Münster Begegnung mit Roland Kaiser: Vier Gründe für seinen Erfolg
Seit 50 Jahren ist Roland Kaiser im Schlager oben mit dabei. Was macht gerade ihn zum Evergreen? Vier Thesen zum Erfolg hinter „Joana“, „Santa Maria“ und „Manchmal möchte ich schon mit dir“.
Das Cineplex in Münster ist ein Meer aus rosa Krönchen. 1500 Fans sind zur Premiere des Konzertfilms „50 Jahre Roland Kaiser“ gekommen – und zumindest für die Frauen gehört der blinkende Haarreif zur Standardausstattung. Die Doku zum Bühnenjubiläum des Sängers lässt Hits wie „Joana“ und „Santa Maria“ Revue passieren. Die Band ist im Kinosaal mit dabei, und Roland Kaiser selbst wird auf der Bühne mit noch einer Goldenen Schallplatte überrascht.
Vor dem Film gibt uns der 73-Jährige noch ein Interview. Im fünften Stock hat der Kinobetreiber eine Maske für Kaiser und seine Familie improvisiert. Die Anrichte ist voller Schokolade, PR-Leute, ein Kamera-Team und Boten mit frischen Anzügen geben sich in dem engen Raum die Klinke in die Hand. Was macht den Musiker auch nach 50 Jahren so erfolgreich? Vier Thesen zur Begegnung:
Die größten Hits von Roland Kaiser stammen aus einer Zeit, in der früh geheiratet wurde. Dass man sich vorher ausprobiert, wurde unter der Hand vielleicht noch Männern zugestanden. Aber auch die banden sich früh. Kinder kamen Ende der 70er ebenfalls früher. Das Publikum, das sich Kaisers Platten damals in den Partykeller stellt, steht also schon mit Ende 20 vor der Frage, ob es das erotisch jetzt gewesen ist. Und während Kollegen wie Howard Carpendale noch die Sehnsucht nach der romantischen Liebe besingen, entdeckt Kaiser als Marktlücke die Sehnsucht nach dem Seitensprung.
Und er findet eine wuchtige Sprache dafür: „Manchmal möchte ich schon mit dir eine Nacht das Wort Begehren buchstabieren“, singt er 1982 über die Lust auf die Frau des besten Freundes. Und er buchstabiert weiter. Roland Kaiser will Haut an Haut verbrennen und gemeinsam explodieren, er sieht nachts die Sonne aufgehen und die Vernunft in Lust untergehen. Kaisers Konzerte dampfen. Seine Metaphern für Sex sind besser als die Sache selbst.
Sehen Sie hier den Trailer zum Film „50 Jahre Roland Kaiser“
„Geboren, um Liebe zu geben“, singt Roland Kaiser über seine erotische Göttin „Joana“ (1984). In Wahrheit nimmt sie eher, als dass sie gibt. „Da ist die Situation, dass eine Frau, die dem Erzählenden völlig fremd ist, ihn einfach vernascht“, erklärt Roland Kaiser uns im Interview sein Lied. Und stellt dann fest: „Am reizvollsten finden Frauen die Geschichte.“
Und es stimmt: Die Frauen in Kaisers Schlagern sind sexuell so aktiv wie in den 70ern sonst nirgendwo. Die freie Liebe der 68er ist vor allem eine Freiheit der Männer (Wir erinnern uns: Im „Münchner Harem“ kommen fünf Frauen auf einen Langhans.) Vom Schulmädchen-Report bis zur Seifenreklame bringt die sexuelle Revolte eine Flut nackter Brüste hervor – und macht Frauen zum Objekt. In diesem Muster gleichen sich Pop- und Protestkultur.
Nur Roland Kaiser, mit dem sicheren Instinkt des Verführers, weiß schon immer: Frauen haben auch selber Lust. Auf ihn zum Beispiel. Bei allem, was man an Kaisers Texten auch schief finden darf: Was diesen Mann so sexy macht, das ist, dass er Frauen schon immer als sexuelle Subjekte ernst nimmt.
„Lieber Roland Kaiser! Mein größter Wunsch ist ein Foto mit Ihnen!“ Das steht bei der Filmpremiere auf dem Plakat einer Frau am roten Teppich. „Mit Ihnen“ – nicht „mit Dir“. Mit Roland Kaiser träumt man vielleicht vom Seitensprung. Bis zum Du geht die Vertraulichkeit aber nicht. Roland Kaiser ist immer beides zugleich: Komplize unseres heimlichen Verlangens – aber auch der Gentleman im Dreiteiler.
Zum Interview empfängt der Sänger uns nicht allein. Wir sitzen in der Maske, in der seine Tochter Annalena sich für die Premiere schminkt. Sind die Fragen über seine frivolen Songs ihr womöglich peinlich? Darüber lachen beide nur. Auf der Bühne, sagt er, ist er derselbe Mann wie zu Hause. Später kommt auch noch seine Frau dazu. Ist Roland Kaiser also ein derartiger Schwerenöter, dass gleich zwei Generationen von Frauen auf ihn aufpassen müssen? Im Gegenteil: Der Schlagerstar für gewisse Stunden ist einfach auch ein Vater und Ehemann. Wie schön.
Roland Kaiser trägt Dreiteiler. Roland-Kaiser-Fans tragen T-Shirts mit dem Sänger im Dreiteiler. Und das dürfte dann auch schon der größte Unterschied zwischen dem Star und seinem Publikum sein. Was immer bei den Fans zu Hause los ist, passiert auch in seinen Liedern: Ehebruch und Eifersucht, wieder aufgeflammte Jugendlieben, Beziehungsgespräche, Trennungen und Abschiedssex. Für Paare, die mit Ach und Krach monogam leben, bieten seine Songs Identifikationsangebote im Komplettpaket.
Das war schon immer so, aber seit einigen Jahren ist noch etwas dazugekommen. Vor 15 Jahren machte Roland Kaiser seine Lungentransplantation öffentlich – und sich selbst damit noch nahbarer. „Ich bilde Situationen ab, die auch anderen Menschen passieren könnten.“ Was er über seine Liebeslieder sagt, das gilt für seine Krankheit erst recht. Wenn er sich seit fünf Jahrzehnten nicht nur auf der Bühne hält, sondern die Bühnen auch noch immer größer werden, dann ist auch das der Grund: Roland Kaiser ist wie wir, mit allen Sorgen und Nöten.
Roland Kaiser im Gespräch: Unser großes Interview mit dem Sänger lesen Sie in wenigen Tagen an dieser Stelle.