Kultur des britischen Gentlemans – und mit ihr ein Sinn für Ritual und Haltung – bis heute fort.
Wer den Zigarrenladen James J. Fox durch die schwere Holztür betritt, schreitet in eine andere Zeit. In der Luft schwebt ein würziger, süß-herber Duft. Dunkle Holzregale prägen das Interieur des 1787 gegründeten Geschäfts. Sie sind gefüllt mit Tabakpfeifen und -dosen. Verkäufer in Nadelstreifenanzügen mit sorgfältig gefalteten Einstecktüchern beraten an diesem Vormittag mit ruhiger Selbstverständlichkeit und typischem Upper-Class-Akzent.
Der Laden, der einst Robert Lewis hieß und später mit James J. Fox zusammengeführt wurde, liegt in St. James’ – jenem Viertel unweit des Buckingham-Palasts und Westminster, wo Macht und Stil seit Jahrhunderten eine enge Verbindung eingehen. Es ist Heimat eleganter Einzelhändler, Manufakturen, Kunstgalerien und Antiquitätengeschäfte sowie exklusiver Gentleman-Clubs.
Zwischen dem grünen St. James’s Park und den Prachtstraßen Piccadilly und Pall Mall gelegen, ist das Quartier weniger ein Einkaufsviertel für die Massen als ein Zentrum elitärer britischer Lebensart, das bis heute vorwiegend Männern vorbehalten ist. Hier reihen sich Herrenausstatter, Hutmacher und Parfümerien an Weinhändler und Zigarrenläden – darunter auch James J. Fox.
Die Führung durch den traditionsreichen Laden wurde an diesem Vormittag vom Fotografen Horst A. Friedrichs organisiert. Für den Bildband „Feine Läden – London. Traditionsgeschäfte und Manufakturen“ besuchte er gemeinsam mit dem britischen Autoren Stuart Husband nicht nur James J. Fox, sondern auch 19 weitere erlesene Geschäfte der britischen Millionenmetropole – von urigen Schneidereien bis zu schrulligen Knopfläden.
Auf mehr als 250 Seiten vermittelt das Buch damit einen Einblick hinter die Kulissen von außergewöhnlichen Shops – und nicht wenige davon befinden sich im Viertel St. James’s. Obwohl James J. Fox in erster Linie Zigarren verkauft, sind diese im Verkaufsraum zunächst nicht zu sehen. Stattdessen lagern die edlen Rauchwaren in einem separaten, klimatisierten Bereich im hinteren Teil des Geschäfts bei 18 bis 21 Grad.
Entscheidend sei dabei weniger die Temperatur als vielmehr die Luftfeuchtigkeit, erklärt David Warren, Sprecher des Zigarrenladens, der mit Hemd und Weste vergleichsweise leger gekleidet ist. „Ideal sind Werte zwischen 69 und 72 Prozent.“ Werden Zigarren zu trocken aufbewahrt, verlieren sie Aroma und Qualität, fügt er hinzu, während er die Tür hinter sich sorgfältig schließt.
Helle Regale mit Schubladen, die bis zur Decke reichen, sind prall gefüllt mit Kisten und Schachteln, bestückt mit Zigarren, die auch im Raucherzimmer des Ladens geraucht werden können. Überwiegend offen präsentiert, unterscheiden sie sich in Größe und Farbe, tragen jedoch alle eine Banderole, die ihre Marke verrät: „Wir haben hier tatsächlich so ziemlich jede handgemachte Zigarre – von den berühmten Kubanern bis zu edlen Linien aus Nicaragua, der Dominikanischen Republik und Honduras.“
Die Kundschaft sei so „individuell und unterschiedlich“, dass sich kaum ein typisches Profil zeichnen lasse, so Warren. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton war schon mal da, das darf er verraten, und viele bekannte Entertainer, Sportler, Schauspieler und Adelige.
Ein Blick ins späte 19. Jahrhundert offenbart zudem: Auch der berühmte englische Dramatiker und Essayist Oscar Wilde war Stammgast in dem Laden. Zeitgenossen beschrieben, dass der im Jahr 1854 geborene Literat schon zu seinen Studentenzeiten ständig eine Zigarette in der Hand hielt.
Denn Rauchen gehörte in der britischen Oberschicht im 19. Jahrhundert zum guten Ton. Und wie der Historiker Seth Alexander Thévoz in seinem Buch „Behind Closed Doors: The Secret Life of London’s Private Members’ Clubs“ (im Deutschen: „Hinter verschlossenen Türen: Das geheime Leben der Londoner Privatclubs“) schreibt, wuchs mit der Einführung des Tabaks auch der Wunsch, ihn gemeinsam zu genießen.
„Fast alle Clubs“, so Thévoz, „richteten eigene Rauchzimmer ein“. Sie waren im 19. Jahrhundert oft die Herzstücke der exklusiven Häuser von St. James’s. Hier traf sich die männliche Elite des britischen Empire – Politiker, Offiziere, bekannte Schriftsteller, Industrielle. Es waren Räume der Inszenierung und Selbstvergewisserung. Und: Nicht wenige existieren bis heute. Kleidung spielte dabei laut dem britischen Historiker David Kuchta von der University of New England eine zentrale Rolle.
Der dunkle, maßgeschneiderte Anzug wurde zum sichtbaren Symbol von Disziplin und Seriosität. In den Clubs von St. James’s drückte sich dieses Ideal in allem aus – in der Art, wie man sprach, stand, rauchte oder schwieg. Haltung war für die Männer von damals Pflicht, Emotion ein Risiko.
Wer etwas auf sich hielt, konsumierte, um durch seine edle Erscheinung gerade nicht aufzufallen, so Kuchta. Es ging also um die „Abwesenheit von Zurschaustellung“. So entstand jenes Bild des typisch britischen Gentleman als Inbegriff von Eleganz und Zurückhaltung.
In der Jermyn Street in St. James’s erinnert heute eine Bronzestatue an Beau Brummell, der das Ideal des Gentlemans auf die Spitze trieb und als der erste englische Dandy überhaupt gilt: Er trägt Frack und Stock, blickt selbstbewusst – so, als prüfe er den Stil der Vorübergehenden. Zeitgenossen beschrieben Brummell, einst Offizier und gesellschaftlicher Aufsteiger, der Anfang des 19. Jahrhunderts in der St. James’s Street verkehrte, als schlank, gepflegt, stets in dunklem Gehrock, weißer Weste und makellos gebundener Krawatte.
Eigenen Angaben zufolge benötigte Brummel ganze fünf Stunden, um sich anzuziehen. So zeigte er, dass Männlichkeit nicht naturgegeben war, sondern gemacht, so Kuchta. Auch Oscar Wilde, der Samtjacken, kunstvoll gebundene Halstücher und Nelken im Knopfloch trug, galt als Dandy. In seiner Eleganz lag dabei jedoch auch eine Weichzeichnung des Männlichen, die sich der Eindeutigkeit entzog.
In St. James’s ließen sich die Gentlemen und Dandys ihrer Zeit ihre Anzüge maßschneidern, ihr Rasierwasser mischen und Einstecktücher falten. Hier traf er seinesgleichen in exklusiven Clubs, wo gepflegtes Auftreten und geistreiche Konversation mehr galten als Muskelkraft oder Tatendrang. In dem eleganten Stadtteil fanden die Mächtigen und Intellektuellen ihre vertrauten Adressen. Orte, an denen diskutiert, getrunken und eingekauft wurde.
Zu ihnen zählt auch der Zigarrenladen James J. Fox, wo neben Oscar Wilde wenige Jahre später auch der legendäre englische Kriegspremier Winston Churchill einkaufte. Auch für ihn, der viel Wert auf sein Äußeres legte, war St. James’s eine feste Adresse.
An diesem Vormittag präsentiert Warren im Humidor ein besonderes Stück, das an den berühmtesten Stammgast des Hauses erinnert. Er greift nach einem silbernen Tubus und dreht ihn auf. Vorsichtig zieht er das rundgerollte Rauchwerk heraus. Es handelt sich um eine „Romeo y Julieta Churchill“, das klassische Format der Marke, benannt nach dem Mann, der sie berühmt gemacht hat. Es war seine Lieblingszigarre. Sie liegt schwer in der Hand. „Sieben Zoll lang, Ringmaß 47 – das ist typischerweise eine 90‑Minuten‑Zigarre“, sagt Warren.
Auf unzähligen historischen Fotografien ist der frühere Premierminister damit zu sehen – vor dem Kabinett in der Downing Street Nummer 10 oder beim berühmten Victory-Zeichen. Churchill machte die Zigarre, wie die Historikerin Franziska Augstein in „Winston Churchill. Biografie“ schreibt, „Pressephotos und Karikaturen stets im Blick, zu seinem Markenzeichen“. Sie wurde zum sichtbaren Symbol jener Haltung, die Gelassenheit und Autorität zugleich ausstrahlen sollte, sie „ließ ihn souverän wirken“, so Augstein weiter.
War Churchills Leben vor dem Zweiten Weltkrieg privat und beruflich von Brüchen und Rückschlägen geprägt, wurde er nach dem Krieg zur Heldenfigur stilisiert. Er stand für jene Tugenden, die das Durchhalten seines Landes in den 1940er-Jahren möglich gemacht hatten: Beständigkeit und Verlässlichkeit, betonen Experten. Auch im Auftreten verkörperte er den britischen Gentleman – mit seinem Stock und den maßgeschneiderten Anzügen und den stets sorgsam gebundenen Fliegen aus der Savile Row, jener Londoner Straße, in der seit dem 19. Jahrhundert die renommiertesten Herrenschneider ansässig sind.
Auch bei JJ Fox, wie Kunden den Zigarrenladen nennen, wird der Mythos um Churchill sichtbar. Unter dem Zigarrengeschäft befindet sich das kleine Freddie-Fox-Museum, benannt nach einem früheren Inhaber des Hauses. In dem schmalen Raum voller Vitrinen und Erinnerungsstücke steht in einer Ecke ein schlichter, dunkler Ledersessel, der längst zum stillen Star der Ausstellung geworden ist. Er soll einst im Verkaufsraum gestanden haben – genau dort, wo Churchill regelmäßig seine Zigarren auswählte.
Heute dürfen Besucher darauf Platz nehmen. Im Laufe der Jahrzehnte hat er sichtbar gelitten, das braune Leder ist teilweise zerschlissen. „Hoffentlich können wir ihn wieder instandsetzen, damit er noch eine weitere Generation übersteht“, sagt Warren. Wer sich weiter umsieht, stößt auf eine Vitrine, die ganz dem berühmtesten Stammkunden gewidmet ist. Churchill blickt einem dort gleich mehrfach entgegen: als karikaturhafte Bronzefigur, als kleine Büste mit entschlossener Miene. Dazwischen finden sich eine Originalbox „Romeo y Julieta“ und ein schwarzer Bowler-Hut.
Auf einem Holzblock mit Union Jack ist ein berühmtes Zitate eingraviert, dass dem früheren Premier zugeschrieben wird: „Ich trinke viel, ich schlafe wenig, und ich rauche eine Zigarre nach der anderen. Deshalb bin ich zu zweihundert Prozent in Form.“ Der Satz ist, typisch britisch, von Selbstironie und trockenem Humor geprägt. Churchill inszenierte damit auf eine ironische Art und Weise Stärke und Disziplin – selbst im Umgang mit seinen Lastern.
Zu den zentralen Ausstellungsstücken des Ladens gehört auch das sogenannte Ledger, ein großformatiges, in Leder gebundenes Kundenbuch. „Darin haben wir alle seine Zigarrenkäufe über Jahrzehnte hinweg festgehalten“, erklärt Warren. Während Churchills Käufe sorgfältig dokumentiert sind, rankt sich um Oscar Wilde eine hartnäckige Anekdote: Dieser soll dem Laden nach seinem Tod Schulden hinterlassen haben.
Doch dieses Gerücht gehört ins Reich der Legenden. Warren stellt klar: „Es war alles geregelt. Die Schulden waren längst bezahlt.“ Wilde hatte also – anders als oft behauptet – alle Rechnungen beglichen, lange bevor sich nach seinem Tod im Jahr 1900 Mythen um einen der berühmtesten englischen Dandys seiner Zeit zu verdichten begannen.