Stadtbild-Debatte „Friedrich Merz meint Menschen wie mich“
Mahmoud Mahmed ist ehrenamtlich als Flüchtlingsberater für den Landkreis Aurich tätig. Er kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Die jüngsten Aussagen des Bundeskanzlers verletzen ihn.
Aurich - Über eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. Knapp die Hälfte von ihnen stellte einen Asylantrag. Einer von ihnen ist Mahmoud Mahmed. Er musste aus seiner Heimat Syrien fliehen. Heute lebt er in Aurich – und erinnert sich an ein Jahr, in dem die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Satz sagte, der in die Geschichtsbücher einging. „Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das!“. Mahmed hat an diesen Satz geglaubt. „Er hat die Menschen motiviert und ihnen Vertrauen geschenkt.“
Viel scheint davon nicht geblieben zu sein. Im Gespräch mit der Redaktion äußert Mahmed, ehrenamtlich als Flüchtlingsberater für den Landkreis Aurich aktiv, den Wunsch, dass „unsere Regierung offener und vielfältiger wird“. Damit kritisiert er direkt Bundeskanzler Friedrich Merz. „Er sieht uns als Fremde und das tut weh“, sagt Mahmed.
„Das hat mich sehr verletzt“
Mitte Oktober 2025 äußerte sich Merz zur Migrationspolitik – seine Regierung habe dort viel erreicht. „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“, so Merz. Deshalb werde das Innenministerium mehr Rückführungen durchführen. Wen Merz konkret als Problem sieht, dazu gab er erst einmal keine weiteren Erklärungen. „Die Aussage ist mehr als unklar. Ich bin selbst geflüchtet und das hat mich sehr verletzt“, sagt Mahmed. Er habe das Gefühl gehabt, dass Merz Ausländer nicht als Menschen sieht, die zur Gesellschaft dazugehören. „Friedrich Merz meint Menschen wie mich. Ich arbeite, ich helfe den Menschen, ich engagiere mich ehrenamtlich und ich zahle seit langer Zeit Steuern“, so der Flüchtlingsberater.
In Aurich seien viele Personen auf ihn zugekommen und hätten Fragen gestellt. „Sie sind enttäuscht und traurig“, sagt der gebürtige Syrer. Eine Frage sei zum Beispiel gewesen: „Wenn unser Bundeskanzler so etwas sagt, was denken dann unsere Nachbarn?“ Hinter dem „Stadtbild“ stehen Menschen – mit ihren Geschichten, Wünschen und Hoffnungen.
Mehrheit ist gegen Hass – aber zu leise
Im Gespräch mit dem Auricher Flüchtlingsberater wird deutlich, dass es auch eine Rolle spielt, in welcher Zeit sich Merz zur Migrationspolitik geäußert hat. „Ich spüre seit langer Zeit, dass die Stimmung rauer geworden ist“, sagt Mahmed. Für alle sichtbar sei das vor allem in den Sozialen Medien. „Da gibt es viel Hass.“ Auch Vorurteile seien ein Thema. Konkrete Beispiele nennt Mahmed nicht. Stattdessen macht er deutlich: „Die Mehrheit ist immer noch gegen Hass. Es gibt viele Menschen, die helfen oder spenden“. Nur gebe es ein Problem. „Sie sind zu leise“, sagt Mahmed.
Wenige Tage nach der umstrittenen Stadtbild-Aussage des Kanzlers, gab es die ersten Nachfragen von Journalisten. Ob er seine Aussagen nicht erklären wolle – weil sie für Irritationen gesorgt hätten. Das wollte er nicht. Stattdessen wollte er seine Aussagen noch einmal unterstreichen. „Anstatt auf Fragen der Journalisten zu antworten, vermeidet Merz die Erklärung“, sagt Mahmed.
Merz nutze Angst für politische Stimmung
Wenn der Kanzler etwas sage, dann müsse er das laut dem Flüchtlingsberater aber auch erklären. „Da kam nur ‚Fragen Sie mal Ihre Töchter‘“, so der Auricher. Auch hier erklärte Merz nicht, was er damit genau meint. Damit nutze Merz die Angst von Frauen für politische Stimmung. Und dabei reduziere der Kanzler auf Herkunft, Hautfarbe und ignoriere die wahren Ursachen für die Angst von Frauen. „Er hat nicht mit den Töchtern gesprochen, sondern über sie“, sagt Mahmed.
Wenn Frauen zum Beispiel Angst im Dunkeln haben, hätten sie doch gar nicht die Zeit, um sich zu fragen, ob ein deutscher oder ein geflüchteter Mann hinter ihnen ist, sagt Mahmed. „Wer über Angst statt Probleme redet, redet nicht über Sicherheit, sondern über Macht und Kontrolle.“
Erklärung von Merz kam zu spät
Vergangene Woche dann, am 22. Oktober 2025, erklärte sich der Kanzler doch. „Der Druck wurde zu groß“, sagt Mahmed. Merz äußerte sich dazu, wen er wirklich mit seiner „Stadtbild“-Aussage meinte. Er meinte, so Merz, nicht die Menschen, die eine andere Herkunft oder eine andere Hautfarbe haben. Sondern Menschen ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus und ohne Arbeit, die sich „auch nicht an unsere Regeln halten“. Zugleich machte der Kanzler auch deutlich: Schon heute seien Menschen mit Migrationshintergrund ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Arbeitsmarktes.
Die Erklärung von Merz kam nach Ansicht von Mahmed zu spät und habe eigentlich alles noch schlimmer gemacht. „Viele Migrantinnen und Migranten kommen zunächst nach Deutschland, um Schutz und Sicherheit zu finden. Arbeit und Integration folgen oft erst, wenn sie hier zur Ruhe kommen“, so Mahmed. Und wenn Merz von Migranten spricht, zwinge das dazu, in der weiteren Debatte auch immer wieder zwischen Deutschen und Migranten zu unterscheiden. Für Mahmed ist also klar: „Merz spaltet mit seinen Aussagen.“
Erlebnisse der Flucht werden übersehen
Der Auricher Flüchtlingsberater habe nicht gedacht, dass ein demokratischer Politiker so etwas sagt. „Nur, weil Einzelne straffällig werden, hat man kein Recht, alle Migranten als Problem darzustellen“, sagt Mahmed. „Als ich 2015 nach Deutschland gekommen bin, stand ich vor vielen Herausforderungen: Ich musste mich in einem neuen System zurechtfinden und mir ein komplett neues soziales Umfeld aufbauen“, sagt der gebürtige Syrer. Es werde immer nur gesagt, dass die Sprache erlernt werden müsse. „Sprache und Arbeit sind wichtig, aber manchmal wird übersehen, was Menschen auf ihrer Flucht wirklich erlebt haben und welche Unterstützung sie benötigen“, sagt Mahmed. „Wir kamen aus dem Krieg.“ Es müsse viel mehr psychologische Angebote geben – viele der Migranten würden gar nicht direkt arbeiten können.
Es gebe viele Migranten, die vor zwei oder drei Jahren gearbeitet haben, aber heute arbeitslos sind. Die würden sich also von der Stadtbild-Aussage angesprochen fühlen. Und dann gebe es noch viele, die Angst haben. „Sie fragen mich, warum sie überhaupt die Sprache lernen sollen, wenn sie eh abgeschoben werden“, so Mahmed. Wenn Merz seine Stadtbild-Aussage tatsächlich anders meinte – so wie in seiner Erklärung angedeutet – fragt sich Mahmed, warum sich der Kanzler nicht einfach entschuldigt. „Bei den Menschen, die sich davon angesprochen und verletzt fühlen“, erklärt Mahmed.
Verantwortung von Politik und Gesellschaft darf nicht vergessen werden
Für Mahmed ein klares Zeichen: „Merz wollte damit eine Schuldverschiebung erreichen.“ Die Fragen, die man sich stellen müsse: Warum arbeiten einzelne Migranten nicht? Oder warum haben sie keinen Aufenthaltstitel? „Manche Dinge können die Menschen nicht beeinflussen“, sagt Mahmed. „Es dauert ewig, dass Menschen einen Aufenthaltstitel bekommen. Das liegt am BAMF.“ Das ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
„Integration ist kein einseitiger Prozess“, sagt Mahmed. Auch die Politik und die Gesellschaft seien in der Verantwortung, Integration überhaupt erst möglich zu machen. „Die Menschen kommen nach Deutschland, aber sie müssen sich auch wohlfühlen. Deutschland soll sich für sie anfühlen wie ein Zuhause“, sagt Mahmed. Genau das sei auch der Grund, weshalb er sich ehrenamtlich als Flüchtlingsberater für den Landkreis Aurich engagiert.
„Wir schaffen das immer noch“
Laut Mahmed müsse ohnehin mehr über gelungene Integration gesprochen werden. „Ich sehe jeden Tag, wie Integration läuft. Es gibt viele gute Beispiele“, so der Auricher. Wenn alle zusammenarbeiten, könne viel erreicht werden. „Vielfalt ist kein Problem, sondern unsere Stärke“, sagt Mahmed.
„Ich sage: Wir schaffen das immer noch. Wenn wir zusammenhalten und wenn Politiker auf ihre Sprache achten und nicht spalten.“ Denn Worte hätten immer Gewicht, sagt Mahmed. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, weil viele Menschen weiterhin helfen. Und es gibt Demos wie in Berlin, die ein wichtiges Zeichen setzen“, so der Auricher. Und auch die Integrationsarbeit läuft weiter. „Auch wenn wir wissen, dass die Zeiten schwierig sind.“