Osnabrück  „Was jetzt kommt, wird vielleicht nicht jedem gefallen“ – Eine Anleitung zum Aushalten anderer Meinungen

Ralf Lanwehr
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Von Ralf Lanwehr
| 01.11.2025 14:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Unser Autor: Prof. Dr. Ralf Lanwehr ist Psychologe, Betriebswirt und Profisport-Berater. Foto: IMAGO/Funke Foto Services
Unser Autor: Prof. Dr. Ralf Lanwehr ist Psychologe, Betriebswirt und Profisport-Berater. Foto: IMAGO/Funke Foto Services
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Man muss sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen, findet unser Autor – doch wie genau entkommt man der eigenen Echokammer? Und wie verhindert man, dass man selbst zu dem Idioten wird, für den man andere hält? Im ersten Beitrag der neuen Kolumne „360° | Die Kolumne“ kommt der Wirtschaftsprofessor und Psychologe Ralf Lanwehr zu Wort.

Zuletzt begegnete mir im „Spiegel“ ein Porträt von Julia Ruhs. Auch diese Zeitung hat breit über sie berichtet. Ruhs ist eine konservative Journalistin der ARD („Klar“). Genau das sorgt derzeit für viel Reibung.

Im Porträt des „Spiegels“ kreisten die Autoren um die Frage, wie zur Hölle eine junge Journalistin konservative Positionen vertreten könne – ganz so, als sei das dumm und abwegig. Die Fassungslosigkeit und Antipathie in dem Text war greifbar. Nach Sendungen von Ruhs gibt es Shitstorms, und Jan Böhmermann ging direkt zum Verteufeln samt Beleidigungen über. Inzwischen hat der NDR sie aus dem Format gestrichen.

Was zur Hölle ist da los? Mensch. Leute! Macht Euch locker. So schlittern wir in Echokammern mit unschönen Effekten:

Von der selektiven Wahrnehmung in Echokammern habe ich noch gar nichts gesagt; sie kommt noch hinzu. Ähnliche Prozesse begegnen mir häufig übrigens auch in meiner Forschung oder Arbeit mit dem Management. Beispiel Datenkompetenz im Personalwesen: einerseits Data-Driven XYZ von den Beschäftigten fordern, andererseits aber selbst keine Varianz verstehen können wollen. Zu aufwändig. Beispiel Management: Da ist bei Transformationen gerne die Rede von „Mindset-Change“ – bei den anderen, versteht sich. Das eigene Mindset ist ja das richtige.

Ich halte das für Bigotterie vom Feinsten, im beruflichen, im medialen und zunehmend auch im privaten Umfeld. Was kann man tun? Ich liebe folgendes Leitmotto: „Wenn Du Leute für Idioten hältst, biste wahrscheinlich selbst einer.“ Hier drei praktische Auswege aus Sackgassen und Filterblasen:

Echter Dissens und selbstkritische Lernbereitschaft bringen bessere Ergebnisse. Gerade authentischer Widerspruch produziert mehr Argumente, bessere Entscheidungen und kreativere Lösungen. In der Psychologie wie der Arbeitsforschung ist das empirisch inzwischen klar belegt: Reibung stärkt Teams. Harmonie killt sie.

Man muss andere Positionen weder mögen noch teilen. Aber man muss offen zuhören und Legitimität akzeptieren. In der Politik wie bei der Arbeit - und im Privatleben. Bewegt Euch. Nicht nur andere müssen das. Lasst uns die Gegensätze feiern!

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