Chipkrise in Autoindustrie VW Emden hofft auf Entscheidung am Mittwoch
Bei VW Emden wird es langsam eng. Die knapp gewordenen Chips reichen nur noch wenige Tage. Alle blicken nun gebannt auf Mittwoch. Dann schlägt die Stunde der Wahrheit.
Emden/Wolfsburg - Die nächsten Tage werden für VW Emden zur Nagelprobe. Wie lange kann die Produktion wegen der aktuellen Chipkrise noch aufrechterhalten werden? Und: Müssen tausende Kollegen in die Kurzarbeit? Zumindest ist jetzt klar, dass schon an diesem Mittwoch, 29. Oktober, eine erste Entscheidung fallen soll.
„Es ist echt schlimm, wie unser Laden derzeit geleitet wird“, sagte Manfred Wulff, Betriebsratschef von VW Emden, am Montag im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wir müssen jetzt dem Vorstand glauben, dass zumindest für diese Woche, also bis einschließlich Donnerstag, genügend Halbleiter für die Produktion zur Verfügung stehen.“ Was danach komme, sei völlig offen. „Ich erwarte aber, dass am Mittwoch eine Entscheidung fällt, wie es nächste Woche weitergeht“, so Wulff. Am Donnerstag dieser Woche sei außerdem eine Unternehmensinformation geplant. Der Betriebsrat erhofft sich daraus neue Hinweise, wie es in den nächsten Wochen und Monaten mit Volkswagen auch in den anderen Werken weitergehen könnte. Wulff selbst ist jedenfalls noch am Montag nach Wolfsburg aufgebrochen und wird am Donnerstag in Emden zurückerwartet.
Weshalb Kurzarbeit nicht mehr gänzlich ausgeschlossen ist
Sollte nicht genügend Arbeit vorhanden sein, weil keine Halbleiter zur Verfügung stehen, droht auch für Emden Kurzarbeit. Das Unternehmen müsste dann bei der Arbeitsagentur solch eine Kurzarbeit beantragen und der Betriebsrat letztendlich beschließen.
„Die Lieferengpässe beim niederländischen Chip-Hersteller Nexperia haben vorerst weiterhin keine Auswirkungen auf die Produktion im Volkswagen-Werk Emden“, teilte dazu am Montag eine Unternehmenssprecherin unserer Redaktion mit. Nach heutigem Stand sei die Fahrzeugproduktion in Emden in dieser Woche abgesichert – und zwar bis einschließlich Donnerstag, 30. Oktober. Am Freitag, 31. Oktober, ruhe die Produktion aufgrund eines Feiertags in Niedersachsen ohnehin. „Vor dem Hintergrund der dynamischen Lage können kurzfristige Auswirkungen auf das Produktionsnetzwerk des Volkswagen-Konzerns jedoch weiterhin nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Zum jetzigen Zeitpunkt ist keine Kurzarbeit für den Standort Emden angemeldet worden.“
Warum VW Emden ganz besonders unter der Chipkrise leidet
Für VW Emden ist die aktuelle Chipkrise dennoch besonders ärgerlich. Der Standort hatte erst vor kurzem mehr Aufträge hereinbekommen als zunächst geplant. Konkret geht es um rund 1.000 zusätzliche Fahrzeuge, wie Wulff unserer Redaktion sagte. Die Folge: Die ursprünglich wegen der Absatzkrise geplanten Streichungen der Spätschichten am 7. und am 14. November sind wieder aufgehoben. Es wird ganz normal in zwei Schichten produziert. Zusätzlich soll im kompletten November jeweils von montags bis donnerstags in der Spätschicht eine Stunde länger gearbeitet werden. Bei VW wird von Monat zu Monat entschieden, wie viele ID.4- und ID.7-Autos montiert werden. Die Auftragshöhe richtet sich in der Regel nach den eingegangenen Bestellungen.
Der Chipmangel ist für das Emder Werk aber noch aus einem weiteren Grund außerordentlich problematisch, da hier ausschließlich vollelektrische Modelle montiert werden, in denen noch mehr Chips verbaut sind, als ohnehin schon in modernen Autos üblich. „Der erste Volkswagen Golf benötigte rund 30 Halbleiter, während das heutige Modell etwa 8.000 umfasst“, teilte VW erst Mitte September mit. „In den neuesten vollelektrischen Modellen wie dem ID.7 steigt die Zahl auf rund 18.000.“
Welche Lösungsmodelle es in der Chipkrise gibt
Zu dem Lieferausfall an Halbleitern war es gekommen, nachdem die niederländische Regierung die Kontrolle über den in Nijmegen ansässigen Chiphersteller Nexperia übernommen hatte. Der chinesische Mutterkonzern von Nexperia, Wingtech, steht nach Medienberichten wegen angeblicher Risiken für die nationale Sicherheit seit 2024 auf einer schwarzen Liste der US-Regierung. China reagierte dann ziemlich schnell und konsequent: Die Behörden untersagten Mitte Oktober den Export von Nexperia-Chips aus den Werken in China. Die Lager bei den Großhändlern leerten sich. Autozulieferer wie Bosch und ZF richteten Taskforces ein. VW selbst bemüht sich nach eigener Aussage um Ersatz. „Der Volkswagen-Konzern prüft derzeit aktiv alternative Beschaffungsoptionen, um mögliche Auswirkungen auf seine Lieferkette zu minimieren“, teilte dazu das Werk Emden mit. „Das Unternehmen steht dazu auch in engem Austausch mit potenziellen Lieferanten.“ VW-Werke wie das in Emden verbauen die Chips in der Regel nicht eigenständig, sondern erhalten fertige Komponenten von ihren Zulieferern. Tatsächlich kontrollieren Halbleiter so gut wie alles – von der Motor- und Leistungssteuerung über Fahrerassistenzsysteme wie Abstandsradar und Notbremsassistent bis hin zu Infotainmentsystemen, Navigation, Klimaanlagen und Sicherheitssystemen wie Airbags.
Mit anderen Worten: Die Autoindustrie ist extrem abhängig von der zuverlässigen Lieferung von Halbleitern. Diese Chips werden allerdings zu einem Großteil in asiatischen Ländern wie Taiwan, Malaysia, China, Singapur und Japan produziert. Der Volkswagen-Konzern will diese Abhängigkeiten nun reduzieren und hatte bereits am Rande der Internationalen Automobilausstellung in München eine neue Beschaffungsstrategie vorgestellt. Dieses Modell basiert im Wesentlichen auf einer Zusammenarbeit zwischen Volkswagen Group Technologies und dem US-Unternehmen Rivian. Erst kürzlich hatte Volkswagen seine Beteiligung an Rivian um eine weitere Milliarde US-Dollar aufgestockt. Bis solche strategischen Allianzen Wirkung zeigen, dauert es allerdings sehr lange.