Bad Oldesloe  Warum die Trauer um Geschäfts-Schließungen oft Heuchelei gleicht

Patrick Niemeier
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Von Patrick Niemeier
| 23.10.2025 06:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Bei Izoda in Bad Oldesloe läuft der Räumungsverkauf. Das Ende einer Innenstadt-Geschichte. Foto: Patrick Niemeier
Bei Izoda in Bad Oldesloe läuft der Räumungsverkauf. Das Ende einer Innenstadt-Geschichte. Foto: Patrick Niemeier
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Sobald ein neuer Abgang oder Leerstand in der Innenstadt verkündet wird, bricht meist eine Welle der Betroffenheit aus. Dabei passt das laute Klagen über „Geisterstädte“ oft gar nicht zum Grund für das Ladensterben.

Es ist mittlerweile so verlässlich wie das Amen in der Kirche oder der Paketbote mit der Amazon-Prime-Lieferung: Sobald in einer kleineren Innenstadt ein Geschäft final schließt, schwillt der digitale Chor der Empörung und Betroffenheit an. Facebook und Instagram füllen sich dann mit dystopischen Wehklagen, Leserbriefe tropfen vor Betroffenheit, und irgendjemand orakelt: „Jetzt stirbt die Innenstadt endgültig.“

Was in der Erzählung allerdings gern vergessen wird: Selten schließt ein Einzelhändler ein Geschäft, weil die Türen von kaufwütigen Massen eingetreten wurden. Keine Händlerin dürfte je gesagt haben: „Ich kann die ganzen Kunden nicht mehr bedienen, ich muss hier raus!“ Nein. Die meisten Läden starben einen langsamen, stillen Tod – den Tod durch zu viel Desinteresse.

Erst jahrelanges Schulterzucken, dann – sobald die Schließung feststeht – die große Trauerwoche. Menschen, die seit Jahren am Geschäft vorbeigingen, posten plötzlich Fotos von Ladenfassaden, als wäre sie ein Unesco-Weltkulturerbe. Währenddessen sammeln sich die Menschen am Postschalter beim Zeitschriftenhändler mit ihren Retoure-Paketen. Eine Prozession der digitalen Bequemlichkeit. Da stehen sie, mit den Symbolen des eigenen Widerspruchs in der Hand: die Jeans von Zalando, der Mixer von Amazon, der Kinderrucksack von Temu – alles zurück, bitte! Das ist ja so praktisch. Und draußen klagt man dann, dass die Läden „früher so schön waren“.

Natürlich, das Leben ist teurer geworden. Aber es ist schon faszinierend, wie prall die Tüten bei Tedi gefüllt sind, während in manchen inhabergeführten Geschäften manchmal die Verkäuferin froh ist, wenn überhaupt jemand die Tür aufmacht – selbst wenn es nur der Wind ist.

Die gleiche Kundschaft, die nostalgisch über „die gute alte Zeit“ schwärmt, zieht heute lieber am Discount-Regal vorbei, als wäre lokales Einkaufen ein Luxusgut für Millionäre. Das ist kein moralisches Urteil, sondern schlicht ökonomische Realität.

Marktwirtschaft ist am Ende des Tages halt kein Wellnesskonzept: Wer kauft, bestimmt, wer bleibt. Und jeder Euro, der online oder in der Billig-Kette landet, ist ein kleiner Stimmzettel gegen das Schaufenster um die Ecke. Das kann man so machen. Aber wer diese Wahl regelmäßig trifft, sollte später nicht so tun, als wäre das Ergebnis eine Überraschung.

Denn am Ende klagen wir nicht über den Untergang der Innenstadt – wir beklagen nur die Folgen unseres eigenen Verhaltens. Wir lieben die Vorstellung von kleinen, charmanten Läden – solange sie keine Kassen haben. Wir posten #supportyourlocals, während der DHL-Fahrer schon wieder an der Tür klingelt.

Das Gejammer über die toten Geschäfte erinnert an die Blumenberge auf Gräbern von Menschen, bei denen man dachte, dass zur Beerdigung nur zwei Leute kommen. Die, die auch im Leben immer da waren. Doch plötzlich stehen alle da – spät, schön, betroffen, mit dunklen Sonnenbrillen auf und jeder Menge Kränzen und Gestecken.

Die Ironie ist nur: Die Blumen stammen vermutlich nicht vom Floristen, sondern wahrscheinlich aus dem Discounter.

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