Osnabrück  R wie Roland: Wir haben mit Roland Kaiser das Wort Begehren buchstabiert

Karolina Meyer-Schilf
|
Von Karolina Meyer-Schilf
| 26.10.2025 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
50 Jahre steht Roland Kaiser schon auf der Bühne. Wir analysieren seine Texte. Foto: dpa/Guido Kirchner
50 Jahre steht Roland Kaiser schon auf der Bühne. Wir analysieren seine Texte. Foto: dpa/Guido Kirchner
Artikel teilen:

Roland Kaiser singt häufig über Lust, Seitensprünge und Beziehungen. Unser Glossar beleuchtet, wie der Sänger Tabus und Wünsche verarbeitet. Hier sind die Anspielungen und Doppeldeutigkeiten in seinen Liedtexten erklärt.

Es ist einer seine größten Hits und ein Klassiker des Seitensprung-Song-Genres: „Manchmal möchte ich schon mit dir“. Was genau? „Eine Nacht das Wort Begehren buchstabieren“, natürlich. Roland Kaiser spielt mal wieder mit einem Tabu: Ein Mann wirft ein Auge auf die Frau seines Freundes. Sowas macht man nicht, aber es kann natürlich passieren. Die Frau ist auch nicht abgeneigt, aber am Ende siegt die Vernunft, denn die Folgen wären dramatisch: „Du verlierst den Mann, ich verlier den Freund“. Die Sehnsucht bleibt also unerfüllt. 

Manchmal aber möchten auch wir mit ihm  – das Wort Begehren buchstabieren nämlich. Und diesmal wird die Sehnsucht wahr. Hier kommt das ultimative Roland-Kaiser-Glossar:

Kommen bei Roland Kaiser nur indirekt vor. Obwohl so explizit wie kaum jemand im Besingen der körperlichen Liebe zwischen Mann und Frau, bleibt der Meister der Metaphern und Umschreibungen hier vage. Da „stolpert“ zum „Schlafzimmerblick“ und einem „Spitzen-Rosé“ höchstens der „Blick in dein Dekolleté“ („Kurios”), „Kurven wie dich“ werden „nicht von der Hand“ gelassen – schon gar nicht, wenn man wie in jenem softpornografischen Song-Setting schon „zwischen Smoking und Samt mit dir an der Wand“ steht („Gegen die Liebe kommt man nicht an”). Explizit genug ist das auf jeden Fall, das konkrete Besingen einzelner Körperteile wie in jedem zweiten Mallorca-Song vom Ballermann hat ein Mann mit Klasse wie Kaiser da nicht nötig.

Über vielen Roland-Kaiser-Songs liegt ein Schatten: der andere Mann. Die jeweilige Angebetete ist nämlich relativ häufig schon vergeben. Das hält natürlich einen Roland Kaiser nicht davon ab, sich zumindest vorzustellen, er selbst sei derjenige, „der dich in seine Arme zieht und sich nicht fragt, ob’s jemand sieht“ („Ich wär so gern der andere Mann”). Ungleich komplizierter als dieser verständliche Wunsch wird es hingegen in „Unerreichbar nah“: „Du hältst die Hand von einem Mann, für den du dich entschieden hast in der Nacht, bevor du bei mir warst“. Aber kompliziert ist es ja immer, irgendwie.

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn ihm die schöne Nachbarin gefällt“. Hier vergreift sich Kaiser erst an Schillers „Wilhelm Tell“, aus dem das (freilich abgewandelte) Zitat stammt, und dann – eben an der Nachbarin. Aus dem Einzug einer hübschen Frau entwickelt sich ein Problem biblischen Ausmaßes – das hat man halt davon, wenn einen „der Himmel nicht verschont“ und „nebenan die Sünde wohnt“. 

Mit Bindungen kennt Roland Kaiser sich aus. Und mit Bindungsängsten auch. Dreimal hat der Sänger geheiratet, bis er die richtige gefunden hatte. Wie man in der Ehe weitersucht, davon erzählen seine Lieder: Ob es „Wohin gehst du” ist, „Warum hast du nicht Nein gesagt” oder „Kein Problem” – meist geht’s um den Ehebruch. Wenn die Flippers („Rote Sonne von Barbados”, „Im Hafen deiner Sehnsucht”) das singende Reisebüro sind und G.G. Anderson („Sommernacht in Rom”, „In dieser Sommernacht”, „Eine Nacht, die nie vergeht”) der singende „Sandmann”, dann ist Roland Kaiser der Sänger des Seitensprungs!

Vor allem das Kaiser’sche Spätwerk strotzt nur so vor konkreten sexuellen Anspielungen, in denen Hände und was man mit ihnen tun kann, eine Rolle spielen. Je öller je döller – vor allem das Album „Perspektiven“ sticht hier heraus. Da braucht das songlyrische Ich eine Frau, die ihn „handhaben“ kann, er selbst wiederum kann „anpacken“. Kurven (Querverweis Brüste) werden „nicht von der Hand gelassen“ und so geht es munter immer weiter.

Und dann auch noch Keiler. So heißt Roland Kaiser nämlich eigentlich. Weil ein Keiler aber keine Schlagertexte singen könne, wie ihm zu Anfang seiner Karriere beschieden wurde, änderte er seinen Namen. Den Keiler aber hat er zumindest in seinen Texten nie ganz abgelegt.  

Gegensätze ziehen sich an, wer sollte das besser wissen als Roland Kaiser. Im gleichnamigen Song fliegen zwar die Fetzen, aber da sind ja immer auch noch „Gefühle, die mich durchfahren wie Züge – hin und her“. 

Sagt eigentlich selten jemand in Kaisers Texten, schon gar nicht, wenn es um Sex geht. Und tut es doch mal jemand wie in „Manchmal möchte ich schon mit dir“ – dann wird daraus ein Song für die Ewigkeit. Auch nachwachsende Schlagergenerationen stellen an Roland Kaiser die berechtigte Frage: „Warum hast du nicht Nein gesagt” – so textete es Maite Kelly vor zehn Jahren, schuf damit den kaiserigsten Roland-Kaiser-Song seit den 1980er-Jahren und brachte mit dem Duett einen Erfolgsschub in die Kaiser-Karriere. Und trägt damit seinen Gedanken weiter in die nächste Generation.

Ähnliche Artikel