Wyk Föhr  Nach dem Todesfall auf dem Jahrmarkt von Föhr: Bedrückte Stimmung zwischen Karussels und Buden

Susan Müller-Paulsen
|
Von Susan Müller-Paulsen
| 21.10.2025 10:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Stofftiere, Kerzen und ein Bild säumen die Stelle, wo der 35-Jährige starb. Foto: Susan Müller-Paulsen
Stofftiere, Kerzen und ein Bild säumen die Stelle, wo der 35-Jährige starb. Foto: Susan Müller-Paulsen
Artikel teilen:

Nach einem Todesfall auf dem Jahrmarkt in Wyk herrscht gedrückte Stimmung. Veranstalter und Schausteller setzen den Markt unter Auflagen fort. Eine Gedenkstätte erinnert an das Unglück.

Wolkenloser, blauer Himmel über Föhr – Jahrmarktswetter, wie man es sich nicht besser wünschen kann. Trotzdem herrschte am Sonntagnachmittag eher gedämpfte Stimmung auf dem Platz. Viele Familien schlenderten an Buden und Fahrgeschäften vorbei, das übliche Gedrängel und Geschiebe in den engen Marktgassen blieb aus. Weit weniger Besucher als sonst hatten sich offenbar auf den Weg zur Veranstaltung gemacht. Über die sozialen Medien war die Nachricht über den tödlichen Zwischenfall noch in der Nacht auf Sonntag auf der Insel bekannt geworden. Mancher Insulaner hatte so an diesem Tag vielleicht keine Lust auf unbefangenen Spaß.

Für die meisten Kinder aber war es vermutlich ein Jahrmarktstag wie in jedem Jahr: Karussellfahren, Zuckerwatte, mit Glück ein Hauptgewinn beim Dosenwerfen. Dass einige Buden ganz geschlossen waren, manche Karussells ihren Betrieb ohne Musik laufen ließen, mag nur Eltern oder Großeltern aufgefallen sein.

Die Gespräche der Erwachsenen – vor allem rund um den Ort des Unglücks, unmittelbar vor dem Autoscooter – drehten sich jedoch vielfach um die tragischen Ereignisse des Sonnabends. Der Tote war ein vertrautes Inselgesicht, die Familie ist auf Föhr bekannt und unternehmerisch in ganz Nordfriesland tätig. „Wir machen hier weiter für die Kinder“, erklärte am frühen Nachmittag, spürbar beklommen, der Obmann der Marktleute, Frank Schacht, der einen Süßwarenstand betreibt. Wie viele seiner Kollegen ist er seit Jahrzehnten Stammgast auf dem Wyker Jahrmarkt und fühlt sich der Insel verbunden. Er blieb, wie viele andere auch, wortkarg.   

An der Unglücksstelle, direkt vor dem Autoscooter, hatten am frühen Sonntagmorgen nur zwei einzelne Ewigkeitslichter gestanden. Bis zum Nachmittag war daraus eine Gedenkstätte mit Kerzen, Stofftieren und Blumen geworden, im Zentrum ein Schwarz-Weiß-Bild des Verstorbenen. Absperrgitter umgaben die Stelle. Immer wieder blieben Menschen stehen, hielten für einen Moment inne. An den umliegenden Getränkeständen nur vereinzelte Grüppchen, keine der sonst für den Wyker Jahrmarkt üblichen, oft lautstarken Menschentrauben.

Bis zum Abend hielt sich die gedrückte, aber ruhige Stimmung. Für die Mitarbeiter des Ordnungsamts am Abend dennoch eine angespannte Situation, hatten doch in den sozialen Netzwerken verschiedene Gruppen im Vorfeld relativ aggressive Posts veröffentlicht. Für die Ordnungskräfte gab es allerdings keine Notwendigkeit, einzugreifen. Noch am Abend des Unglücks war die Security-Firma, deren Mitarbeiter am Vorfall beteiligt waren, vom Markt abgezogen worden und durch die Kräfte des Amts ersetzt worden. Möglicherweise hatte dies rechtzeitig zur Beruhigung der zu diesem Zeitpunkt erregten Gemüter geführt. Bürgermeister Uli Hess, derzeit Vertreter des eigentlich zuständigen Amtsdirektors Christian Stemmer, hatte sich dennoch vorbehalten, bei Zwischenfällen den Jahrmarkt vorzeitig abzubrechen.

Am Sonntagvormittag waren Vertreter der Schausteller, der Föhr Touristik GmbH als Veranstalter, Mitarbeiter des Ordnungsamts und der Amtsverwaltung zusammengekommen, um über den Fortgang des Jahrmarkts zu beraten. In Abstimmung mit der Familie des Verstorbenen entschieden die Verantwortlichen, die beliebte Traditionsveranstaltung fortzusetzen, allerdings unter Auflagen. Marktleiter Roberto Caso, bei der Föhr Touristik (FTG) für Veranstaltungen zuständig, fiel die schwierige Aufgabe zu, den Schaustellern den Beschluss mitzuteilen: Öffnung des Markts von 14 bis 21 Uhr, gedämpfte Musik – so die Vorgaben. Für den Insulaner Caso, der die FTG zum Jahresende verlässt, ein trauriges Ende seiner Tätigkeit. Wie alle anderen an diesem kühlen Herbstmorgen blieb er schweigsam und wirkte merklich angeschlagen.   

„Die Betroffenheit der Schausteller ist groß“, hatte am Sonntagvormittag Ludolf Fock, der Betreiber des Autoscooters, erklärt. Vor seinem Fahrgeschäft hatte sich das Unglück abgespielt. „Wir hätten uns nach den Wünschen der Wyker gerichtet“, so der Neumünsteraner Unternehmer. Auch eine komplette Schließung hätte man akzeptiert. „Geld spielt da keine Rolle“, hatte auch Dieter Fehlauer vom Fahrgeschäft „Break Dancer“ betont und sich eine Schweigeminute für den Abend gewünscht.

Exakt um 20.15 Uhr, 24 Stunden nach dem tragischen Zwischenfall, verdunkelten sich so am Autoscooter und den anderen Marktständen die Lichter, die Lautsprecher an den Buden verstummten, der Betrieb kam zur Ruhe. Eine Gruppe von etwa 30 Freunden des bekannten Insulaners versammelte sich auf der Fläche des Fahrgeschäfts, auch rundherum blieben die Menschen stehen. Ein Sprecher erinnerte an den Verstorbenen und bat aus Respekt ihm und der Familie gegenüber um einen Moment des stillen Gedenkens.

Obwohl, behördlich genehmigt, der Jahrmarktsbetrieb noch bis 21 Uhr hätte weiterlaufen dürfen, endete damit der Abend auf dem Platz.

Die Erinnerungsstätte vor dem Autoscooter wird über den Abbau des Jahrmarkts hinaus erhalten. Bürgermeister Ulli Hess erklärte am Montag nach einem Gespräch mit der Familie: „Mindestens bis zur Beerdigung bleiben Kerzen und Blumen vor Ort“. Das Ordnungsamt werde nach dem Abbau der Fahrgeschäfte für eine entsprechende Sicherung sorgen. „Der Wyker Jahrmarkt wird aber sicher immer mit der Erinnerung an diesen Schicksalsmoment verbunden sein“, so Hess.

Ähnliche Artikel