Breklum  Volksdroge Alkohol: Warum das „Gläschen in Ehren“ fatale Folgen haben kann

Ann-Christin Baßin
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Von Ann-Christin Baßin
| 27.10.2025 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Konsum von Alkohol wird oft verharmlost. Foto: Imago Images/ robertkalb photographien
Der Konsum von Alkohol wird oft verharmlost. Foto: Imago Images/ robertkalb photographien
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Seit der Antike begleitet Alkohol die Menschen. Doch seine Akzeptanz birgt Gefahren: Gruppenzwang, Abhängigkeit, Gewalt. Der Experte Eberhard Schwarz fordert einen bewussteren Umgang – und mehr Aufklärung bei Jugendlichen.

„Ein Recht auf Rausch – das gestehen sich viele zu.“ Mit diesen Worten bringt der Nervenarzt und Psychotherapeut Eberhard Schwarz (83) aus Breklum (Kreis Nordfriesland) die gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol auf den Punkt. Schon Römer, Griechen und Germanen tranken. Auch Schützenfeste, Studentenverbindungen oder die Bundeswehr pflegten Saufrituale. Kein Wunder also, dass Alkohol heute selbstverständlich dazugehört – trotz seiner zerstörerischen Wirkung.

„Alkohol hat eine uralte Tradition in unserer Zivilisation“, erklärt Schwarz. Versuche, ihn zu verbieten – wie die Prohibition in den USA – führten nur dazu, dass das organisierte Verbrechen blühte. Gleichzeitig gibt es den Wunsch nach Rausch und Geselligkeit. „Die Menschen mögen es, einfach ein bisschen lustig zu werden. Alkohol wird in unserer Gesellschaft oft verharmlost.“

Etwa 8,6 Millionen Erwachsene in Deutschland haben einen riskanten Alkoholkonsum, 2,2 Millionen sind laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen 2024 alkoholabhängig: Jeder Deutsche trinkt im Durchschnitt circa 118 Liter alkoholhaltige Getränke in einem Jahr. Das entspricht rund 12 Litern reinem Alkohol. Unser Land gehört zu den sieben von zehn Staaten, in denen weltweit am meisten gepichelt wird.

Vor allem bei Stress und Hektik greifen viele Menschen zu Bier, Schnaps oder Wein. Doch der Preis ist hoch: Abhängigkeit, Gewalt in Familien, Erkrankungen der Leber und Verdauungsorgane, Erhöhung des Krebsrisikos, Schädigungen von Herz und Kreislauf, Beeinträchtigung von Gehirn und Nervengewebe, Depressionen, Gedächtnisstörungen und sogar Suizide. Das Risiko dafür erhöht sich deutlich bei einem täglichen Konsum von 15 bis 20 Gramm bei der Frau und etwa 30 bis 40 Gramm Alkohol pro Tag beim Mann. Schon eine Flasche Bier enthält 20 Gramm Reinalkohol.

Vor allem für Frauen ist der Genuss gefährlich. Ihr Körper reagiert empfindlicher auf das Zellgift Alkohol. Außerdem werden Frauen, die trinken, stigmatisiert, erklärt der Experte. Daher trinken viele heimlich und erhalten später Hilfe. „Männliche Trinker gelten als gesellig und echte Kerle, Frauen dagegen als moralisch verwerflich – diese Doppelmoral gibt es immer noch“, sagt Dr. Schwarz.

Hinzu kommt die epigenetische Veranlagung: Wer genetisch vorbelastet ist, kann innerhalb weniger Wochen abhängig werden. Eberhard Schwarz berichtet von einer Patientin, die nach nur vier Wochen regelmäßigem Konsum süchtig war. Das Risiko kann über Generationen weitergegeben werden – selbst wenn die Eltern abstinent leben.

Auch der soziale Druck spielt eine große Rolle: Wer nicht mittrinkt, gilt schnell als Außenseiter. „Viele trinken, um dazuzugehören oder um Ängste zu abzubauen“, erklärt Schwarz. Alkohol werde als „Medikament“ missbraucht – zur Beruhigung oder zur Stärkung der Persönlichkeit oder auch um Einsamkeitsgefühle zu dämpfen.

Was also tun? Eberhard Schwarz fordert mehr Aufklärung und Prävention, besonders bei Jugendlichen. Seine Empfehlung: Menschen aus Selbsthilfegruppen in Schulen einladen. „Wenn jemand, der früh abhängig war, erzählt, wie er hineingerutscht ist und wieder herausgefunden hat, wirkt das glaubwürdiger als jede Broschüre.“

Auch gesellschaftlich müsse sich der Umgang ändern: weniger Verharmlosung, mehr Bewusstsein. Alkohol solle nicht länger als gefahrloser Genuss gelten, sondern als Risikofaktor, der berücksichtigt werden muss, so der Experte.

Ein Patentrezept gibt es nicht. Aber jeder Einzelne kann laut Schwarz anfangen: Kritisch mit eigenem Konsum umgehen, Freunde nicht zum Mittrinken drängen, Jugendlichen Alternativen anbieten.

„Das Alkoholtrinken ist tief verwurzelt“, fasst Schwarz zusammen. „Ich möchte niemandem den Genuss madig machen. Es geht um das zu viel trinken, denn wenn wir ehrlich hinschauen, merken wir: Der Preis ist hoch. Es liegt an uns, den Rausch nicht länger zu verklären, sondern verantwortungsvoll mit ihm umzugehen.“

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