Neue Orthopädin in Wittmund Eine Frau mit Knochenjob
Dr. Solveig Lerch kennt sich mit Gelenken, Muskeln und Sehnen aus. Sie ist auf Hüfterkrankungen spezialisiert. Im Ärztehaus am Krankenhaus Wittmund bietet sie etwas für Ostfriesland Einzigartiges.
Wittmund - Kaum jemand kennt den menschlichen Bewegungsapparat so gut wie Dr. Solveig Lerch. „Ich beschäftige mich mit allen Gelenken des Körpers, aber auch mit den Muskeln und Sehnen“, erklärt sie ihre Profession. Lerch ist Orthopädin und spezialisiert auf Hüfterkrankungen. Seit Mitte August 2025 können Patienten sie im Ärztehaus Wittmund aufsuchen. Sie verstärkt damit das Angebot des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) am Krankenhaus. Was Lerch Patienten ermöglicht, ist in dieser Form einmalig in Ostfriesland. „Nur wenige Häuser können das gesamte Spektrum Hüfte anbieten.“ Selbst an Unikliniken sei dies kein Standard.
Hüftarthroskopische Operationen sind somit ein regionales Alleinstellungsmerkmal. Die 44 Jahre alte Orthopädin behandelt Patienten in ihrer eigenen, modernen Praxis unter örtlicher Betäubung im MVZ – aufwendigere Operationen aber führt die Fachärztin im angegliederten Krankenhaus durch. Die nächste Operationsmöglichkeit aus ostfriesischer Sicht ist in Laatzen bei Hannover. Das Haus gehört zum Verbund Klinikum Region Hannover. Dort hat Lerch selbst jahrelang gearbeitet – und bereits Patienten aus der Region behandelt, erinnert sie sich.
Hüftarthroskopie statt künstlicher Hüfte
An ihrem Beruf begeistert Lerch das Handwerkliche: „Medizin ist der einzige akademische Handwerksberuf“, sagt sie. „Ich wollte etwas mit den Händen machen. Keinen Bürojob.“ Und doch ist es eine Form der wissenschaftlichen Arbeit, unterstreicht sie. Dr. Solveig Lerch hat an der Medizinischen Hochschule Hannover studiert. 2007 begann sie ihre Facharztausbildung an den Mittelweser-Kliniken in Nienburg. Seit 2014 ist sie Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. 2024 wurde der Sportmedizinerin von ihrer Uni zudem der Titel Privatdozentin verliehen.
Sie genieße die ehrenamtliche Arbeit mit den Studierenden in Hannover: „Man lernt selber dazu.“ Davon profitieren nicht zuletzt ihre Patienten in der Praxis. „So bleibt man auch immer am Puls der Zeit.“ Vieles, was für ihre tägliche Arbeit entscheidend ist, beruht auf vergleichsweise neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Hüfterkrankungen und Fehlformen führen im fortgeschrittenen Alter zu Problemen für den Patienten. Im Ergebnis führte das früher für viele Betroffene irgendwann zwangsläufig zu einer künstlichen Hüfte, einer sogenannten Hüftprothese. Werden Erkrankungen oder Verformungen wie das Impingement, das das Gelenk vorzeitig verschleißen lassen, aber früh genug erkannt und beispielsweise durch eine Hüftarthroskopie behoben, können solch massive Eingriffe mittlerweile verhindert werden.
Klassische Krankheitsbilder vs. neue Erkenntnisse
Längst nicht jeder niedergelassene Arzt sei jedoch damit vertraut. „Es werden eher die klassischen Krankheitsbilder gelehrt“, weiß sie aus eigenen Erfahrungen. Solveig Lerch hat allerdings selbst in diesem Feld geforscht. Im Jahr 2013 wurde sie dafür mit dem Klinikum-Region-Hannover-Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Seitens der Klinik hieß es dazu: „Die Ärztin wird für Untersuchungen und Veröffentlichungen zur Ultraschall-Diagnostik einer speziellen Form des Enge-Syndroms der Hüfte und der Schulter-Arthrodese (operative Gelenkversteifung) ausgezeichnet, mit denen sie große Aufmerksamkeit in internationalen Fachkreisen erlangt hat.“
Lerch war als Oberärztin in Laatzen tätig, bevor sie zuletzt etwa zweieinhalb Jahre lang in Jever praktizierte. Auch währenddessen operierte sie bereits am Wittmunder Krankenhaus. Mit dem kompletten Wechsel nach Wittmund folgt sie ihrem Mann Prof. Dr. Matthias Lerch. Der zertifizierte Fuß- und Sprunggelenkchirurg ist Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Wittmund. Das Paar hat zwei Kinder im Alter von 10 und 13 Jahren.
Versorgung in Wittmund – teils einmalig in der Region
Klinik-Geschäftsführer Stephan Rogosik freut sich über den Neuzugang im Ärztehaus. Die neue Praxis sei die perfekte Ergänzung für das Gesundheitszentrum und zum stationären Angebot des Krankenhauses, sagt er gegenüber der Redaktion. 2003 wurde das Ärztehaus eröffnet und 2010 durch einen Anbau erweitert. Der Vorteil der Wittmunder Klinik sind die kurzen Wege: Alles auf dem Campus ist fußläufig erreichbar und gut verzahnt. Der Krankenhaustrakt wird gerade erweitert.
Ein breites Spektrum niedergelassener Ärzte und die neben Lerch weiteren im MVZ angestellten Ärzte in den Fachbereichen Chirurgie und Gefäßchirurgie, Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Innere Medizin befinden sich in direkter Nachbarschaft zum Krankenhaus, einer Apotheke und einem Sanitätshaus. Insgesamt sechs Praxen betreibt das MVZ. Letzteres soll die ambulante fachärztliche Versorgung sicherstellen. Trotz geballter medizinischer Kompetenz gibt es aber auch hier Engpässe: So scheitert seit Jahren der Versuch, wieder eine HNO-Versorgung nach Wittmund zu holen. Die Psychotherapie ist unterbesetzt und Hausärzte fehlen überall, nicht nur in Ostfriesland. Rogosik: „Gerade Allgemeinmediziner würden die Notaufnahme weiter entlasten.“
Das Krankenhaus Wittmund sei ein Flächenversorger, erläutert der 50 Jahre alte Betriebswirt. Das heißt, die Grundversorgung der Patienten im Umfeld muss gewährleistet sein. 8500 Patienten werden jährlich stationär aufgenommen, 17.000 in der Notaufnahme behandelt. Darüber hinaus hat Wittmund zertifizierte Zentren für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie sowie ein Endoprothetik-Zentrum für Hüfte und Knie. Eine Spezialisierung mit Strahlkraft – ebenso wie die Arbeit von Solveig Lerch es ist, unterstreicht Rogosik. „Die sind außergewöhnlich für ein Krankenhaus dieser Größe.“