Berlin Boomer gehen in Rente: Topökonom Fratzscher zeichnet düsteres Zukunftsbild
Die Babyboomer gehen in Rente. Durch den Ruhestand der geburtenstarken Jahrgänge gehen der Wirtschaft Millionen von Arbeitskräften verloren. Marcel Fratzscher befürchtet Schlimmes.
Niemand weiß so genau, wie die Zukunft wird. Auch Marcel Fratzscher, Präsident des größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts DIW nicht. Doch der renommierte Ökonom blickt nicht optimistisch in die Zukunft. Grund dafür sind die Babyboomer. Oder besser gesagt: ihr Fehlen. „Während unsere Bevölkerung noch stabil ist, sinkt die Zahl der Beschäftigten“, erklärt Fratzscher.
Die Menschen, die zwischen 1955 und 1969 geboren wurden, sind gerade dabei, in Rente zu gehen. Die geburtenstärksten Jahrgänge fallen also als Produzenten weg und konsumieren weniger, weil das Einkommen im Alter meist zurückgeht. „In den nächsten zehn Jahren werden wir durch den Renteneintritt der Babyboomer unter dem Strich fünf Millionen Arbeitskräfte verlieren“, warnt Fratzscher im Gespräch mit unserer Redaktion. Das ist mehr als ein Zehntel der Erwerbstätigen in Deutschland und dürfte einige Lücken hinterlassen. Unternehmen hätten es dann noch schwerer, Mitarbeiter zu finden, etwa um ihre Produktion zu vergrößern oder mehr Aufträge anzunehmen. Fratzscher warnt: „Das ist problematisch, auch weil es viele Unternehmen in die Insolvenz treiben könnte.“
Hinzu kommt: Wenn die Boomer-Generation nicht mehr arbeitet, ist sie vom Rentensystem abhängig. „Die Babyboomer haben sehr wenige Kinder bekommen – und sie haben eine steigende Lebenserwartung. Das ist natürlich schön, aber führt nun mal zu Problemen für die umlagefinanzierten Sozialsysteme“, erklärt der DIW-Präsident.
Immer weniger Beitragszahler müssten immer mehr Rentner versorgen. „In der Praxis bedeutet das eine immer höhere Belastung durch Steuern und Sozialabgaben.“ Das könne sich zu einem Teufelskreis entwickeln: „Das macht es für Unternehmen aber attraktiver, ins Ausland zu gehen, was natürlich wieder dazu führen würde, dass die Zahl der Beschäftigten weiter sinkt“.
Für die weitere Zukunft prognostiziert Fratzscher sinkende Bevölkerungszahlen: „Anders als bei steigenden Bevölkerungszahlen wächst die Wirtschaft nicht mehr von selbst“, fasst Fratzscher zusammen. Damit die Wirtschaft weiter wachsen könne, müsse man „aktiv gegensteuern“. Als notwendige Maßnahme nannte er, auf „mehr Zuwanderung“ zu setzen. Nur so habe man „mehr Hände, die etwas produzieren“. Er betonte, dass die Verluste allein durch Produktivitätssteigerungen der verbliebenen Arbeitskräfte „kaum dauerhaft auszugleichen“ seien.