Landwirtschaft Stadtkind hilft seit 30 Jahren Nutztieren in Ostfriesland
Mit viel Erfahrung und alternativen Behandlungsmethoden kümmert sich Christiane Gromöller um die Gesundheit von Nutztieren. Trotz einiger Schicksalsschläge fand die Jemgumerin zu ihrem Traumberuf.
Jemgum - Die aktive Zeit als Landwirtin hat Christiane Gromöller hinter sich. Trotzdem gibt es für die 58-Jährige keinen schöneren Platz als den Melkstand im Kuhstall. „Das ist für mich wie Urlaub“, sagt die studierte Agrarwissenschaftlerin, die als Urlaubsvertretung immer noch gerne auf großen Betrieben einspringt und regelmäßig auf einem Hof hilft. Nicht nur bei der Stallarbeit, sondern auch, wenn eine Kuh oder ein Kalb krank ist. Christiane Gromöller ist seit 30 Jahren Tierheilpraktikerin mit Schwerpunkt Nutztiere und blickt auf eine spannende Berufskarriere zurück.
„Eigentlich bin ich ein Stadtkind“, erzählt die gebürtige Düsseldorferin. Ihre Familie habe überhaupt keine Verbindung zur Landwirtschaft gehabt. „Wir haben regelmäßig Urlaub auf dem Bauernhof gemacht und so stand mein Berufswunsch schon fest, als ich sechs Jahre alt war: Ich wollte Landwirtin werden“, erzählt sie strahlend. Später in der Schulzeit habe sie in den Ferien regelmäßig auf einem Hof geholfen und alles von der Pike auf gelernt: Treckerfahren, Kühe melken, Schweine füttern. „Das war dort für mich meine zweite Familie.“ Aus den Plänen, den Beruf der Landwirtin zu erlernen und den Hof ihrer „Zweitfamilie“ zu übernehmen, wurde nichts. „Nicht nur, weil meine Eltern dagegen waren.“ Wegen einer schweren Allergie musste sie sich von ihrem Traumberuf verabschieden.
Auf Umwegen zum Traumberuf
„Weil ich mich auch für Medizin interessiert habe, machte ich eine Ausbildung zur Krankenschwester.“ Danach heiratete sie, zog ins Münsterland, bekam zwei Kinder und begann, sich mit Naturheilkunde zu beschäftigen, und absolvierte eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin. „Schließlich war die Allergie weg und der Mann auch.“ Sie arbeitete als Alleinerziehende wieder in einem Milchvieh- und Schweinezuchtbetrieb und machte sich schließlich mit einer mobilen Tierheilpraktiker-Praxis für landwirtschaftliche Nutztiere und Pferde selbstständig.
„Auf dem Hof habe ich Tiere behandelt und das sprach sich herum.“ Durch die Mundpropaganda wuchs die Neugier bei den Kollegen, es auch einmal zu versuchen. „Gerade Ältere sind durchaus aufgeschlossen, weil sie vieles noch aus früheren Zeiten wissen, als man sich oft ohne Tierarzt behelfen musste.“ Sie seien oft treue Kunden gewesen. Sogar landwirtschaftliche Fachzeitschriften und das Fernsehen hätten damals über sie berichtet. „Akupunktur und naturheilkundliche Behandlungen bei Nutztieren waren zu der Zeit noch nicht sehr verbreitet.“
Mit 48 Jahren Studium begonnen
Als die Kinder im Grundschulalter waren, verwirklichte Christiane Gromöller acht Jahre lang ihren Traum vom eigenen Hof mit Mutterkuhhaltung, Schafen, Geflügel und Schweinen, bis sie ihren zweiten Mann kennenlernte und zu ihm auf den Hof zog. Dort führte sie zehn Jahre lang den Betrieb mit 75 Kühen, während ihr Mann arbeiten ging. Durchfälle bei Kälbern, Euterentzündungen bei Milchkühen, Fieber bei Ferkeln behandelte sie selbst. „Der Erfolg hängt aber nicht alleine mit den Therapiemöglichkeiten zusammen“, betont sie. Die Fütterung, die Hygiene und das Management der Tiere spielten eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von Erkrankungen. „Wenn alles optimal ist, sind die Tiere widerstandsfähiger.“
Doch Christiane Gromöller wollte noch mehr. „Für mich war es wichtig, neben meiner eigenen Erfahrung in der Landwirtschaft noch mehr fundiertes fachliches Wissen zu haben.“ Mit 48 begann sie „just for fun“ ein Studium der Agrarwissenschaften in Soest, das sie trotz zweier Bauch-OPs und Brustkrebs durchzog. Wie sie in dieser schwierigen Lebensphase einen Einser-Abschluss geschafft habe, sei ihr rückblickend selbst ein Rätsel. Heute kann sie von ihrer mobilen Tierheilpraxis leben. Nebenbei verfasst die 58-Jährige Beiträge für Fachzeitschriften, hält Vorträge unter anderem für Landwirtschaftskammern und engagiert sich sowohl als 1. Vorsitzende des Berufsverbandes als auch des Dachverbands deutscher Tierheilpraktiker.
Es gibt auch Kritiker
„Ich sehe mich nicht als Alternative zum Tierarzt“, macht die Agraringenieurin ihr Berufsverständnis deutlich. Veterinäre hätten von der Diagnostik bis zur Therapie ganz andere Möglichkeiten als sie. „Bei einem verlagerten Labmagen bei der Kuh kann ich nichts machen und auch Brüche und Sehnenrisse kann nur ein Tierarzt behandeln.“ Die Jemgumerin sieht sich vielmehr als Ergänzung zum Tierarzt. Durch den Einsatz von Naturheilmitteln, Homöopathie und Akupunktur lassen sich nach ihren Worten viele Erfolge erzielen. Im Optimalfall könne teils auf die Gabe von Antibiotika verzichtet werden. Dadurch könne man einen Beitrag leisten, weitere Resistenzen zu reduzieren.
Häufig kämen Besitzer von Tieren, bei denen der Veterinär mit seinem Latein am Ende sei, auf sie zu. Es gebe aber auch Leute, die naturheilkundlichen Therapien sehr kritisch gegenüber stünden. „Das war schon in den 1980er und 1990er Jahren so.“ Was sie störe: In den sozialen Medien von heute werde oft anonym und entwürdigend Kritik geübt. „Da kann man leicht einen regelrechten Shitstorm ernten“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. Mittlerweile reagiere sie auf solche Kommentare nicht mehr. „Ich will niemanden überzeugen, naturheilkundliche Therapien anzuwenden. Das soll jeder selbst entscheiden.“