Osnabrück Die Schrecken der Schönheit: Warum Zürich die Sammlung Bührle ziehen lassen sollte
Was wird aus der Sammlung Bührle? Das weltberühmte und umstrittene Kunstkonvolut könnte Zürich verlassen. Ich finde, dass das nicht die schlechteste Lösung wäre. Was spricht für den Abgang?
„Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“: So leitet Rainer Maria Rilke seine erste Duineser Elegie ein. Die Schönheit, ausgerechnet sie, soll mit dem Schrecken in Verbindung stehen, ja sein Vorbote sein? Die oft zitierte Dichterzeile kippt ihren Leser aus mehr als einer Gewissheit. Sollten nicht das Wahre, Gute und Schöne in unverbrüchlichem Bunde stehen?
Wer die Gemälde der Schweizer Sammlung Bührle betrachtet, scheint in diese Trias der antiken Klassiker wie in einen heiligen Hain der Kultur eingetreten zu sein. Schade nur, dass der Sammler, der 1956 verstorbene Emil Bührle, ein Waffenfabrikant gewesen ist, der die Armee Chiang Kaischeks ebenso belieferte wie die Nationalsozialisten und später die US-Armee, um diese drei Positionen aus der umfangreichen Kundenliste willkürlich herauszugreifen.
Bührle war ein Hersteller und Händler, der letztlich den Tod weltumspannend munitionierte und ganz neben bei noch seine Produktion von Zwangsarbeitern am Laufen halten ließ. Wie hat er es nur fertiggebracht, so skrupellos zu sein und nebenher, Bilder von Auguste Renoir oder Vincent van Gogh mit Verstand und Zartgefühl für seine Sammlung auszusuchen? Man möchte einen Fachmann für Schizophrenie befragen.
Ja, es ist ein Hochgenuss an den Bildern der Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich entlang zu flanieren und ein Meisterwerk nach dem anderen anschauen zu dürfen. So müsste es doch aussehen, das schöne Leben, oder? Nein, leider nicht, denn gerade die Bilder dieser Kollektion bereiten einem Genuss und Qual in einem, weil sie den Betrachter mit einer unumgehbaren Frage konfrontieren: Wie kann ich das Schöne genießen, wenn es mit solchen Schrecken wie im Fall Emil Bührle kontaminiert ist?
In Zürich fand ich die Bilder nun in einen Kokon aus Statements und Erläuterungen eingesponnen. Die Kunst und der Diskurs: Was sonst eine bloße Denkfigur ist, ist in Zürich zu besichtigen. Dokumente zu Bührles Praktiken, Statements von Kunstexperten, Bewertungen von Kuratoren – in Zürich, in der ganzen Kunstwelt tobt seit Jahren der Streit über die Frage, wie mit diesem Kunstkonvolut angemessen umzugehen sei.
Ich halte nicht viel davon, Kunst auf Moral zu reduzieren. Kunst folgt ihren eigenen Gesetzen. Künstler waren und sind nicht immer die freundlichsten Menschen. Ästhetik ist nicht auf Ethik zu reduzieren. Wer es dennoch macht, der biegt die Kunst zur bloßen Proklamation um. Auch das ist ein Schrecken.
Aber ist die Bührle-Sammlung in Zürich im Ernst zu retten? Nein, sagen viele Experten. Die Verwalter der Bührle-Stiftung haben jetzt offenbar genug von der anhaltenden Debatte. Vor wenigen Tagen haben sie die Satzung ihrer Stiftung geändert. Die Kollektion soll weiter öffentlich gezeigt werden, aber nicht mehr zwingend in Zürich. Wird da gar nicht so heimlich ein Abgang eingeleitet? Ich denke schon.
Zürich könnte die weltberühmte und weltberüchtigte Sammlung in einigen Jahren los sein. Ich höre jetzt schon das allgemeine Aufatmen, auch bei jenen Offiziellen, die noch zu diesem Kunstschatz halten. Wer aber wird eine derart vergiftete Gabe einst einmal annehmen und im eigenen Haus beherbergen wollen? Ich bin gespannt. Und finde, dass Zürich Bührle ziehen lassen sollte. Wenn der Schrecken die Schönheit überwiegt, ist es an der Zeit, die Reißleine zu ziehen – so schön die Bilder auch sein mögen.