Akkermanns Ansichten Fleisch oder vegan? Iss doch Wurscht!
In Brüssel will man die Verwendung von Wörtern wie „Wurst“ oder „Schnitzel“ für pflanzliche Produkte verbieten. Die Debatte gerät zur Farce und lenkt von wichtigeren Themen ab, meint unser Kolumnist.
Die gute Nachricht ist, dass die rechtsradikale und die konservative Fraktion im EU-Parlament ihr Herz für den Verbraucherschutz entdeckt haben. Um ihr Fleisch essendes Klientel vor der versehentlichen Einnahme veganer Alternativen zu schützen, wollen sie die Verwendung von Wörtern wie „Wurst“, „Burger“ oder „Schnitzel“ für pflanzliche Produkte verbieten. Das ist ein echter Durchbruch, zumal auf diesen Verpackungen nur zweimal die Bezeichnung vegan (einmal im Siegel) auftaucht. Dass die Produkte im Supermarkt ohnehin räumlich getrennt angeboten werden, reicht natürlich nicht aus.
Gemäß dem intellektuellen Höhenflug unseres Kanzlers, wonach eine Wurst eine Wurst zu sein habe, soll über den Umweg Europa eine weitere Regulierung der Verwendung von Sprache durchgesetzt werden. Da dieser skandalöse Sprachgebrauch jetzt endlich aufgedeckt ist, müssen Konsumenten ganz stark sein. Die Bärchenwurst enthält gar kein Bärenfleisch und die Kinderschokolade kommt ohne Zugabe von Kindern aus. Kakao aus Scheuermilch ist nicht bekömmlich und – Achtung, Veganer: Der Wurstsalat hat einen zu vernachlässigenden Gemüseanteil.
Den gleichen Elan beim Verbraucherschutz wünsche ich mir als Konsument gegenüber den Tricks der Lebensmittelindustrie. Der schleichenden Inflation durch Verringerung der Verpackungsgrößen oder dem qualitativen Downgrade durch „neue Rezepturen“ wird freier Lauf gelassen. Dann wird gerne auf die mündigen Verbraucher verwiesen, die mit der Lupe die Zutatenlisten und Vergleichspreise stundenlang im Supermarkt studieren.
Zum Autor
Johannes Akkermann (66) unterrichtete 34 Jahre lang an der Inselschule Borkum die Fächer Werte und Normen, Geschichte und Politik.
Man könnte diese Farce als einen Schildbürgerstreich der EU abtun, wenn sie nicht einen ernsten Hintergrund hätte. Nach der Solar- und Windkraftindustrie wird hier das nächste Wachstumspotenzial einer innovativen Branche ausgebremst. Die Entwicklung pflanzlicher Alternativen kann einen wichtigen Beitrag zur Ernährung der Weltbevölkerung und zum Klimaschutz leisten. Diese Branche ist erfolgreich, weil immer mehr Verbraucher Wert auf Gesundheit, Tierwohl und Umwelt legen. Der Lobby für Massentierhaltung fehlen dagegen die Argumente. Also muss der Wettbewerb durch Verbote verzerrt werden.
Essen ist neben der reinen Nahrungsaufnahme pure Emotion und an Familientraditionen gekoppelt. Mit der Emotionalisierung des Themas Fleisch lässt sich wunderbar von wirklich wichtigen Themen ablenken. Das Grundbedürfnis Essen ist zu einem weiteren Bestandteil des Kulturkampfs geworden. Deswegen kann man nur hoffen, dass im Bundestag endlich mal wieder die Vernunft obsiegt und der unsinnige Beschluss des EU-Parlaments auf nationaler Ebene einkassiert wird.