Tipps aus Aurich und umzu  Die richtigen Bücher für einen entspannten Herbsttag

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Von der Redaktion
| 25.10.2025 13:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Die Redaktion empfiehlt ihre Lesehighlights für den Herbst, auf dem Bild Björn Klüver und Pia Pentzlin. Foto: Eva van Loh
Die Redaktion empfiehlt ihre Lesehighlights für den Herbst, auf dem Bild Björn Klüver und Pia Pentzlin. Foto: Eva van Loh
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Mit dem Herbst zieht Gemütlichkeit zu Hause ein. Zeit also für die richtige Lektüre. Die Redaktion hat ihre Highlights zusammengetragen – und Auricher Buchhändlerinnen vor die Kamera geholt.

Aurich - Die Tage im Herbst werden ruhiger, das Wetter unbeständig, die Veranstaltungen in der Region allmählich weniger. Es fällt leichter, die Ruhe zu Hause zu genießen. Vielleicht kuschelt man sich gemütlich auf das Sofa und greift mal wieder zu einem tollen Buch. Wendet sich ab von der eigenen Realität und taucht in fesselnde, wunderschöne – oder auch traurige – Geschichten ein.

Es fällt allerdings nicht immer leicht, das passende Buch zu finden. Schon gar nicht bei der großen Auswahl der Neuerscheinungen in dieser Saison. Oder zwischen all den ungelesenen Klassikern. Diese Redaktion hat daher ihre Büchertipps für den Herbst gesammelt. Für den Experteneinblick teilen Buchhändlerinnen aus Aurich ihre aktuellen Lese-Highlights im Video.

Carmen Leonhard: „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor

„Adressat unbekannt“ – das Büchlein ist dünn, aber unheimlich fesselnd. Foto: Carmen Leonhard
„Adressat unbekannt“ – das Büchlein ist dünn, aber unheimlich fesselnd. Foto: Carmen Leonhard

Dieses dünne Büchlein kommt ganz unscheinbar daher. Der Titel ist kurz, knapp, amtlich-nüchtern. Die Geschichte ist schnell durchgelesen. Und doch hat sie mich tief berührt. Kressmann Taylor, eine Werbetexterin, hat „Adressat unbekannt“ geschrieben. Und das schon vor vielen Jahren: 1938 wurde die Geschichte erstmals in einer New Yorker Zeitschrift abgedruckt, im Jahr darauf erschien sie als Buch und wurde direkt ein großer Erfolg.

Es ist nicht so leicht, den Roman zu empfehlen. Man darf nicht zu viel über die Handlung verraten. Sie spielt in den Jahren um Hitlers Machtergreifung. Zwei Freunde schreiben einander Briefe. Martin und Max. Der eine ist aus den USA in seine Heimat Deutschland zurückgekehrt, der andere, ein Jude, führt die gemeinsamen Geschäfte in den USA weiter. Über die Briefe bleiben sie in Kontakt. Doch das schleichende Gift des Nationalsozialismus zerstört ihre Freundschaft. Von Brief zu Brief steigert sich die Dramatik. Es geschieht etwas Entsetzliches. Aus Freunden werden Feinde. Und der Jude Max findet einen Weg, sich an dem Nazi Martin zu rächen.

  • ISBN: 978-3-455-81061-5
  • Seiten: 96
  • Preis: 9 Euro

Melanie König: „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ von Johan Harstad

Der Umweltexperte Ingmar Olsen wird auf einer Atommüll-Konferenz unerwartet mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Gemeinsam mit ihm durchlebt man seine Jugend in den 70er Jahren in Norwegen. Mit seiner Clique teilte er einst große und kleine Träume, politische Ideale und das Gefühl, die Welt verändern zu können. Ein Geheimnis, das die Jugendfreunde verbindet, ist der Fund eines Steins, der es ermöglicht, sein ganzes Leben in sieben Minuten zu erleben. Gekonnt verwebt der Autor persönliche Erinnerungen der Protagonisten mit gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen und greift dabei auch philosophische Fragen auf. Zugegebenermaßen ist das Buch nicht immer leicht zu lesen, da es viele Zeitsprünge und Charaktere gibt und einige Passagen langatmig sind. Am Ende jedoch fügt sich alles beeindruckend zusammen. Man bleibt mit dem Gefühl zurück, etwas ganz Großes gelesen zu haben.

  • ISBN: 978-3-5461-0106-6
  • Seiten: 1152
  • Preis: 36 Euro

Deike Terhorst: „Raum“ von Emma Donoghue

Deike Terhorst empfiehlt „Raum“ von Emma Donoghue. Foto: Deike Terhorst
Deike Terhorst empfiehlt „Raum“ von Emma Donoghue. Foto: Deike Terhorst

„Raum“ erzählt die Geschichte des fünfjährigen Jack, der mit seiner Mutter Joy in einem Zimmer lebt, das er noch nie verlassen hat. Joy wurde mit 19 Jahren entführt und unter einem Gartenschuppen eingesperrt, er selbst in dieser Gefangenschaft gezeugt und geboren. Joys Fluchtversuche sind stets gescheitert. Nun wagen Mutter und Sohn einen gemeinsamen Versuch, der auch gelingt. Für Jack eröffnet sich danach eine völlig neue Welt. Ängstlich erkundet er, was er bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Dabei sehnt er sich oft nach „Raum“, da ihm die Freiheit fremd und bedrohlich erscheint.

Aufmerksam geworden bin ich auf „Raum“ durch die Verfilmung mit Brie Larson, die für ihre Darstellung der Joy mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Angelehnt hat Emma Donoghue ihren Roman an den Fall Josef Fritzl, der seine Tochter über zwei Jahrzehnte gefangen hielt und sieben Kinder mit ihr zeugte. Statt einer reißerischen Darstellung wählt sie für ihre Geschichte jedoch Jacks kindliche Perspektive und Sprache. Dieses zunächst gewöhnungsbedürftige Konzept erweist sich bald als äußerst wirkungsvoll. Die Tragik des Geschehens offenbart sich so in aller Einfachheit und Naivität – und verstärkt sich dadurch ins Unermessliche.

  • ISBN: 978-3-4920-5466-9
  • Seiten: 416
  • Preis: 11 Euro (E-Book)

Donia Rezkalla: „Mama, bitte lern Deutsch“ von Tahsim Durgun

Ich empfehle das Buch „Mama, bitte lern Deutsch“ von Tahsim Durgun. In dem Buch schreibt er über das Aufwachsen in einer kurdisch-jesidischen Familie in Oldenburg. Es ist ein Stück kollektives Gedächtnis für viele Menschen, die nie einen Platz in deutschen Schulbüchern hatten – und trotzdem hier aufgewachsen sind. Ich habe beim Lesen alle möglichen Gefühle verspürt. Ich habe seinen Frust gespürt, ich habe geweint, ich habe gelacht und vor allem habe ich darüber gestaunt, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben. Es hat sowohl triste als auch herzerwärmende Seiten. Deswegen ist das Buch meine Herbst-Empfehlung.

  • ISBN: 978-3-426-56114-0
  • Seiten: 208
  • Preis: 18 Euro

Björn Klüver: „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad

Björn Klüver empfiehlt „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad. Foto: Pia Pentzlin
Björn Klüver empfiehlt „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad. Foto: Pia Pentzlin

„Herz der Finsternis“ ist ein Klassiker der Weltliteratur und doch noch immer aktuell. In dem erstmals 1899 erschienenen Werk verarbeitet der polnisch-englische Schriftsteller Joseph Conrad seine Erfahrungen von einer Reise nach Zentralafrika. In der Erzählung berichtet der Seemann Charlie Marlow von einer Reise mit einem Flussdampfer von der afrikanischen Küste, den Kongo hinauf in das Herz Afrikas. Unterwegs wird er Zeuge der Ausbeutung und Gewalt gegenüber den Einheimischen durch die europäischen Kolonialmächte. Das Bild der zivilisatorisch in Afrika wirkenden Europäer zerfällt zugunsten der bitteren Realität.

Zur Zeit seiner Veröffentlichung war „Das Herz der Finsternis“ eine scharfe Kritik am europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Doch auch heute noch fesselt das Werk durch seine detaillierten Beschreibungen des Raumes und der menschlichen Abgründe, die sich auftun.

  • ISBN: 978-3-15-020653-9
  • Seiten: 166
  • Preis: 10 Euro

Denise Cordes: „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig

Denise Cordes empfiehlt die „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig. Foto: Denise Cordes
Denise Cordes empfiehlt die „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig. Foto: Denise Cordes

Hinweis: Im folgenden Buch werden die Themen Depression und Suizidgedanken thematisiert.

In „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig geht es um Nora Seed, eine junge, verzweifelte Frau, die beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. Doch auf dem Weg ins Jenseits landet Nora in einer riesigen Bibliothek mit unendlich vielen Büchern. Mit jedem Buch, das sie in die Hand nimmt, findet sie sich in einem anderen Leben wieder. Jede Entscheidung, die sie nicht oder anders getroffen hat, führt zu einer anderen Version ihrer selbst – von der Bar-Besitzerin bis zur Leistungsschwimmerin.

„Die Mitternachtsbibliothek“ ist ein leichtes Buch, witzig und traurig zugleich. Was im ersten Moment düster klingt, zeigt später, welche vielen Möglichkeiten das Leben eigentlich mit sich bringt. Das Buch hallt nach: Am Ende fragt man sich, welche Entscheidung das eigene Leben grundlegend verändert hätte. Und welche Entscheidungen hat man vielleicht noch vor sich?

  • ISBN: 978-3-426-56230-7
  • Seiten: 320
  • Preis: 13 Euro

Hannah Weiden: „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood

Redakteurin Hannah Weiden empfiehlt „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood. Foto: Hannah Weiden
Redakteurin Hannah Weiden empfiehlt „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood. Foto: Hannah Weiden
In „Der Report der Magd“ (Original: The Handmaid′s Tale) zeichnet Margaret Atwood ein dystopisches Amerika der Zukunft: Christliche Fundamentalisten gründen den Gottesstaat Gilead, in dem Frauen versklavt werden. Sie verlieren ihren Job, ihren Besitz, ihre Familien, ihre Rechte. Weil durch eine atomare Verseuchung zu wenig Kinder geboren werden, werden die wenigen fruchtbaren Frauen als „Mägde“ dazu gezwungen, Kinder für hochrangige Ehepaare auszutragen. Teil eins der Reihe wird aus der Sicht einer solchen Frau erzählt.

Obwohl die Geschichte vor mehr als 40 Jahren geschrieben wurde, entdecken aufmerksame Leserinnen und Leser besorgniserregende Ähnlichkeiten zu heutigen extremistischen Bewegungen, die die Selbstbestimmung von Frauen infrage stellen. Passend dazu: Das Buch gehört zu jenen, die die Regierung von Donald Trump in den USA aus Schulen und öffentlichen Bibliotheken entfernen ließ.

„Der Report der Magd“ ist spannend und liest sich, anders als man aufgrund des harten Stoffs vielleicht vermuten würde, keinesfalls zäh. Sehr zu empfehlen sind auch Teil zwei der Reihe, „Die Zeuginnen“ (The Testaments), sowie die Hulu-Serie „The Handmaid′s Tale“, in der die Geschichte in sechs Staffeln nacherzählt wird.

  • ISBN: 978-3-492-30327-9
  • Seiten: 416
  • Preis: 15 Euro

Rilana Kubassa: „Air“ von Christian Kracht – und Comics!

Als Buchempfehlung fällt mir meistens das ein, was ich zuletzt gelesen habe – falls es gut war. Das ist im Moment der Fantasy-Roman „Air“ des Schweizer Schriftstellers und selbst ernannten Kosmopoliten Christian Kracht. „Air“ fügt sich wunderbar in die düstere und seltsame Stimmung dieser Jahreszeit ein. Bisher habe ich jedes Buch des Schweizer Schriftstellers gerne gelesen und war fasziniert von der Leichtigkeit, mit der er in wenigen Sätzen Landschaften und Räume erschafft, die in Erinnerung bleiben, als wäre man wirklich dort gewesen.

Die Handlung ist denkbar schwer zu beschreiben. Ein Inneneinrichter auf dem Gipfel des Überdrusses erhält einen interessanten Auftrag und verschwindet plötzlich. Woanders erscheint ein geheimnisvoller Fremder mitten im Wald. Ein mutiges Waisenmädchen spielt eine Rolle, eine Flucht, Sprünge durch Zeit und Raum und am Ende viele offene Fragen. Ein Thema des Buches ist die Sehnsucht nach weniger Oberflächlichkeit, ein anderes ist vielleicht der Leser selbst. Aber das merkt man erst ziemlich spät.

Der Herbst ist außerdem eine tolle Zeit, um Comics zu lesen (wie alle anderen Jahreszeiten auch). Empfehlen kann ich zum Beispiel „Work-Life-Balance“ von Aisha Franz, „Maus“ von Art Spiegelman, „Slocum“ von Jan Soeken oder „Starkes Ding“ von Lika Nüssli.

  • ISBN: 978-3-462-00457-1
  • Seiten: 224
  • Preis: 25 Euro

Pia Pentzlin: „Monstergott“ von Caroline Schmitt

Pia Pentzlin empfiehlt „Monstergott“ von Caroline Schmitt. Foto: Pia Pentzlin
Pia Pentzlin empfiehlt „Monstergott“ von Caroline Schmitt. Foto: Pia Pentzlin

„Monstergott“ handelt von Gott, dem eigenen Glauben und der furchtbaren Verzweiflung, die damit einhergehen kann. Die Autorin Caroline Schmitt hat sich für ihren zweiten Roman das System der Freikirchen ausgesucht. Kirchen, die nach außen oftmals anders scheinen, als sie tatsächlich sind. Schmitt schreibt über ein Geschwisterpaar, Ben und Esther, die beide in einer Freikirche groß geworden sind. Sie sind dort fest verwurzelt, wenden sich aber unabhängig voneinander von dieser Gemeinschaft ab. Sie sprechen nicht darüber, haben aber beide ihr Päckchen zu tragen.

Die Autorin schreibt über die Rolle der Frau und Sexualität – und was es mit Menschen macht, wenn sie sich von dem abwenden, was ihnen jahrzehntelang so wichtig war. So fremd einem Gott und Freikirchen vielleicht sind, umso berührender sind der Schmerz und die Entwicklungen der Protagonisten.

  • ISBN: 987-3-98816-054-6
  • Seiten: 263
  • Preis: 23 Euro
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